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Wie Carmen Wilckens mit alten Fahrrädern die Gesellschaft verändert

Von t-online
28.09.2021Lesedauer: 3 Min.
Carmen Wilckens inmitten "ihrer" Fahrräder: Mit dem Verein Westwind Hamburg e.V. hat sie sich ein Herzensprojekt erfüllt.
Carmen Wilckens inmitten "ihrer" Fahrräder: Mit dem Verein Westwind Hamburg e.V. hat sie sich ein Herzensprojekt erfüllt. (Quelle: Milad J. Panah)
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Carmen Wilckens stattet mit ihrem Verein Westwind Hamburg Geflüchtete und Bedürftige mit Fahrrädern aus. Die größte Freude macht es ihr dabei, andere fürs Ehrenamt zu begeistern. t-online hat mit ihr über ihre große Leidenschaft gesprochen.

Vor ein paar Tagen war eine Schulklasse bei Westwind Hamburg im Schraublabor in Stellingen zu Besuch. Bei deren Projektwoche rund ums Fahrrad passte der ehrenamtliche Verein, der Räder für Geflüchtete und Bedürftige organisiert, wunderbar ins Programm. Und auch ein Problem der Klasse konnte gleich mit gelöst werden: Einige der Kinder besaßen selbst kein Fahrrad.

"Die Freude zu sehen, das Leuchten in den Augen, wenn diese Kinder auf ihr neues Rad steigen und sagen: 'Das ist mein Fahrrad' – das ist ganz wunderbar", sagt Carmen Wilckens. Die 58-Jährige ist Gründerin und Vorsitzende des in ganz Hamburg aktiven Vereins, der seinen Ursprung mit dem Beginn der Flüchtlingswelle 2015 hatte.

Wilckens Mission: Mit Fahrrädern Mobilität und Teilhabe ermöglichen

"Die Geflüchteten wurden damals noch am Rand des Gewerbegebietes untergebracht", erinnert sich Wilckens. "Sie hatten keine Möglichkeit zur Mobilität und Teilhabe in der Stadt." Da sei ihr die Idee zum Fahrrad-Verein gekommen. Gemeinsam mit ein paar Gleichgesinnten fragte sie überall herum, ob Leute nicht Räder übrig hätten, die sie zur Verfügung stellen könnten.

Als Rad-Aktivistin, wie Wilckens sich selbst nennt, war sie in der Szene gut vernetzt. So kamen aus Garagen und Schuppen überall in Hamburg schnell mehr als hundert Spenden-Fahrräder zusammen – und fleißige Helfer, die die Räder in Schuss brachten.

Wilckens Mission neben der Mission: Menschen ermöglichen, ihr Hobby zum ehrenamtlichen Beruf zu machen.
Wilckens Mission neben der Mission: Menschen ermöglichen, ihr Hobby zum ehrenamtlichen Beruf zu machen. (Quelle: Milad J. Panah)

Mittlerweile hat der stetig wachsende Verein mehr als 2.000 Fahrräder verkehrstauglich gemacht und neuen Besitzern zugeführt. Die Zielgruppe hat sich inzwischen ausgeweitet. Neben Geflüchteten werden heute auch anderweitig Bedürftige ausgestattet – seien es Familien mit geringem Einkommen oder ältere Menschen mit schmaler Rente.

Aus Flüchtlingshilfe wurde Hilfsverein auch für Einkommensschwache

Geflüchtete und Einkommensschwache hielten sich dabei in etwa die Waage, so Wilckens. "Die Nachfrage ist groß", sagt sie. "Allein schon dadurch, dass Fahrräder ja wie Schuhe sind. Für einkommensschwache Familien ist es einfach nicht leistbar, jedes Mal, wenn die Kinder wachsen, ein neues Rad zu kaufen."

Ganz umsonst gibt es die Räder auch bei Westwind Hamburg nicht. 15 bis 50 Euro müssen die neuen Besitzer zahlen. Das Flottmachen der Räder, die Werkstatt, die Miete der Halle und die Verwaltung kosten den Verein mehr Geld als durch Spenden herein kommt. "Jedes Jahr aufs Neue müssen wir sehen, dass wir die Kosten gestemmt bekommen", sagt Wilckens.

Mit seiner Arbeit erfüllt der Verein auch Kinder-Träume: Viele Eltern können sich für den stetig wachsenden Nachwuchs keine immer neuen Räder oder Radunterricht leisten.
Mit seiner Arbeit erfüllt der Verein auch Kinder-Träume: Viele Eltern können sich für den stetig wachsenden Nachwuchs keine immer neuen Räder oder Radunterricht leisten. (Quelle: Milad J. Panah)

Wilckens: "Bei uns finden Menschen Erfüllung, indem sie ihr Hobby ins Ehrenamt übersetzen"

Für die Verwaltung sei es dabei schwieriger, Ehrenamtliche zu finden, als für die Werkstatt, bei der man anpacken kann und direkt mit Menschen zu tun hat. Dort arbeiten auch Geflüchtete.

Wilckens sagt: "Viele der Ehrenamtlichen freuen sich, wenn sie sich dort austauschen können über die jeweiligen Länder, die verschiedenen Sprachen, das Essen, über Kultur." Anderen Menschen ein Ehrenamt zu ermöglichen, ist für Carmen Wilckens die größte Motivation für ihr eigenes Engagement.

"Bei uns finden viele Menschen Erfüllung, indem sie ihr Hobby ins Ehrenamt übersetzen: ob etwa als Schrauber oder als Radfahrlehrer." Besonders vielen der geflüchteten Frauen müsse das Radfahren erst beigebracht werden – in einigen ihrer der Heimatländer war das für sie verboten.

Grüner Kern: Überflussgesellschaft ermöglicht Spendenrad-Basis

Bei allen so sichtbar werdenden Erfolgen und positiven Erfahrungen: Carmen Wilckens' Einsatz für die Mobilmachung von Hamburgs weniger Betuchten kostet viel Energie.

Ihr zweites Ehrenamt als Fraktionsmitglied der Grünen in Hamburg hatte sie vor ein paar Jahren aufgegeben, damit sie sich – wohlgemerkt neben ihrem Vollzeit-Beruf als Sachbearbeiterin in der Schienenlogistik – voll auf ihren Verein konzentrieren kann. "Ich hatte erkannt, dass es einfach zu viel war mit zwei Ehrenämtern", sagt sie heute.

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Das Schraublabor, das Carmen Wilckens ins Leben gerufen hat: Mittlerweile arbeiten mehrere Menschen ehrenamtlich an den Fahrrädern, um sie für neue Besitzer zu restaurieren.
Das Schraublabor, das Carmen Wilckens ins Leben gerufen hat: Mittlerweile arbeiten mehrere Menschen ehrenamtlich an den Fahrrädern, um sie für neue Besitzer zu restaurieren. (Quelle: Milad J. Panah)

Immerhin: Ihre grünen Ideale kann Wilckens bei Westwind Hamburg ganz praktisch verwirklichen. "Wir kriegen wahnsinnig viele Spendenräder", sagt sie. "Wir leben halt in einer Überflussgesellschaft. Die Leute kaufen sich gern etwas Neues." Es wäre doch schade, sagt Wilckens, wenn die alten Räder einfach nur herumstehen und langsam verrotten würden.

Der Recycling-Gedanke sei deshalb von Anfang an mit dabei gewesen. Und dass das Rad ein umweltfreundliches Fortbewegungsmittel ist, habe natürlich auch nicht geschadet. Die Konsumfreude der Hamburger sorgt also dafür, dass bei Carmen Wilckens' Verein immer genügend Nachschub vorhanden ist.

Die lange Warteliste der Bedürftigen kann so immer wieder abgearbeitet werden – auch wenn es schon mal ein paar Wochen dauern kann, bis ein Wartender sein Rad bekommt. Und wenn mal eine bestimmte Fahrrad-Größe nicht vorhanden ist, startet Wilckens einen Aufruf über Social-Media – dann löse sich das Problem meist ganz schnell.

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Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Carmen Wilckens
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