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Papenburg: So abhängig ist die Stadt von der Meyer Werft


"Ist die Meyer Werft weg, ist Papenburg tot"


16.09.2023Lesedauer: 4 Min.
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Historische Schiffe der Meyer Werft und deren Nachbauten sind im Stadtbild der Stadt Papenburg verankert. Hier zu sehen: Die "Thekla von Papenburg".Vergrößern des Bildes
Historische Schiffe der Meyer Werft und deren Nachbauten sind im Stadtbild von Papenburg verankert. Hier zu sehen: die "Thekla von Papenburg". (Quelle: Nina Hoffmann)

Wie viel wirtschaftliche Abhängigkeit verträgt eine Stadt? Diese Frage stellen sich einige Menschen im Werftstandort Papenburg.

Große Blumenkübel reihen sich entlang des Kanals auf. Touristen sausen auf ihren E-Bikes durch die Straßen. Grüppchen mit ergrauten Haaren stecken die Köpfe über Kuchentellern zusammen. Das Papenburger Stadtbild wird von Beschaulichkeit beherrscht. Doch die Idylle hängt an einem seidenen Faden – nämlich am Erfolg der Meyer Werft und dem auch mit ihr in Verbindung stehenden Tourismus. Wie gefährlich ist das?

Die deutsche Schiffsindustrie kämpft seit Jahren mit Problemen. Internationale Konkurrenz und die Corona-Pandemie haben zu einer Krise der Branche geführt. Aktuell arbeiten im deutschen Schiffbau rund 17.000 Menschen, schreibt die "FAZ" im Juni. Um mehr als 14 Prozent ist die Zahl im vergangenen Jahr gesunken. Grund sind Insolvenzen in der Branche. Hierzu zählt auch der Untergang der MV Werften. Mit knapp 2.000 Mitarbeitern war sie einer der größten Arbeitgeber in der Region. Obwohl sich die Branche derzeit erholt, ist sie gezeichnet.

Meyer Werft während Corona: Hunderte Kündigungen drohten

Auch die Meyer Werft, die seit mehr als 200 Jahren einen Standort in Papenburg führt, kämpft mit der Krise. Rund 3.600 Beschäftigte sind derzeit in der Werft angestellt. Hinzu kommen zahlreiche Angestellte von Subunternehmern und Zulieferern. Fast alle Angestellten stammen aus der Umgebung, sagt Florian Feimann, Sprecher der Meyer Werft. Die Werft ist in der Region einer der größten Arbeitgeber. Und: Sie lockt Touristen an.

Einige der Arbeitsplätze waren im Zuge der Pandemie bedroht. Rund 100 Angestellte verließen die Werft mit einer Abfindung. Weitere Kündigungen konnten im vergangenen Jahr vorerst ausgesetzt werden. Geholfen hätten staatliche Unterstützung und unter anderem der wichtige Auftrag für den Bau der "Carnival Jubilee", erklärt Feimann.

"Die Firma hat 'ne Menge Macht"

Was macht all das mit den rund 40.000 Papenburgern? Eine von vielen Antworten auf diese Frage lässt sich nahe der Alten Werft, die zum Hotel umfunktioniert wurde, finden. Zu fünft sitzen sie dort auf der Rückseite am Wasser. Männer, denen man aus den Händen die berufliche Vergangenheit ablesen kann. Hornhaut wölbt sich auf ihren Fingern. Sie sind Maurer, Tischler, Schlosser, Verkäufer und Pfleger. Fast alle von ihnen sind Anfang 50. Ihre Namen wollen sie lieber nicht verraten. Auf die Frage, wie die Werft ihr Leben beeinflusst, fragt einer: "Wollen Sie die lange oder die kurze Antwort?"

Der gelernte Tischler entscheidet sich für Letzteres. "Ist die Werft weg, ist Papenburg tot", sagt er. Die blassblauen Augen weit aufgerissen. "Die Firma hat 'ne Menge Macht." Die Männer um ihn herum nicken. Im Gespräch folgt dann aber doch noch eine längere Antwort auf die Frage. Sprechen sie über die Werft, kommen Kindheitserinnerungen auf. Ihre Väter haben dort gearbeitet, manche Verwandte tun es heute noch. Und einer von ihnen arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten selbst dort – als Schlosser.

Stadt präsentiert sich als "innovativer Werftstandort"

"Ich kann mich nicht beklagen", sagt der Werftarbeiter. Statt Kritik zu äußern, zückt er sein Handy. Seine Freundin habe ihm gerade ein Foto aus dem Urlaub geschickt. Er präsentiert das Display und tippt auf die roten Lippen des fotografierten Aida-Kreuzfahrtschiffs. "Das hab ich mitgebaut", sagt er stolz. Mit seinem Lohn sei er zufrieden, mit seinem Arbeitsumfeld ebenso. Er schwingt sich auf sein Fahrrad – die Familie wartet.

Auf der Seite der Stadt präsentiert sich Papenburg unter dem Reiter Tourismus als "innovativer Werftstandort". Fast die ganze Seite nimmt Werbung für Touren durch und Ausflüge zur Werft ein.

Auch auf Nachfrage von t-online zeigt sich die Stadt vom positiven Einfluss der Werft überzeugt. Als wichtiger Arbeitgeber sei das Unternehmen daran beteiligt, in Kooperationen mit kleinen und mittleren Unternehmen, etwa den Zulieferern, "neue Produkte und Prozesse mit innovativen Ideen" zu entwickeln und zu optimieren. So könne die Stadt als "maritimer Wirtschaftsstandort zukunftsorientiert ausgebaut (...) und nachhaltig gestärkt" werden, heißt es.

"Die Werft ist ein zentraler Knotenpunkt der Region", sagt Karla Freesemann. Sie sitzt gemeinsam mit Freundin Susanne Chenzinski in einem Café am Kanal. Die 71-jährige Freesemann ist im nahe gelegenen Leer aufgewachsen und lebt noch heute dort. In Papenburg genießt sie die Idylle. Ihr Mann machte sich vor mehreren Jahrzehnten für das Sperrwerk stark, damit die Werft in der Region bleiben kann. "Die Naturschützer haben das beklagt, ich verstehe das", sagt sie mit Blick in die Vergangenheit. "Aber wir brauchen die Werft."

Die Werft wird gebraucht. Doch kann sie bleiben? Auf die Frage, ob das Unternehmen noch im Krisenmodus stecke, reagiert Werft-Sprecher Feimann mit einem kurzen Zögern. Dann sagt er: "Im auslaufenden Krisenmodus." Das hänge auch von der künftigen Auftragslage ab. Die Firma sei zuversichtlich. Konkurrenzfähig könne die Werft bleiben, indem sie auf ihre Stärke setze: Forschung und Entwicklung – vor allem auch beim Thema der nachhaltigeren Kreuzfahrt. Mehrere Schiffe, so auch die "Carnival Jubilee", wurden mit LNG-Betrieb erbaut.

Das Unternehmen vertraue in seine Zukunft, erklärt Feimann. "Immerhin ist die Kreuzfahrt ein faszinierendes Produkt – das hat ja nie aufgehört."

Verwendete Quellen
  • Besuch vor Ort
  • Persönliches Gespräch mit Werft-Sprecher Florian Feimann am 12. September 2023
  • faz.net: "Deutsche Werften schlagen Alarm"
  • papenburg-marketing.de: "Herzlich Willkommen in Papenburg."
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