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Die Stra├čenw├Ąchter stellen keine Fragen, sie verteilen nur Ratatouille

Von Tobias Christ

12.04.2022Lesedauer: 6 Min.
Anja Warncke und Tina Telschow bei der Essensausgabe: Jeden Tag drehen die Stra├čenw├Ąchter ihre Runden.
Anja Warncke und Tina Telschow bei der Essensausgabe: Jeden Tag drehen die Stra├čenw├Ąchter ihre Runden. (Quelle: Thomas Banneyer/leer)
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Sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr sind sie unterwegs auf den Stra├čen von K├Âln und k├╝mmern sich um Obdachlose. Darum sind die "Stra├čenw├Ąchter" die "Helden des Monats". t-online hat sie begleitet.

Lange warten m├╝ssen Anja Warncke und Tina Telschow nicht auf ihre ersten Abnehmer. Vor einem Discounter am Habsburgerring machen die beiden K├Âlnerinnen mit ihrem schweren Bollerwagen Halt und werden bald umschw├Ąrmt von ihren "Klienten". Immer wieder sch├Âpfen sie aus einem gut isolierten Beh├Ąlter Ratatouille mit Reis in kleine Plastiksch├╝sseln. Dazu gibt es Wasser aus gro├čen Flaschen.

Es ist kurz nach 18 Uhr. Irgendwo im Hintergrund br├╝llt eine offenbar verwirrte Frau Unverst├Ąndliches. Auf den Ringen hat es angefangen zu regnen. Wieder einmal sind Anja Warncke und Tina Telschow unterwegs, um Essen zu den Menschen zu bringen, die kaum Geld f├╝r warme Mahlzeiten ├╝brighaben. Obdach- und Wohnungslose sind die "Klienten" der beiden Helferinnen des K├Âlner Vereins "Stra├čenw├Ąchter", der jeden Tag ein Versorgungsteam an den ├Ąu├čersten Rand der Gesellschaft schickt, der gleichzeitig mitten in der Stadt liegt.

Die immergleiche Tour der Ehrenamtlichen beginnt am Ladenlokal des Vereins an der Balduinstra├če, wo sie nach zwei bis drei Stunden auch wieder endet. Dazwischen liegen bittere Schicksale und menschliche Abgr├╝nde, aber auch Hoffnung, Humor und Dankbarkeit.

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K├Âln: Es gibt eine Menge Elend auf den Stra├čen

Tina Telschow ist seit zwei Monaten dabei, Anja Warncke hat ihr Ehrenamt vor drei Jahren begonnen. Dass ihnen eine Menge Elend begegnen w├╝rde auf den K├Âlner Stra├čen, sei ihnen vorher bewusst gewesen. Jeder, der mit offenen Augen durch die Stadt laufe, sehe doch die Menschen, denen es nicht gut gehe. "Trotzdem ist da noch viel Spa├č und nicht nur Tristesse", so Anja Warncke. Wie viel gelacht werde rund um die Essensausgabe sei f├╝r sie am Anfang die eigentliche ├ťberraschung gewesen: "Es gibt Leute, wenn ich die sehe, kriege ich gute Laune."

Die warme Mahlzeit ist kostenlos ÔÇô heute gibt es Ratatouille.
Die warme Mahlzeit ist kostenlos ÔÇô heute gibt es Ratatouille. (Quelle: Thomas Banneyer/leer)

Klaus (Name ge├Ąndert) wartet auf einer Bank auf der Breite Stra├če auf Anja Warncke, Tina Telschow und ihren Bollerwagen. Der 66-J├Ąhrige ist ordentlich gekleidet, rasiert und frisiert, die Schuhe sind geputzt. Dass er seit elf Jahren in einem Zelt lebt, das aktuell in einem Wald am Stadtrand steht, ist ihm nicht anzumerken. Gesundheitliche Probleme h├Ątten ihn damals aus dem Berufsleben geworfen, sagt Klaus. Danach sei das Geld knapp geworden. Der Wahl-K├Âlner bezeichnet sich als "Ausnahme-Obdachlosen". Kontakt zu anderen in seiner Lage habe er kaum, die st├Ądtischen Unterk├╝nfte meide er ÔÇô zu viel Kriminalit├Ąt.

Da er eine kleine Rente beziehe, nicht rauche und nicht trinke, k├Ânne er sich "auch mal f├╝r einen Zehner ins Restaurant" setzen. Aber ab und zu greife er gern auf das Angebot der Stra├čenw├Ąchter zur├╝ck: "Das Essen ist okay, vor allem abwechslungsreich. Und die Leute kommen immer, sieben Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr, das muss erstmal einer nachmachen." Dann verabschiedet sich Klaus, der sich arrangiert zu haben scheint mit seiner Situation, aber irgendwann doch gern eine eigene Wohnung haben w├╝rde.

In Koblenz gestartet, in K├Âln weitergemacht

Gr├╝nder des Vereins Stra├čenw├Ąchter ist Dennis Bucek. In Koblenz fing der 37-J├Ąhrige an, nach Feierabend ├╝bersch├╝ssige Lebensmittel von B├Ąckereien an Bed├╝rftige zu verteilen. In K├Âln, wo es ungleich mehr Wohnungs- und Obdachlose gibt, setzte er seine Arbeit fort: "Mir war es in erster Linie wichtig, den ├ťberfluss an Lebensmitteln wegzubekommen", sagt er. Immer gr├Â├čer sei seine Initiative im Laufe der Zeit geworden, seit einem Jahr gibt es die Stra├čenw├Ąchter nun als Verein mit mehr als 230 Ehrenamtlichen.

Im Ladenlokal an der Balduinstra├če kann sich Buceks Klientel montags bis samstags von 15 bis 20 Uhr neu einkleiden oder sich bei einem Kaffee aufw├Ąrmen. Au├čerdem k├Ânnen die Frauen und M├Ąnner f├╝r wenig Geld ihre Sachen waschen. Das alles werde ├╝ber Spenden finanziert, so Dennis Bucek. Das Essen f├╝r den Bollerwagen kocht der Verein zum Teil selbst oder bekommt es von zwei Restaurants zur Verf├╝gung gestellt.

Dennis Bucek in seinem Ladenlokal: Montags bis samstags k├Ânnen sich Obdachlose hier aufw├Ąrmen ÔÇô oder auch einkleiden.
Dennis Bucek in seinem Ladenlokal: Montags bis samstags k├Ânnen sich Obdachlose hier aufw├Ąrmen ÔÇô oder auch einkleiden. (Quelle: Thomas Banneyer/leer)

Wie sehr die Menschen auf der Stra├če von dem kostenlosen Service abh├Ąngen, zeigte sich am Anfang der Corona-Pandemie. Aus Unsicherheit h├Ątten die Stra├čenw├Ąchter damals zehn Tage lang Pause gemacht, sagt Dennis Bucek: "Das war scheinbar fatal, weil nicht nur wir das gemacht haben, sondern alle Organisationen." Aus purer Not h├Ątten sich Klienten Essen stehlen m├╝ssen. Einige seien sichtbar abgemagert.

Die Stra├čenw├Ąchter fragen nicht, Hilfe bekommt jeder

Anja Warncke und Tina Telschow fragen nicht viel nach, welche Umst├Ąnde die Menschen auf die Stra├če getrieben haben. Aber nat├╝rlich bekommen sie einige Geschichten zu Ohren. "Man muss schon aufpassen, dass man emotional nicht zu sehr reinrutscht, was aber auch nicht immer m├Âglich ist", sagt Anja Warncke, von Beruf Art-Direktorin. Besonders nehme es sie mit, wenn sich der gesundheitliche Zustand der Obdachlosen verschlechtere. Wenn sich etwa die Gesichtsfarbe gelb verf├Ąrbt, weil etwas mit der Leber nicht stimmt. Oder wenn Drogenabh├Ąngige d├╝nner und d├╝nner werden. "Der k├Ârperliche Zerfall ist allgegenw├Ąrtig."

Wer an Obdachlose denke, habe in der Regel M├Ąnner und Frauen im Kopf, die vor dem Supermarkt um Geld bettelten: "Aber nicht die, die in den Ecken halb vor sich hinvegetieren." Manchmal m├╝ssen die Stra├čenw├Ąchter auf ihren Touren nachschauen, ob Personen ├╝berhaupt noch leben. Ihr Ehrenamt gibt ihnen trotz mancher H├Ąrten viel zur├╝ck. "Wir tun einfach einen wahnsinnig gro├čen Schritt in die richtige Richtung", sagt Tina Telschow: "Ich bin ohne Erwartungen rangegangen und war positiv ├╝berrascht, es macht mir Riesenspa├č. Ich freue mich, den Menschen etwas zu essen und zu trinken geben zu k├Ânnen und im Winter einen warmen Tee."

Auf der Ehrenstra├če l├Ąsst sich ein Paar mit Ratatouille versorgen, das offensichtlich unter Drogen steht. Der junge Mann schafft es so eben, die Sch├╝ssel zusammen mit der Flasche Bier und der Zigarette in den H├Ąnden zu halten. Seine Begleiterin wirft ein paar Cents in die Spendenbox, die eigentlich nicht an die Bed├╝rftigen gerichtet ist. Die beiden bedanken sich h├Âflich und gehen ihrer Wege.

Dankbarkeit ÔÇô meistens zumindest

So sei es meistens, sagen die Helferinnen: "Wir bekommen superviel Dankbarkeit." Manchmal aber auch nicht. "Shut up", ruft ein Mann mit langen verwilderten Haaren, als ihm Anja Warncke einen Becher Wasser anbietet: "Lass mich in Ruhe." Ein paar sexistische Spr├╝che schickt der Betrunkene noch hinterher. Anja Warncke kennt ihn schon: "Das war noch harmlos."

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Die Frauen bleiben gelassen: "Wichtig sind Geduld, Freundlichkeit und Unvoreingenommenheit", sagt Tina Telschow. Angst spiele bei ihnen keine Rolle: "Wenn uns einer krumm kommt, kommen die anderen Betroffenen dazu und helfen uns", sagt Anja Warncke. "Weil sie Angst haben, dass wir keine Tour mehr machen." F├╝r viele Bed├╝rftige sei der Bollerwagen die einzige M├Âglichkeit, an eine warme Mahlzeit zu kommen.

230 Ehrenamtliche sind Teil des Vereins.
230 Ehrenamtliche sind Teil des Vereins. (Quelle: Thomas Banneyer/leer)

Andrej, der auf der Hohen Stra├če sitzt, hat vor sich den Schriftzug "L├Ącheln" aufgestellt: "Durch L├Ącheln kriegst du auch Freundlichkeit zur├╝ck", sagt der 37-J├Ąhrige. Heute sei ihm aber weniger zum L├Ącheln zumute: "Das Wetter zieht mich runter." Vor sechs Monaten ging seine Beziehung in die Br├╝che, aus der gemeinsamen Wohnung flog er raus. Sie geh├Ârte dem Vater seiner Freundin. Auch den Job verlor er anschlie├čend.

"Was vorher normal war, ist jetzt Luxus"

Jetzt schl├Ąft er drau├čen, "mal da, mal da". "Sehr hart" sei das Leben auf der Stra├če: "Was vorher normal war, ist jetzt Luxus." Eine Wohnung finde er nicht, aber so k├Ânne es nicht bleiben. "Es muss demn├Ąchst etwas passieren, ich bin langsam ersch├Âpft." Er wolle sein altes Leben zur├╝ckhaben, wieder arbeiten, Geld verdienen, in den Urlaub fahren. Unbedingt. "Ich gebe nicht auf. Wenn ich jetzt aufgebe, dann bin ich verloren. Dann werde ich enden wie die anderen, die rumlaufen und stinken und immer betteln. Das will ich nicht." Dann hat Andrej keine Zeit mehr, das Ratatouille wird sonst kalt.

Der Neumarkt ist die letzte Station von Anja Warncke und Tina Telschow. Es ist sicher nicht der einfachste Stopp f├╝r die Stra├čenw├Ąchterinnen, der Neumarkt ist bekannt f├╝r seine Drogenszene. Oft werde es laut und wuselig rund um die Essensausgabe, es gebe viel "Fressneid" unter den Bed├╝rftigen: "Man muss sich schon sehr durchsetzen." Aber heute bleibt es ruhig, nur zehn Portionen wandern aus dem gro├čen Beh├Ąlter, der jetzt fast leer ist. Nach zwei Stunden machen sich die beiden Frauen auf den Weg zur├╝ck an die Balduinstra├če. "Es war sehr lecker", ruft ihnen ein Mann noch hinterher.

Disclaimer: Das Nachrichtenportal t-online ist ein Angebot der Str├Âer Content Group, in deren Zusammenarbeit die "Held des Monats"-Aktion entstanden ist.

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Von Carlotta Cornelius
DiscounterKoblenz

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