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Renate Künast: Warum der exklusive Schein um Clubhouse trügt

MEINUNGHype um Gesprächs-App  

Warum der exklusive Schein um Clubhouse trügt

Ein Gastbeitrag von Renate Künast

28.01.2021, 12:39 Uhr
Renate Künast: Warum der exklusive Schein um Clubhouse trügt . Clubhouse: Um die Gesprächs-App ist zuletzt ein Hype entstanden. (Quelle: dpa/Christoph Dernbach)

Clubhouse: Um die Gesprächs-App ist zuletzt ein Hype entstanden. (Quelle: Christoph Dernbach/dpa)

Um Clubhouse ist zuletzt ein Hype entstanden. Vor allem Menschen aus Politik und Medien tummeln sich am "exklusiven Stammtisch". Für unsere Gastkolumnistin Renate Künast hinterlässt das einen faden Beigeschmack. Sie hat einen anderen Vorschlag. 

Der seit Tagen anhaltende Hype um Clubhouse hat mich von Beginn an irritiert. Es handelt sich um eine Audioplattform, bei der Nutzer*innen in beliebigen Räumen zu allen möglichen Themen eine Unterhaltung starten können. Zu Beginn als innovative App mit neuen Beteiligungsmöglichkeiten für alle gefeiert, tummeln sich hierzulande doch sehr viele Journalist*innen und Politiker*innen im Gespräch miteinander auf der Plattform. Heraus kommt also eine Art "exklusiver Stammtisch".

Mitdiskutieren kann nur, wer ein teures iPhone besitzt und eine persönliche Einladung durch ein Clubhouse-Mitglied erhält. Denjenigen, die diese Eintrittshürden überwinden, scheint unter anderem ein Blick hinter die Kulissen der Politik zu winken.

Ich zweifle, dass das bisher einen Gewinn eingebracht hat. Zumindest nicht für die Demokratie.

Die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichkeit verschwimmt 

So konnten die Nutzer*innen etwa einer nächtlichen Gesangseinlage von Philipp Amthor,  diskriminierenden Äußerungen des Ministerpräsidenten Bodo Ramelow über die Bundeskanzlerin oder zu Spielevergnügen während einer Ministerpräsidentenrunde zu Covid-19 lauschen. Was geht da vor? Für einige scheint die Grenze zwischen privater Zusammenkunft und öffentlicher Veranstaltung zu verschwimmen.

Ist es vielleicht eine Auswirkung der Corona-Pandemie, dass wir mangels sozialen Austauschs und Kneipenbesuchen geneigt sind, mit Hunderten von Zuhörer*innen solche Interna und persönliches Lächerlichmachen zu teilen? Gut, dass Bodo Ramelow bei der Kanzlerin um Entschuldigung gebeten hat. Sie wird vermutlich dazu schweigen. Getreu dem Motto: "When they go low, we go high". Aber dass sich ein Ministerpräsident selbst lächerlich macht, ist bei Weitem nicht das ganze Problem.

Kein Gewinn an flacher Kommunikation 

Welche Fehlwahrnehmung muss eigentlich vorliegen, wenn das Modell Clubhouse in dieser Ausgestaltung und Teilnehmerschaft als ein toller Gewinn an flacher Kommunikation betrachtet wird? Oder finden sich die Speaker hier einfach nur cool und mehr ist gar nicht? Das wäre natürlich ihr gutes Recht. Muss man aber wissen.

 (Quelle: imago/Christian Thiel) (Quelle: imago/Christian Thiel)
Über die Autorin: Renate Künast ist Abgeordnete der Partei Bündnis 90/Die Grünen im deutschen Bundestag. Die Ex-Landwirtschaftsministerin und bis 2013 Fraktionsvorsitzende ihrer Partei ist eine der prominentesten Kämpferinnen gegen Hassrede im Netz. 

Was mich aber am meisten umtreibt, ist das schummrige Licht, das auf Politik, Journalismus und demokratische Prozesse geworfen wird. Meiner Meinung nach ist das Ergebnis dieses Abends keine Herstellung flacher Kommunikationsstrukturen, sondern hinterlässt einen sehr schalen Geschmack: So unterhalten sich Politiker*innen über Fraktionen hinweg in Zeiten einer für einige lebensgefährlichen Pandemie? Ernsthaft?

Gerade in Zeiten, in denen Hatespeech, Desinformation und erfundene Zitate ihre Blüten treiben, um das Vertrauen in die Seriosität und Kompetenz von Politik und Journalismus zu untergraben, hoffe ich, dass seitens der Teilnehmenden mehr folgt als die Entschuldigung von Bodo Ramelow. Und übrigens: Selbst der exklusive Schein trügt. Clubhouse zeichnet alle Gespräche auf und die, die es in einen Clubhouse-Raum geschafft haben, teilen fleißig Screenshots und Anekdoten auf Twitter und Co. Wer Freund*innen auf Clubhouse einladen will, teilt zudem sein gesamtes Telefonbuch mit der App – ohne das Einverständnis der nicht teilnehmenden Personen. Was wird daraus? Vermutlich Kommunikationsprobleme für Werbezwecke. Die Unbeschwertheit zahlt hier also mit Daten und unterstützt Werbeeinnahmen. 

Clubhouse ist nicht die Antwort 

Ich kann ja verstehen, dass Menschen sich nach der Ausbreitung von Hass, Hetze und Desinformation auf den "konventionellen" sozialen Medien und angesichts der Kontaktbeschränkungen wegen Corona nach neuen Plattformen sehnen, auf denen inhaltlich interessante Debatten möglich sind. Eine pseudo-exklusive App wie Clubhouse ist jedoch nicht die Antwort.

Was mich begeistern würde, wäre eine Kommunikationsplattform, die jenseits des werbebasierten Geschäftsmodells operiert. Wir sollten daher in der EU darüber nachdenken, wie eine nicht-kommerzielle europäische Kommunikationsplattform geschaffen werden kann, die sich durch Inklusivität, Transparenz und eine demokratische Debattenkultur bei Wahrung des Datenschutzes auszeichnet.

Die im Gastbeitrag geäußerten Ansichten geben die Meinung der Autorin wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.  

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