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Rassismus: "Ausländerkinder können das nicht"

MEINUNGDiskriminierendes System  

"Ausländerkinder können das nicht"

15.02.2020, 16:03 Uhr
Rassismus: "Ausländerkinder können das nicht". Schulkinder: Unabhängig von ihrer Herkunft sollten alle Kinder gefördert und nicht ausgebremst werden.  (Quelle: Getty Images/Chris Futcher )

Schulkinder: Unabhängig von ihrer Herkunft sollten alle Kinder gefördert und nicht ausgebremst werden. (Quelle: Chris Futcher /Getty Images)

Wenn Rassismus Kinder trifft, prägt er sie langfristig. Oft entwickeln sie Strategien, um damit fertigzuwerden. Trotzdem scheitern viele Kinder mit Migrationshintergrund am System.

Ich muss Ihnen zwei Dinge gestehen. Erstens: Ich bin ein sehr trotziger Mensch. Und zweitens: Ich hatte niemals eine Eins im Deutschunterricht, als ich in der Mittelstufe war. "Deutsch ist nicht Anas Muttersprache, da kann sie keine Eins haben": So hat meine Deutschlehrerin die Note gegenüber meiner Mutter begründet. Meine Art mit dieser Ungerechtigkeit umzugehen: Trotz. Andere Kinder mit Migrationshintergrund wählten den Weg des geringeren Widerstands und fügten sich.

Ich beobachte auch bei meiner Familie, meinen Freunden und Bekannten, die "Menschen ohne Migrationshintergrund" sind, dass sie sich für einen der beiden Wege entscheiden. Ein Teil von ihnen geht mit Herausforderungen und vor allem mit Rassismus um wie ich. Wenn ihnen jemand sagt, sie könnten etwas auf Grund ihrer Herkunft nicht, denken sie: Jetzt möchte ich es erst recht. Mit aller Kraft werfen sie sich gegen jedes Hindernis, das ihnen den Weg versperrt. Der andere Teil ist weniger resolut: Sie akzeptieren die Hürden und suchen Wege drumherum.

Statt Gymnasium eine Ausbildung zum Bürokaufmann

Milan, ein Freund, der in Serbien geboren wurde, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Seine Klassenlehrerin hat ihm gesagt, dass er nicht fürs Gymnasium tauge. "Ausländerkinder können das nicht", waren in etwa ihre Worte. Milan akzeptierte das und machte stattdessen eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Wir haben uns vor ein paar Jahren kennengelernt. Milan saß mir in einem Vorstellungsgespräch gegenüber: Er war Geschäftsführer des Unternehmens, in dem ich mich bewarb.

Während ich also beschäftigt damit war, besonders hart zu arbeiten, weil jemand an mir gezweifelt hat, setzte Milan seine Ressourcen anders ein. Er hielt sich nicht damit auf, Rassisten zu zeigen, dass sie sich irren. Er suchte sich einen anderen Weg zu seinem Ziel und ging Konfrontationen um seine Herkunft aus dem Weg. Statt ewig Chefs und Kollegen von seinen Qualifikationen zu überzeugen, machte er sich irgendwann selbstständig.

Beide Mechanismen haben eins gemeinsam: Sie sind Reaktionen. Genauso wenig, wie ich trotzig auf die Welt gekommen bin – egal was Ihnen meine Mutter erzählen würde – ist auch Milan erst durch seine Erfahrungen zu einem findigen Lösungsfinder geworden. Uns beiden wurden von klein auf Hindernisse auf Grund unserer Herkunft in den Weg gelegt: Ausländerkinder könnten dieses nicht, jenes stünde uns nicht zu.

Menschen mit Migrationshintergrund eher ohne Schulabschluss

Trotz dieser Widrigkeiten haben Milan und ich einen Weg in ein erfülltes Leben gefunden. Doch wir hatten Glück. Wir hatten Familien, die hinter uns standen. Wir hatten immer wieder Erzieher und auch Lehrer, die mehr als nur unsere Herkunft gesehen haben.

Andere Kinder mit Migrationshintergrund scheitern. Ob wegen Lehrern, die ihnen sagen "Ausländerkinder können das nicht", oder wegen anderer Ursachen, lässt sich nicht feststellen. Doch knapp jeder zehnte Mensch mit Migrationshintergrund zwischen 25 und 34 Jahren hat keinen allgemeinen Schulabschluss. Zum Vergleich: Bei derselben Altersgruppe ohne Migrationshintergrund betrifft das nur zwei Prozent.

In einer perfekten Welt müsste kein Kind Verhaltensweisen entwickeln, um mit Rassismus umzugehen. In der Realität ist das leider immer noch notwendig. Ich wünsche mir eine offenere Gesellschaft, die die "Ausländerkinder" fördert und nicht ausbremst. Damit ihr Trotz das bleiben kann, was er bei anderen Kindern ist: Eine lästige Phase und keine Überlebensstrategie.

Ana Grujić ist Redakteurin bei t-online.de. Geboren in Bosnien, wuchs sie in Österreich auf und lebt seit fünf Jahren in Berlin. Deshalb weiß sie: Es gibt mehr als eine Heimat. 

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