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"Letzte Generation": Klimakleber Christian Bläul will ins EU-Parlament 2024


Dresdner "Klimakleber" will ins EU-Parlament
"Die Grünen wollten mich nicht"

InterviewVon Marvin Graewert

27.02.2024Lesedauer: 5 Min.
Interview
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Von der Straße ins EU-Parlament: Christian Bläul wird deutschlandweit auf dem Stimmzettel stehen.Vergrößern des Bildes
Von der Straße ins EU-Parlament: Damit Christian Bläul deutschlandweit auf dem Stimmzettel steht, muss die "Letzte Generation" bis Samstag 4.000 Unterstützungsunterschriften sammeln. (Quelle: LausitzNews/imago-images-bilder)

Die "Letzte Generation" will mit Dresdens bekanntestem Klimaaktivist ins EU-Parlament. Auf dem Wahlzettel hat Christian Bläul als Beruf "Klimakleber" angegeben. Ein Interview über die strategische Neuausrichtung.

t-online: Sie haben Ihren Job gekündigt, um Vollzeit-Aktivist zu werden. Jetzt soll die Arbeit im EU-Parlament dazukommen. Welches Ereignis hat diese Entwicklung ausgelöst?

Christian Bläul: Mit der Geburt meiner Tochter im Jahr 2006 habe ich vieles umgestellt: Ich habe aufgehört zu heizen, Auto zu fahren und zu fliegen. Anfangs habe ich Petitionen nur mitgezeichnet, später habe ich sie selbst gestartet und schließlich Demos mitorganisiert.

Bei legalem Protest blieb es nicht: Für Ihre Proteste mit der "Letzten Generation" wurden Sie mehrfach verurteilt. Was hat Sie dazu getrieben, diese Grenzen zu überschreiten?

Die "Fridays For Future"-Bewegung hat zwar einen großen Teil der Gesellschaft dafür sensibilisiert, wie wichtig es ist, sich beim Umweltschutz zu beeilen. Die Klimapolitik hat sich trotzdem nicht grundlegend verändert, weil sich die meisten Politikerinnen und Politiker nicht an große Projekte herantrauen. Das war für mich der ausschlaggebende Punkt, den 'normalen Weg' zu verlassen. Ich konnte nicht weiter brav sein: Gerade bei so einer drängenden Krise ist es für mich legitim, bestimmte Regeln zu brechen.

Seit diesem Jahr gibt es bei der "Letzten Generation" einen Strategiewechsel – weg vom Klebe-Protest: Ist die Kandidatur für das EU-Parlament ein Eingeständnis, dass diese Protestform falsch war?

Nein. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass wir mit dem Klebe-Protest alles erreicht haben, was in Deutschland möglich ist: In Kantinen oder WGs wurde auf einmal ganz anders über Klimaschutz gesprochen. Auf einmal musste man sich positionieren. Leider haben sich auch einige Menschen dafür entschieden, dass es schon jetzt beim Umweltschutz zu schnell vorangeht. Andere, die unentschlossen waren, haben jetzt eine klare Meinung.
Zwar wurden unsere Forderungen bisher nicht erfüllt, aber unser Protest hat zum Beispiel laut Jürgen Trittin zu mehr Ausbau der Erneuerbaren geführt. Außerdem haben zwar keine konkrete Maßnahme erzielt, aber wir haben es geschafft, dass Menschen aus dem Verdrängen herausgekommen sind, und das wird auch mit Blick auf das EU-Parlament weiter unser Ziel sein.

Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, bei der EU-Wahl anzutreten?

Die Entscheidung kam erst diesen Monat, und wir haben uns für die nächstmögliche Wahl, also für das EU-Parlament, entschieden.

Also vier Monate vor der Wahl des EU-Parlaments. Zum Vergleich: Die Volt-Partei hat zwei Jahre gebraucht, um sich für die EU-Wahl aufzustellen. Wieso geht das bei Ihnen so schnell?

Die Idee hat schon länger im Raum geschwebt, aber wir haben zuerst beobachtet, was in anderen Parlamenten passiert. Zum Beispiel habe ich mir in Schweden angeschaut, wie sich die Klimaallianz schlägt, die sich im Herbst 2021 aus den Klimaprotesten gegründet hat und ebenfalls für EU-Parlament kandidiert. Als wichtigsten Impuls habe ich mitgenommen, es einfach zu versuchen: Politische Durchbrüche erfordern den Mut zu unkonventionellen Schritten.

Bei der Europawahl 2019 standen bereits 41 Parteien auf dem Wahlzettel, dieses Jahr könnten es sogar noch mehr sein: Wollen Sie die Parteienlandschaft noch weiter zerstückeln?

Ich denke, dass Vielfalt und Diversität auf dem Wahlzettel wichtig sind – gerade, wenn die Wahlbeteiligung so gering ist, wie bei der Europawahl. Viele Repräsentanten zu haben, ist da ein wichtiger Ansatz. Auch wenn durch uns der Wahlzettel länger wird, werden wir uns im Parlament einer bestehenden Fraktion anschließen. Deshalb sehe ich keine Gefahr, dass wir die Arbeit im Parlament stören.

Es gibt aber auch andere Beispiele aus der Klimabewegung, wo sich Aktivisten etwa den Grünen angeschlossen haben – trotz programmatischer Unstimmigkeiten. Gab es keine bestehende Partei, für die Sie sich eine Kandidatur vorstellen konnten?

Ich hätte es mir sehr gut vorstellen können, bei den Grünen aktiv zu werden – die ja ebenfalls aus Protesten entstanden sind und es dadurch ins Parlament geschafft haben. Aber die Grünen wollten mich nicht aufnehmen. Wegen meiner Arbeit bei der "Letzten Generation".

Wie konkret war das?

Es gab mit den Grünen zwei intensive Gesprächsphasen. Dafür gab es von anderen Parteien, wie den Linken, Angebote, auf die Liste zu kommen, aber das hat für mich nicht gepasst.

Mit welchen Forderungen tritt die "Letzte Generation" zur Wahl an?

Wir orientieren uns stark daran, was wir bereits auf der Straße gefordert haben: mehr Bürgerbeteiligung und den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Und dass die Transformation zu Netto-Null bei Treibhausgasen so sozialverträglich wie möglich abläuft. Wir werden im Parlament die unignorierbare Stimme der Klimaproteste sein.

Forderungen, die auch in anderen Parteiprogrammen zu finden sind ...

Der Unterschied zu anderen Parteien ist, dass uns unser Ruf egal ist. Uns ist es wichtiger, klar zu sagen, was getan werden muss, statt aus strategischen Gründen zu schweigen.

Am meisten Aufmerksamkeit haben Ihre Störaktionen bekommen: Wollen Sie das EU-Parlament als Bühne für neue Aktionsformen nutzen?

Ich persönlich nicht. Die "Letzte Generation" ist aber offen für Ideen, um den ganz normalen Diskurs im Parlament zu durchbrechen. Das ist ein Gebiet, das wir noch nicht so ganz erkundet haben. Wir sind uns aber darin einig, dass es uns nicht darum geht, den Parlamentsbetrieb zu stören.

Werden Gelder aus dem EU-Parlament zurück in die Aktionen der "Letzten Generation" fließen?

Wir planen, mit minimalen Mitteln auszukommen und den Großteil unserer Abgeordnetengehälter der gesamten Klimabewegung zur Verfügung zu stellen. Eine Stimme für uns ist eine Möglichkeit, die "Letzte Generation" zu finanzieren. Natürlich nicht ausschließlich. Wir wollen auch an Scientist Rebellion, Fridays For Future, Ende Gelände und so weiter spenden. Wir müssen nur aufpassen, dass wir das Geld nicht zu locker verteilen.

Zuerst müssen Sie noch Unterschriften sammeln, um überhaupt auf den Stimmzettel zu kommen. Aktuell sammeln Sie etwa in Dresdner Fußgängerzonen. Da treffen Sie doch genau die Menschen, die wegen Ihrer Aktionsformen im Stau gestanden haben: einen Flug oder ein Familientreffen verpasst haben. Rächt sich das jetzt?

Es ist auf jeden Fall so, dass in dem Moment, in dem wir sagen, dass wir von der "Letzten Generation" sind, viele Gespräche entstehen. Unser Protest hat die Leute sehr beschäftigt, egal, ob sie für uns Solidarität empfinden oder unsere Aktionen als sehr störend wahrgenommen haben. Und das ist uns bewusst. Wir sind nicht angetreten, um beliebt zu sein, sondern um die Zukunft zu schützen.

Verwendete Quellen
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