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Frankfurt am Main: Anwalt kritisiert Polizeigewalt: "Könnte ausrasten"


"Könnte ausrasten"

Von Stefan Simon

Aktualisiert am 09.09.2022Lesedauer: 3 Min.
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Der Betroffene nach dem Vorfall (links) und rechts bei seiner Festnahme.Vergrößern des Bildes
Der Betroffene nach dem Vorfall (links) und rechts bei seiner Festnahme. (Quelle: Privat/Instagram/Fotomontage t-online)

Ein Video von Polizeigewalt geht in den sozialen Medien viral. Der Anwalt André Miegel kritisiert die Polizei und findet, dass der Betroffene noch Glück hatte.

"Rauskommen. Ich will deine Hände sehen", brüllt ein Polizist vor einem Imbiss zu einem jungen Mann. Der Mann kommt langsam raus, dann packt ihn der Beamte und presst ihn so fest gegen eine Glasscheibe, bis diese zerbricht. Der junge Mann schreit vor Schmerzen. Es sind Szenen aus einem Handyvideo, das Mitte August in den sozialen Medien viral geht. t-online berichtete über den Vorfall. Die Folgen für den Betroffenen: mehrere Glassplitter im rechten Unterarm, mehrere tiefe Schnittwunden und ein zu 80 Prozent durchtrennter Nerv.

Ob der Polizist in dem Fall wirklich falsch gehandelt hat, ist aktuell nicht klar. Die Ermittlungen wegen des Verdachts der Körperverletzung im Amt stehen noch ganz am Anfang, bestätigt die Frankfurter Staatsanwaltschaft auf Anfrage von t-online.

Doch für den Strafverteidiger André Miegel ist die Sachlage hingegen eindeutig: "Das ist Körperverletzung im Amt. Ich schalte mich jetzt ein und werde den Geschädigten vertreten", sagt er zu t-online. Vor Kurzem hat der Strafverteidiger das Video auf seinem YouTube-Kanal kommentiert. Miegel hatte in der Vergangenheit Promis wie die Frankfurter Rapperin Schwesta Ewa und den DSDS-Star Menowin Fröhlich vor Gericht verteidigt.

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Zu der Sequenz im Video sagt Miegel: "Der Junge hätte für sein Leben geschädigt werden können." Im Gespräch mit t-online berichtet er, dass der Betroffene noch schützend seinen Arm vor sein Gesicht hielt, bevor der Polizist ihn gegen die Glasscheibe presste. "Stellen wir uns vor, er wäre am Kopf verletzt worden. Er hätte Schnitte im Hals oder Auge haben können." Das Verhalten des Polizisten bewertet er als "sinnlos und unverhältnismäßig". "Dass die Polizei dann auch noch bewusst den Vorfall im Bericht falsch beschreibt, ist unfassbar", sagt Miegel.

Die Polizei hatte zunächst geschrieben, dass der Geschädigte sich bei seiner Festnahme an einer "Glasscheibe festhalten wollte, welche jedoch zerbarst. Dabei zog er sich eine tiefe Schnittwunde am rechten Handgelenk zu". Einen Tag später erschien das Video in den sozialen Medien. Noch am selben Tag korrigierte die Polizei ihren Bericht. "Da könnte ich ausrasten", sagt Miegel in seinem YouTube-Video. Dass die Polizei den Vorgang zunächst anders bewertet, ist für Miegel jedoch nichts Neues. "Als Strafverteidiger weißt du, dass das alltäglich ist."

Polizei widerspricht den Vorwürfen des Betroffenen

Zu dem Video will sich die Polizei aufgrund der laufenden Ermittlungen nicht äußern, aber zu den Vorwürfen, die der Betroffene gegen sie erhebt. Denn laut seiner Aussage hätte es 30 Minuten gedauert, bis der Rettungswagen eintraf. Erst dann sei er auch behandelt worden. Außerdem wirft er den Beamten vor, dass sie nicht nach seinem blutenden Arm geschaut hätten und er die ganze Zeit über hätte stehen müssen. Die Polizei selbst sagt, dass der Vorfall sich um 20.50 Uhr ereignete und um 21.08 Uhr der Krankenwagen eintraf. Es vergingen demnach 18 Minuten.

Ein Polizeisprecher sagt zudem, dass nach der Festnahme "durch die eingesetzten Beamten zunächst beruhigend auf den Verletzten eingesprochen und Erste-Hilfe-Maßnahmen geleistet" worden seien. Auch sei dem 26-Jährigen durch die Beamten ein Druckverband angelegt und ihm angeboten worden, sich zu setzen, was dieser zunächst zwar bejahte, es letztlich aber vorzog, zu stehen, da ihm im Sitzen die Hände schmerzten.

Laut dem Erlassbericht der Uniklinik, der t-online vorliegt, befanden sich bei dem Betroffenen über den kompletten rechten Arm verteilt mehrere kleine Glassplitter, mehrere Schnittwunden, eine zum Handgelenk hin vier Zentimeter große Wunde. Zudem schaute der fast durchtrennte Nerv aus der Wunde heraus.

Betroffener leidet unter den Folgen der Verletzung

Und wie geht es dem Betroffenen selbst? "Etwas besser", sagt er. Die letzten Wochen seien hart für ihn gewesen. "Ich bin seit drei Wochen krankgeschrieben, habe kaum Unterstützung und bin schon sehr im Alltag eingeschränkt", erzählt er im Gespräch mit t-online. Er könne nicht einmal alleine einkaufen gehen und müsse seinen Nachbarn um Hilfe fragen. "Ich wohne alleine. Es ist dann wirklich schwierig zu kochen oder mich anzuziehen. Und auch die Blicke von den Leuten auf der Straße sind mir unangenehm", berichtet er.

Nächste Woche kommt der Gips ab. Ab der kommenden Woche habe er mehrere Termine bei der Physiotherapie. Zudem rät ihm Miegel, psychische Hilfe in Anspruch zu nehmen. "Ich rate das meinen Mandanten immer. Denn nach einer solchen unvorhergesehenen und extremen Gewalteinwirkung sitzt der Schock meist tief."

Verwendete Quellen
  • Gespräche mit dem Betroffenen und André Miegel
  • Anfrage bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt
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