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Kiel: Zahl der Sterbefälle während Corona gesunken

Trotz Corona  

Warum es in Kiel 2020 weniger Sterbefälle gab

09.03.2021, 16:03 Uhr
Kiel: Zahl der Sterbefälle während Corona gesunken. Ms Dana bei Fahrt: Auf dem Schiff werden Seebestattungen durchgeführt. (Quelle: Sven Raschke)

Ms Dana bei Fahrt: Auf dem Schiff werden Seebestattungen durchgeführt. (Quelle: Sven Raschke)

Die Zahl der Sterbefälle ist im vergangenen Jahr gesunken – trotz oder indirekt gerade wegen Corona. Bei den Gründen sehen Experten einen Zusammenhang.

Seebestattungen wurden über die letzten Jahre immer beliebter in Kiel. Doch seit einem Jahr fährt Kapitän Bernd Klement deutlich seltener auf seiner Ms Dana für Bestattungen hinaus auf die Kieler Förde. Das liege aber nicht daran, dass andere Bestattungsformen auf einmal wieder populärer geworden wären. "Es wird einfach allgemein weniger bestattet", sagt der Kapitän und liefert die Erklärung gleich mit: "Weil es weniger Sterbefälle gibt." Tatsächlich bestätigen die Zahlen: 2020 gab es in Kiel trotz Corona weniger Todesfälle als im Vorjahr.

2.557 Todesfälle verzeichnet das Bürger- und Ordnungsamt der Stadt für 2020. Das sind 53 Fälle, also zwei Prozent weniger als im Vorjahr. Besonders das vierte Quartal sticht heraus: Hier sind die Todesfälle von 673 im Jahr 2019 auf 601 gesunken, was einem Rückgang um rund 11 Prozent entspricht. Auch wenn man Zu- und Abwanderungen mit einberechnet und somit die Todesfälle ins Verhältnis zur Bevölkerungszahl setzt, ändert sich nichts an dem Bild. "In Bezug auf die Bevölkerung – das heißt Todesfälle pro 100.000 Einwohner – ist es sogar das "viertbeste vierte Quartal" seit 2006", wie es von der Behörde heißt.

Gründe sind schwierig zu ermitteln

Die Suche nach den Gründen gestaltet sich schwierig. Die Unikliniken können keine näheren Daten zu Todesursachen geben. Von der Pressestelle erfährt man lediglich, dass am UKSH Campus Kiel 1.304 Sterbefälle verzeichnet wurden – und damit 27 weniger als im Vorjahr. Dieser Rückgang um zwei Prozent entspricht den Daten der Stadt.

Auch beim Bürger- und Ordnungsamt erfasst man zu den Todesfällen nicht viel mehr als die blanken Zahlen. Zu den Todesursachen hält man hier für gewöhnlich keine Daten fest – mit Ausnahme seit 2020: die Zahl der im Zusammenhang mit Corona Gestorbenen. Diese werden in Kiel seit März vergangenen Jahres erfasst. Im gesamten Jahr waren es 36.

Im Vergleich dazu kam es im Januar dieses Jahres zu 35 Corona-Toten in Kiel – also beinahe so viele wie im gesamten Vorjahr. "Dabei könnte es sich zum ersten Mal um eine Corona-bedingte Übersterblichkeit in Kiel handeln", sagt Eyk-Röttger Naeve, Leiter der Statistik-Abteilung des Bürger- und Ordnungsamts. Um dies sicher sagen zu können, müsse man allerdings noch weitere Zahlen abwarten. Im Februar dagegen waren die Zahlen mit neun Corona-Toten wieder stark rückläufig.

Zurück zu 2020: Die 36 Corona-Toten des vergangen Jahres machten 1,4 Prozent aller Todesfälle aus. 24 davon fallen allein ins vierte Quartal – genau jenes "viertbeste vierte Quartal" also, in dem es insgesamt so ungewöhnlich wenige Todesfälle gab.

Unfallzahlen als möglicher Faktor

Die Vermutung liegt nahe, dass der Rückgang mit dem Lockdown zusammenhängt. Dieser begann im vierten Quartal 2020. Ab November mussten Geschäfte, Restaurants und Sporteinrichtungen schließen, immer mehr Betriebe stellten auf Homeoffice um. Die Menschen unternahmen weniger – und gerieten so auch seltener in Unfälle.

Das bestätigt das Statistische Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein. Nach vorläufigen Zahlen gab es bei den Straßenverkehrsunfällen in Kiel einen Rückgang um über 1.600 (minus 17 Prozent) auf 8.109 im Vergleich zum Vorjahr. "Dies ist der stärkste Rückgang seit Einführung der Statistik", heißt es in einer Mitteilung der Stadt. Dies zeige, "dass es einen offensichtlichen Zusammenhang mit den beiden Covid-19-bedingten Lockdowns im Frühjahr und zum Jahresende 2020 gibt". Besonders in den Lockdown-Monaten kam es zu einem ungewöhnlich starken Rückgang auch bei der Zahl der bei Unfällen verletzten Personen.

Das klingt zunächst nach einer guten Erklärung für den Rückgang der Sterbefälle. Verkehrstote allerdings liegen in Kiel jährlich im niedrigen einstelligen Bereich. Im Jahr 2020 starben fünf Menschen bei Verkehrsunfällen und damit sogar zwei mehr als im Vorjahr – was sich bei solch kleinen Zahlen eher auf den Zufall als auf alles andere zurückführen lässt. So erfreulich der Rückgang bei den Unfällen ist – die niedrigen Sterbefallzahlen erklärt er nicht.

Weniger andere Infektionskrankheiten

Eine andere Vermutung: Die Kieler haben sich durch die Hygiene- und Abstandsregeln sowie Kontaktverbote auch weniger mit anderen Krankheiten angesteckt. Für die Stadt gibt es dazu keine gesonderten Zahlen. Jene für Gesamt-Deutschland legen die Annahme aber nahe. "Die Fallzahlen von vielen anderen Infektionskrankheiten sind während der Covid-19-Pandemie im Vergleich zu den Vorjahren zurückgegangen", so Sonia Boender vom Fachgebiet Surveillance am Robert Koch-Institut (RKI) gegenüber dpa.

Um mögliche Pandemie-Effekte zu untersuchen, haben RKI-Experten relevante meldepflichtige Krankheiten analysiert, von Tuberkulose über Salmonellose bis zu Hepatitis E. Zwischen März und Anfang August 2020 wurden demnach knapp 140.000 solcher Nicht-Covid-19-Fälle gemeldet. Das entspreche einem Rückgang um 35 Prozent verglichen mit dem Wert, der anhand der Vorjahre (Januar 2016 bis Februar 2020) zu erwarten gewesen wäre.

Professor Michael Krawczak vom Institut für Epidemiologie der Universität Kiel hält die Erklärung des Statistischen Bundesamts für am wahrscheinlichsten. In einer Pressemitteilung des Amtes heißt es: "Laut aktuellem Influenza-Wochenbericht des RKI ist die Aktivität sonstiger Atemwegserkrankungen, die normalerweise mit einem Anstieg der Sterbefallzahlen am Jahresanfang zusammenhängt, in dieser Wintersaison auf einem vorher nie erreichten, niedrigen Niveau. Insbesondere in den Jahren 2017 und 2018 waren die Sterbefallzahlen durch eine starke Grippewelle in den ersten Monaten des Jahres deutlich erhöht."

Weniger Tote als Nebeneffekt der Corona-Maßnahmen

Professor Michael Krawczak ergänzt dazu im Bezug auch auf das aktuelle Jahr: "Außerdem war die Übersterblichkeit in den vergangenen Monaten im Wesentlichen auf die über 80-Jährigen beschränkt. Es kann also sein, dass die zwischenzeitlich angelaufenen SARS-CoV-2-Impfungen in dieser Altersgruppe erste Wirkung zeigen."

Wie bei den fünf Unfalltoten darf der Faktor Zufall bei der Suche nach dem Grund für den Rückgang der Sterbefälle nicht außer Acht gelassen werden. Allerdings scheint dafür der Abfall der Todesfälle gerade im vierten Quartal 2020 mit rund elf Prozent zu deutlich. Der Rückgang anderer Infektionskrankheiten neben Covid-19 aufgrund des Lockdowns und der Hygiene- und Abstands-Regeln scheint nach Aussage der Experten auch für Kiel eine plausible Erklärung zu liefern. Die Maßnahmen, denen wir vermutlich eine Eindämmung der Pandemie verdanken, verhinderten somit wohl auch viele andere Todesfälle.

Verwendete Quellen:
  • Oliver Grieve Pressesprecher UKSH
  • Eyk-Röttger Naeve, Leiter Abteilung Statistik, Bürger- und Ordnungsamt
  • Uni Kiel
  • Material der dpa
  • weitere Quellen
    weniger Quellen anzeigen

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