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Gil Ofarim und seine Antisemitismus-Lüge: Das Netz vergibt nicht


Das Netz vergibt nicht

  • Nicole Diekmann
Von Nicole Diekmann

29.11.2023Lesedauer: 4 Min.
Meinung
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Gil OfarimVergrößern des Bildes
Löschtage im Netz: Gil Ofarim vor seinem Geständnis im Landgericht in Leipzig. (Quelle: Hendrik Schmidt/dpa/dpa-bilder)

Das selbststilisierte Opfer als geständiger Täter – der Fall Gil Ofarim lehrt auch viel über die Wirkungsmechanismen des Netzes und der sozialen Medien.

Gil Ofarim hat gelogen. Dem Sänger ist im Oktober 2021 in einem Leipziger Hotel kein Antisemitismus widerfahren. Er wurde nicht von einem Mitarbeiter aufgefordert, seine Davidstern-Kette abzulegen. Ofarim hat vor Gericht zugegeben, dass er gelogen hat. Und damit auch, dass das Video, von ihm direkt nach dem von ihm erstunkenen und erlogenen Vorfall noch vor dem Hotel sitzend aufgenommen und bei Instagram hochgeladen, reine Schauspielerei war.

Kurz vor seinem Geständnis hat Ofarim dieses Video und auch gleich seinen kompletten Instagram-Account gelöscht. Das nutzt ihm aber nichts, denn was einmal kursiert, das bleibt.

1. Das Netz vergisst nichts

Ofarim hat mit seinem Video, in dem er scheinbar emotional schwer angefasst vor dem Hotel sitzt, in dem ihm etwas so Schlimmes widerfahren ist (nämlich, dass er wie andere Leute auch in einer Schlange warten musste), eine Welle der Solidarität ausgelöst. Im Netz, aber auch im echten Leben: Am Tag nach der Veröffentlichung kamen Hunderte zum Hotel, um ihre Abscheu ob des dort vermeintlich salonfähigen Antisemitismus auszudrücken. Das ist eine hehre Absicht, das ist wichtig, und das ist ein ermutigendes Zeichen – denn die Zahlen sind alarmierend: Seit Jahren steigt der Hass auf Juden wieder weltweit.

Umso größer ist aber nun die Fallhöhe. Der Sänger, der da sichtlich angefasst vorm Hotel hockt, mit den Tränen kämpfend, weil er soeben zum Opfer wurde. Im Land des Tätervolks. Das berührt. Und es schafft einen Kanal: Ein solch entsetzlicher Anlass bietet couragierten Menschen die Gelegenheit, sich dem öffentlich und deutlich entgegenzustellen. Das Thema mobilisiert, Gott sei Dank, und wenn die Dinge so klar zu sein scheinen – hier das Opfer Ofarim, dort der Täter, der Hotelmitarbeiter –, dann schafft das einen Kanal für Wut und Entsetzen angesichts des grassierenden und in diesem Fall ja anscheinend sogar völlig unverhohlen geäußerten Antisemitismus.

Nur schlagen durch solch ein Video hervorgerufene Gefühle allerdings mit mindestens ebenso massiver Wucht in exakt die entgegengesetzte Richtung um, wenn es sich als eiskalte Lüge herausstellt. Dann richtet sich die Wut gegen den eigentlichen Täter. Gegen den Lügner, der einen unschuldigen Hotelmitarbeiter einem ungeheuren Vorwurf ausgesetzt hat. Die Pausen im Video, die wirken sollen, als wären sie der Fassungslosigkeit und Verletztheit des Protagonisten geschuldet. Die dramatischen Augenaufschläge – alles geschauspielert. Natürlich wollte Ofarim diesen Beweis seiner Abgebrühtheit nicht mehr in der Welt haben. Nur: So funktioniert es nicht. Redaktionen und Influencer haben es sich längst gesichert und senden und teilen es seit Ofarims überraschendem Geständnis. Was auch völlig legitim ist.

2. Die manipulative Macht der Bewegtbilder

Tagelang war Ofarim in den Schlagzeilen, nachdem er das Video auf Instagram hochgeladen hatte. Das Thema schwappte sehr schnell aus den sozialen Netzwerken rüber zu den traditionellen Medien. Ein Promi, der glaubhaft von Antisemitismus berichtet, vermeintlich klar gelagerter Fall, das Ganze auch noch in Ostdeutschland – das ist Stoff für den Boulevard, aber auch ein hochpolitisches Thema.

Das ist eine Mischung aus Analyse und Emotion – Letzteres eindrücklich unterstützt durch eben dieses Video, das die ganze unsägliche Geschichte ja erst mit dieser Geschwindigkeit und Intensität ans Laufen brachte. Wir alle wissen, dass uns Bilder emotional viel direkter erreichen als Geschriebenes. Bewegtbilder noch mal mehr als Fotos. Der fassungslose Gil Ofarim wirkte überzeugend in seiner Opferrolle – denn man sieht es ihm an. Gestik, Mimik – all das transportieren nur Videos und erreichen bei uns eben auch das, was andere Medien ungleich weniger zielsicher treffen: unsere Gefühle. Ein kleiner Vorgeschmack übrigens auf das, was Künstliche Intelligenz – neben allen unbestreitbaren Vorteilen – noch für uns auf Lager hat.

3. Einfach mal den Mund halten

Im Zweifel für den Angeklagten – ein wichtiger Baustein unseres Rechtsstaats. Nur: Wer war hier eigentlich Täter, wer Opfer? Auch wenn das seit Ofarims Geständnis natürlich nun glasklar ist, war es das vorher keineswegs. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen gegen den Hotelmitarbeiter im vergangenen Jahr ein – und erhob ihrerseits Anklage gegen Ofarim wegen Verleumdung. Der Angestellte trat als Nebenkläger auf. Es ist also kompliziert – so wie das Leben ja nun mal oft ist.

Sozialen Netzwerken gefällt das nicht. Sie sind anders konzipiert, hier gilt nur Schwarz-Weiß. Ein "Ich habe dazu keine Meinung"-Button wäre dort ungefähr so absurd wie ein Panzer im Parteilogo der Grünen. Nicht mal Reaktionen wie "Leider kann ich mir keine Meinung bilden, denn hier steht ja Aussage gegen Aussage" funktionieren. Kein Algorithmus belohnt das, was man inzwischen schon als Mut zur Zurückhaltung bezeichnen muss.

Dann gehört man nicht dazu

Die Erwartung ist eine andere. Mehr und mehr, so fühlt es sich zumindest oft an, auch in der echten Welt. Man wirkt damit entscheidungsschwach, ängstlich und nicht auf der Höhe der Zeit. Sich dieser unterkomplexen Dynamik entgegenzustellen durch vielsagendes Schweigen, funktioniert in den sozialen Netzwerken ja auch nicht: Da wirkt nichts vielsagend, da ist es halt dann nur ein Nix-Sagen. Dann gehört man nicht dazu. Kein Gefühl, das wir Menschen mögen.

Das wir aber auszuhalten bereit sein sollten: Wir alle können einen Teil dazu beitragen, die Geschwindigkeit unserer Zeit und unserer Debattenkultur zumindest ein bisschen zu drosseln. Die Lautstärke ein wenig runterzufahren, das gleißende Licht der hellen Aufregung zu dimmen. Das könnte eine Lehre sein aus dieser unappetitlichen Geschichte, die den Hotelmitarbeiter seine berufliche Existenz hätte kosten können.

Was im Übrigen nun Ofarim droht.

Verwendete Quellen
  • Eigene Beobachtungen
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