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"Die geprĂŒgelte Generation" - als SchlĂ€ge zum Kinderalltag gehörten

t-online, Nicola Wilbrand-Donzelli

Aktualisiert am 21.03.2014Lesedauer: 5 Min.
FĂŒr Kinder, die in 1950er und 1960er Jahren aufwuchsen, waren SchlĂ€ge ein "normales" Erziehungsmittel, das sich bis heute auswirkt.
FĂŒr Kinder, die in 1950er und 1960er Jahren aufwuchsen, waren SchlĂ€ge ein "normales" Erziehungsmittel, das sich bis heute auswirkt. (Quelle: United Archives/imago-images-bilder)
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"Ein Klaps oder eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet". Solche leichtfertig dahingesagte Erziehungsparolen, kennen wohl die meisten. GlĂŒcklicherweise ist das Schlagen von Kindern inzwischen verboten. Die Autorin und Journalistin Ingrid MĂŒller-MĂŒnch schildert in ihrem Buch "Die geprĂŒgelte Generation", wie alltĂ€glich es fĂŒr Kinder in den 50er und auch noch in den 60er Jahren war, von ihren Eltern körperlich gezĂŒchtigt und gedemĂŒtigt zu werden. Erfahrungen, die eine ganze Altersgruppe bis heute prĂ€gen und die Erziehung der nachfolgenden Generationen beeinflussten.

Der Kochlöffel, der Rohrstock, der Teppichklopfer oder der GĂŒrtel - hĂ€ufig wurden in der Nachkriegszeit diese Utensilien von Eltern zweckentfremdet, um sie als Erziehungsmittel schlagkrĂ€ftig gegen ihren Nachwuchs einzusetzen. Das war normal in diesen Jahren des Wirtschaftwunders, ein flĂ€chendeckendes PhĂ€nomen ĂŒber alle sozialen Schichten hinweg. Autorin MĂŒller-MĂŒnch lĂ€sst in ihrem Buch "Die geprĂŒgelte Generation" viele Betroffene zu Wort kommen, die alle Ă€hnlich schmerzhafte Erfahrungen in ihrer Kindheit durchlebt haben.

Ebenso wie die Verfasserin des Buches selbst, die als junges MĂ€dchen mit dem Kochlöffel geschlagen wurde, wenn sie mal wieder nicht parierte. "Und dann setzte es was. Aber nicht zu knapp", schreibt MĂŒller-MĂŒnch im Vorwort ihres Buches. "Ich hatte eine fĂŒr die 50er und auch die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ganz normale Kindheit."

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"SelbstverstĂ€ndliche Verschwiegenheit" ĂŒber die elterlichen PrĂŒgelattacken

Über diese NormalitĂ€t in vielen Familien, wo es nicht "nur" um eine Ohrfeige im Affekt, sondern um systematische körperliche Bestrafungen ging, wurde allerdings nicht gesprochen: Die geprĂŒgelten Kinder tauschten sich - auch in spĂ€teren Jahren - untereinander meist nicht aus, genauso wenig wie mit ihren Eltern. Es war eine "selbstverstĂ€ndliche Verschwiegenheit", die bis zum Erscheinen des Buches anhielt. "Ich habe damit eine unglaubliche Resonanz erfahren, eine Lawine losgetreten und offenbar auch eine Blockade bei vielen gelöst, die nun das befreiende GefĂŒhl spĂŒren, nicht allein gewesen zu sein und endlich darĂŒber reden zu können", erklĂ€rt MĂŒller-MĂŒnch gegenĂŒber der Elternredaktion von t-online.

Eltern der Nachkriegszeit waren vor allem mit sich selbst beschÀftigt

Ein Tabu wurde gebrochen. Die Autorin hatte mit ihrer Veröffentlichung jedoch nicht vor, die damalige Elterngeneration an den Pranger zu stellen und anzuklagen. Es sei ein Versuch des Verstehens, welche Ursachen damals hinter dem Verhalten der Eltern steckten, erklĂ€rt sie: "Immerhin war es die traumatisierte Generation, die das totalitĂ€re NS-Regime und den Krieg miterlebt hatte. Und wĂ€hrend des Wiederaufbaus in der jungen Demokratie waren sie vor allem mit sich selbst beschĂ€ftigt. Da war es schwierig, Kinder großzuziehen. Die hatten sich vor allem zu benehmen und sollten konform sein. Es war eine bleierne Zeit, wo vor allem Tugenden wie Fleiß, Ordnung und Sauberkeit gepflegt wurden und vieles unter den Teppich gekehrt wurde."

Körperliche ZĂŒchtigung war ein legitimes Erziehungsmittel

Zu diesen LebensgrundsĂ€tzen gehörte, damals wie auch die Jahrhunderte zuvor, die ZĂŒchtigung von Kindern als legitimes Erziehungsmittel. Eines der auflagenstĂ€rksten Standardwerke der Zeit, das solche pĂ€dagogischen Maßnahmen befĂŒrwortete, war das Buch "Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" von Johanna Harrer. Bis in die 80er Jahre wurde es, nur unter einem anderen Titel, weiter herausgegeben. Darin wurde Eltern unter anderem empfohlen, ihre SĂ€uglinge schreien zu lassen und sie auf keinen Fall mit zu viel Liebe und ZĂ€rtlichkeit zu verwöhnen.

Die Eltern haben es nicht besser gewusst

Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die MĂŒtter und VĂ€ter in den Nachkriegsjahren nicht wahrgenommen haben, was sie ihren Kindern mit SchlĂ€gen und seelischen Grausamkeiten angetan haben. Und spĂ€ter wollten sie nichts mehr davon wissen: "Sie haben es nicht besser gewusst", kommentiert MĂŒller-MĂŒnch. "Auch heute noch empfinden die MĂŒtter und VĂ€ter von damals meist kein Bedauern oder Scham ĂŒber ihr Handeln. Sie sind der Überzeugung, wie alle Eltern, immer das Beste fĂŒr ihre Kinder gewollt zu haben. 'Das war die Zeit' oder 'Das war eben damals so' wird dann hĂ€ufig lapidar als ErklĂ€rung vorgebracht."

Jede Tracht PrĂŒgel nimmt ein StĂŒck der kindlichen WĂŒrde

Die Wunden, die durch die gewalttĂ€tige Erziehung gerissen wurden, seien tief und belasteten bis heute das Leben vieler aus der "geprĂŒgelten Generation", weiß die Autorin aus ihren Interviews mit Betroffenen: "Bei jedem PrĂŒgeln, bei jedem Niedermachen, verlor das gedemĂŒtigte Kind ein StĂŒck seiner WĂŒrde und hatte zugleich das beschĂ€mende GefĂŒhl, selbst schuld an den SchlĂ€gen zu sein. Ich muss ja was falsch gemacht haben, so seine ErklĂ€rung, sonst wĂŒrden mich meine Eltern ja nicht verprĂŒgeln."

Befreiungsschlag der 68er

Das Ende der "bleiernen Zeit" und ihrer eisernen PĂ€dagogik kam mit den "68ern", dieser mittlerweile erwachsen gewordenen "geprĂŒgelten Generation", die dann den Befreiungsschlag vollzog: Deren Kinder tummelten sich in KinderlĂ€den, sollten nun alles dĂŒrfen und genossen die antiautoritĂ€re Erziehung mit dem Ziel, sich frei entfalten zu können. "Der Kochlöffel wurde zerbrochen oder wieder zum UmrĂŒhren der Suppe benutzt. Die GelĂ€hmtheit war endlich vorĂŒber", erzĂ€hlt MĂŒller-MĂŒnch.

Dem Kind immer respektvoll auf Augenhöhe begegnen

So erzog die Autorin, als sie in den achtziger Jahren selbst Mutter wurde, ihren Sohn auch bewusst nach anderen Idealen, als es die Generation vor ihr tat: "Ich habe immer versucht zu verstehen, was mein Kind will und nicht versucht, es zu verbiegen", sagt sie. "NatĂŒrlich muss man als Mutter oder Vater Grenzen setzen. Dabei sollte man aber immer verstĂ€ndnisvoll sein, sein Kind ernst nehmen und mit Respekt behandeln - ihm auf Augenhöhe begegnen." Mit einer Ă€hnlichen Grundhaltung versuchen heute viele Eltern ihre Kinder zu glĂŒcklichen und selbstbewussten Menschen zu erziehen. Auch zahlreiche Experten wie etwa der renommierte dĂ€nische Familientherapeut Jesper Juul, predigen immer wieder, Kinder niemals "klein" zu machen, sondern ihnen immer das GefĂŒhl zu geben, "gleichwĂŒrdig" zu sein.

Studien: Elterliche Gewalt gegen Kinder gibt es nach wie vor

Trotz der gesellschaftlichen UmwĂ€lzungen der letzen Jahrzehnte, dauerte es sehr lange, bis die Politik beschloss, dass Kinder ein Recht darauf haben, ohne SchlĂ€ge und PrĂŒgel groß zu werden. Erst im Jahr 2000 formulierte der Bundestag: "Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwĂŒrdigende Maßnahmen sind unzulĂ€ssig." Deutschland zĂ€hlt damit zu den 16 LĂ€ndern weltweit, die ein solches Gesetz haben.

Ungeachtet dieser rechtlichen Grundlagen ist es jedoch auch heute keine SelbstverstĂ€ndlichkeit, dass Kinder gewaltfrei erzogen werden. Nach wie vor sind nicht wenige MĂŒtter und VĂ€ter der Überzeugung, dass ab und an eine Ohrfeige oder eine Klaps auf den Po ein angemessenes pĂ€dagogisches Mittel sei. Das ergab vor zwei Jahren eine Forsa-Studie, in der sich 40 Prozent der befragten Eltern so Ă€ußerten. Ähnliches bestĂ€tigte eine im Sommer veröffentlichte "Gewalt-Studie" der Uni Bielefeld, in der fast ein Viertel der befragten Kinder und Jugendlichen angab, oft oder manchmal von Erwachsenen geschlagen zu werden. Der Kinderschutzbund Deutschland schĂ€tzt, dass drei Kinder pro Woche an den Folgen von Misshandlung sterben.

Autorin: "Es geschieht nur weniger in der Öffentlichkeit"

"Elterliche Gewalt gegen das eigene Kind gibt es nach wie vor. Es geschieht nur weniger in der Öffentlichkeit", erlĂ€utert MĂŒller-MĂŒnch. "Das Bewusstsein dafĂŒr hat sich verĂ€ndert. SchlĂ€ge und PrĂŒgel sind nun gesellschaftlich verpönt und VĂ€ter und MĂŒtter greifen nicht mehr selbstverstĂ€ndlich wie zu meiner Zeit zum Kochlöffel. So gesehen haben es die Kinder von heute besser."

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Den Kindern, die trotzdem regelmĂ€ĂŸig zu Hause geschlagen und gedemĂŒtigt werden, hilft das allerdings nicht unmittelbar, denn die schmerzlichen Erfahrungen sind genauso tiefgreifend wie die der Kinder der "geprĂŒgelten Generation" vor rund 50 Jahren: "Kinder, die in der Familie Gewalt und Erniedrigung erleben, sind traumatisiert und leiden oftmals ein Leben lang an einem gestörten SelbstwertgefĂŒhl", so Autorin MĂŒller-MĂŒnch. "Bekommen sie keine UnterstĂŒtzung, besteht das Risiko, dass sie spĂ€ter möglicherweise an Depressionen leiden oder selbst gewalttĂ€tig werden und denselben Impulsen nachgeben wie ihre Eltern."

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