Interview
Unsere Interview-Regel

Der Gesprächspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

"Es geht darum, den Staat handlungsunfähig zu machen"

Von Steve Haak

Aktualisiert am 15.04.2022Lesedauer: 6 Min.
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Man h√§lt einen virtuellen Bitcoin: Die Kryptow√§hrung ist Sinnbild f√ľr die Blockchain-Technologie geworden ‚Äď doch diese Technologie ist deutlich weniger vielseitig, als viele glauben. (Quelle: IMAGO/Elnur)
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Seit Jahren werden Kryptow√§hrungen wie Bitcoin und deren Funktionsprinzip Blockchain von ihren Fans als technisches Allheilmittel beworben. Mit diesem magischen Narrativ hat die Technologie nicht viel zu tun, sagt Informatiker J√ľrgen Geuter. In Wahrheit gebe es nur einen Anwendungsfall.

Kommt die Blockchain oder kommt sie nicht? Diese Frage stellen sich seit Jahren Technologie- und Wirtschaftsexperten ‚Äď aber auch Politiker. Denn obwohl in ihrer Funktion stark eingeschr√§nkt, wird der Technologie vieles zugetraut. Vereinfacht gesagt ist die Blockchain ein offenes, f√§lschungssicheres Kassenbuch. Eintr√§ge und √Ąnderungen werden immer am Ende hinzugef√ľgt ‚Äď Verschl√ľsselungstechnologie und ein dezentraler Aufbau dieser Liste sorgen daf√ľr, dass sich Eintr√§ge nicht nachtr√§glich ver√§ndern lassen.

Dieses Funktionsprinzip ist nat√ľrlich perfekt f√ľr eine digitale W√§hrung: Also wem geh√∂rt ein Bitcoin, an wen wird er weitergegeben. Aber mit etwas Kreativit√§t l√§sst sich das Funktionsprinzip auch in etliche andere Bereiche einbinden.

Kryptofans sehen Anwendungsbereiche zum Beispiel in der Versicherungsbranche, dem Energiesektor, der √∂ffentlichen Verwaltung oder im Management von Lieferketten. Die Bundesregierung hatte schon 2019 auf eine Reihe von sinnvollen Einsatzm√∂glichkeiten der Blockchain hingewiesen. Demnach sollte sie st√§rker im Finanzsektor f√ľr elektronische Wertpapiere verwendet werden.

Doch abseits der Bitcoin-Spekulation hat sich kein Konzept richtig durchsetzen k√∂nnen. Erkl√§rungen, warum das so ist, hat der Informatiker und Philosoph J√ľrgen Geuter, der im Netz unter seinem Pseudonym @tante bekannt ist. Im Interview mit t-online berichtet er, warum die Blockchain eigentlich nur f√ľr genau einen Anwendungsfall interessant ist ‚Äď und welche Ideologie hinter dem Bitcoin eigentlich steckt.

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t-online: Herr Geuter, wer Ihnen bei Twitter folgt, wei√ü, dass Sie der Blockchain-Technologie sehr skeptisch gegen√ľberstehen. Warum?

J√ľrgen Geuter: Der Technologie stehe ich gar nicht besonders gegen√ľber. Eine Blockchain ist eine verh√§ltnism√§√üig einfache Technologie, die sich in zwei- oder dreihundert Zeilen Code schreiben l√§sst. Die grundlegende Idee ist so alt wie ich, sie wurde 1979 patentiert. Das Relevante ist, dass man irgendwann aus der Community heraus angefangen hat, die wildesten Versprechungen in Bezug auf diese Technologie zu machen. Die Blockchain soll alle m√∂glichen sozialen Probleme l√∂sen. Alle Lieferketten sollen damit perfekt √ľberwacht werden k√∂nnen. Sogar bei der Nordirland-Frage w√§hrend der Brexit-Debatten wurde von diversen Politikern vorschlagen, man k√∂nne das Problem mit der Blockchain irgendwie l√∂sen. Dadurch bekommt die Technologie ein magisches Narrativ, womit sie nicht viel zu tun hat. Und dazu kam dann noch die aggressive Welle von Investments. Sp√§testens dann hatte man, glaube ich, als Person, die die Technik kennt und versteht, eine gewisse Verpflichtung, die √Ėffentlichkeit dar√ľber zu informieren, was da eigentlich dahintersteckt.

Was steckt denn dahinter?

Bei der Blockchain geht es darum, Vertrauen zu schaffen in einem System, in dem sich die Teilnehmer nicht vertrauen k√∂nnen und trotzdem eine gemeinsame Wahrheit brauchen. Es soll die Situation vermieden werden, dass sich zwei Leute dar√ľber streiten k√∂nnen, was wahr ist. Beim Bitcoin zum Beispiel geht es darum, wer wie viele St√ľcke davon besitzt und alle Teilnehmer wollen eine gemeinsame Wahrheit dar√ľber haben. Da erf√ľllt die Blockchain ihren Zweck.

Und wo tut sie es nicht?

Beim Thema Lieferketten zum Beispiel will ich meine Zulieferer √ľberwachen. Wenn ich meinen Zulieferern nicht vertrauen kann, dann hilft mir auch nicht, dass die irgendwelche Daten in irgendwelche Blockchains schreiben. Dann habe ich n√§mlich ein ganz anderes Problem: Ich brauche andere Zulieferer. Und dieses Problem l√∂st die Blockchain nicht. Und trotzdem wird versucht, die Technologie, die einen ganz speziellen Anwendungsbereich hat, auf viele andere Bereiche anzuwenden, die diese Anforderungen gar nicht erf√ľllen.

Was ist mit Blockchain-Anwendungen in der öffentlichen Verwaltung?

Es gibt in Deutschland von diversen Bockchain-Beratern die Forderung, man m√ľsse zum Beispiel das Grundbuchamt in die Blockchain bringen. Warum? Das ist eine hoheitliche Aufgabe, die zentral vom Staat bearbeitet wird. Der Staat k√ľmmert sich auch um die Strukturen, wie die Bearbeitung vonstattengeht. Es gibt ein Amt, das Aufgaben verwaltet und es gibt Notare, die autorisiert sind, Eintragungen zu machen. Auch hier gibt es kein System, in dem man niemandem traut, alle m√ľssen dem Staat als Institution trauen.

Sie kritisieren also nicht generell die Blockchain, sondern dass in Bereichen nach Anwendungsfällen gesucht wird, wo es keine gibt.

Genau. Wir k√∂nnen die Blockchain nicht in unsere reale Welt √ľbertragen. Wir m√ľssen zum Beispiel an vielen Stellen auch immer mal wieder eingreifen, was bei einer Blockchain nicht geht. Ein Beispiel: Nehmen wir an, wir fahren mit einem K√ľhllaster von einem Ort zum anderen. Und wir m√ľssen nachweisen, dass die K√ľhlkette eingehalten wurde. Wir haben einen digitalen Sensor eingebaut, der die Daten in eine Blockchain schreibt. Jetzt ist dieser Sensor kaputt und darum wurden die falschen Daten in die Blockchain geschrieben. Zum Gl√ľck haben wir aber einen zweiten Sensor als Back-up, der die richtigen Temperaturen gemessen hat. Wie k√∂nnen wir jetzt die richtigen Daten in das System schreiben? Das geht nicht oder nur mit extrem viel Aufwand, was das System nicht einfacher, sondern viel komplexer machen w√ľrde.

Warum genau taugt das System nicht f√ľr die reale Welt?

Das Blockchain-System ist f√§lschungssicher. Das ist gut. Du kannst also keine Bitcoin √ľberweisen, die du nicht in deiner Wallet hast. Das funktioniert auch und ist technisch sauber. Sobald ich aber anfange, komplexe, reale, wirkliche Prozesse auf der Blockchain abbilden zu wollen, wird es kompliziert. Nehmen wir die Smart Contracts bei Ethereum, wo ein Token auf der Blockchain irgendetwas repr√§sentiert. Ich kann zum Beispiel ein Token verkaufen, der behauptet, da h√§ngt ein Kilo Gold dahinter, das ich nicht habe. Und da wird es kompliziert, weil die Blockchain es zwar behauptet, aber es sich dar√ľber nicht nachweisen l√§sst.

Wenn es so viele Fragezeichen und Unsicherheiten gibt, warum wird die Blockchain dann trotzdem als Allheilmittel f√ľr so viele Bereiche verkauft?

Das kommt aus sehr unterschiedlichen Ecken. Da gibt es eine politische Ebene. Man hofft, dass man damit den Staat entkernen kann. Also Aufgaben, die jetzt staatlich organisiert werden, sollen einem privatwirtschaftlichen Markt unterworfen werden. Das ist eine sehr rechte Ideologie. David Golumbia, ein US-Forscher, hat dazu ein Buch geschrieben, das zeigt, aus welchen politischen Str√∂mungen sich das Bitcoin Whitepaper [Anm. d. Red.: Konzept vom Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto] speist. Da kommt eine harte rechtslibert√§re Ideologie zutage, in der es darum geht, den Staat handlungsunf√§hig zu machen. Auf der anderen Seite haben wir den wirtschaftlichen Bereich. Wenn man sich mal Jobangebote auf LinkedIn anschaut, dann steckt da sehr viel Geld drin, vor allem bei Start-ups. Man kann sich f√ľr viel Geld als Blockchain-Entwickler in einer Bude anstellen lassen und dann muss das Thema auch gepusht werden. Wenn man es als Vertriebspartner schafft, die Blockchain als Gesch√§ftsmodell zu etablieren, hat man erst mal ausgesorgt. Unternehmen geben viel Geld daf√ľr aus.

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Was w√ľrden Sie Firmen raten, in welche Technologie sie stattdessen investieren sollten?

Wenn du eine Datenbank brauchst und nur f√ľnf Leute hast, die in diese Datenbank reinschreiben, dann nimm auch eine Datenbank. Wir wissen heute, wie wir Datenbanken bauen und absichern k√∂nnen. Das ist eine uralte Technologie, die g√ľnstig zu bekommen ist. Da brauche ich keine Blockchain. Nat√ľrlich hat die Idee, Prozesse transparent auf einer Datenbank abbilden zu k√∂nnen, die theoretisch jeder lesen kann und sicher ist, auch f√ľr Unternehmen seinen Reiz. Aber will ich wirklich interne Unternehmensdaten in eine Blockchain schreiben, wo permanent die Konkurrenz reinschauen kann? Das ergibt √ľberhaupt keinen Sinn. Au√üerdem l√§sst sich mit einer Blockchain nicht herausfinden, wer die Daten gelesen hat. Das kommt noch erschwerend hinzu.

Warum ist die Politik so sehr von der Blockchain √ľberzeugt?

In der deutschen Politik hat sich die Blockchain als ein Symbol durchgesetzt, mit dem man zeigen kann, dass man die Technik und ihre Zukunft verstanden hat. Auch hier sollte man politisch das Bewusstsein daf√ľr schaffen, dass das nicht diese magische Technologie ist, die alle Probleme l√∂st und in Deutschland Milliarden Start-ups erzeugen wird. Diese Hoffnung l√§sst die Regierung dann so hilflose √úbersprungshandlungen durchf√ľhren, bei der Millionen in irgendwelche Forschungsprojekte gesteckt werden. F√ľr eine Person, die sich mit dem Thema auskennt und dann solche F√∂rdermittelantr√§ge sieht, ergibt das keinen Sinn.

Lässt sich dieser Hype eigentlich noch stoppen?

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Ganz geht das nie weg. Bitcoin wird es weiter geben, Ethereum auch. Dezentrale Systeme sind robust und gegen technische Eingriffe von au√üen gut gesch√ľtzt. Die Frage ist, ob diese Themen irgendwann noch so gro√ü sein werden. Was gut funktioniert, ist, regulativ einzugreifen. In der EU gibt es erste Bewegungen. Thailand hat verboten, Bitcoin als Zahlungsmittel anzubieten. Andere L√§nder gehen gegen das Mining von Kryptow√§hrungen vor. Das sind erste Mittel.

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von Johanna Marek
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