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Bildung | Schule: Lehrer Blume kritisiert Zivilschutz-Pläne der Ministerin


Lehrer kontert Ministerin
Für Schüler ist das wie Unterrichtsausfall

MeinungEine Kolumne von Bob Blume

18.03.2024Lesedauer: 4 Min.
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Ein Soldat der Bundeswehr an einer Schule: Bildungsministerin Stark-Watzinger möchte Schülerinnen und Schüler auf den Kriegsfall vorbereiten lassen.Vergrößern des Bildes
Ein Soldat der Bundeswehr an einer Schule: Bildungsministerin Stark-Watzinger möchte Schülerinnen und Schüler auf den Kriegsfall vorbereiten lassen. (Quelle: Thorsten Lindekamp)

Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger schlägt vor, junge Menschen in Schulen auf Katastrophenfälle vorzubereiten. Lehrer Bob Blume hält das für ein Ablenkungsmanöver.

Zunächst müssen wir festhalten: Der Krieg in Europa ist real. Auch für Kinder und Jugendliche, die das Leiden und Blutvergießen schon seit Jahren direkt über ihr Handy ins Kinderzimmer übertragen bekommen. Insofern sind die Überlegungen von Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger zu Zivilschutzübungen an Schulen zumindest nachvollziehbar. Die Forderungen der FDP-Politikerin sind eindeutig: "Die Gesellschaft muss sich insgesamt gut auf Krisen vorbereiten – von einer Pandemie über Naturkatastrophen bis zum Krieg."

Bob Blume ist Lehrer und Autor.
Bob Blume ist Lehrer und Autor. (Quelle: privat)

Zur Person

Bob Blume ist Lehrer, Blogger und Podcaster. Er schreibt Bücher zur Bildung im 21. Jahrhundert und macht in den sozialen Medien auf Bildungsthemen aufmerksam. In seiner Kolumne für t-online kommentiert er aktuelle Bildungsthemen mit spitzer Feder. Man findet Blume auch auf Twitter und auf Instagram, wo ihm mehr als 100.000 Menschen folgen. Sein Buch "10 Dinge, die ich an der Schule hasse" ist im Handel erhältlich.
Hier geht's zu Blumes Instagram-Auftritt.

Die Schlussfolgerung von Stark-Watzinger: Wir brauchen Zivilschutzübungen in Schulen. Nehmen wir diese Überlegung ernst und fragen: Was würde das für die Schülerinnen und Schüler bedeuten, wenn eine solche Übung durchgeführt würde oder Soldaten über den Ernstfall sprächen? Aus meiner Perspektive als Lehrkraft würde ich sagen: Das wäre alles nicht der Rede wert. Ich sehe auch nicht die Gefahr der Traumatisierung, wenn die Bundeswehr an Schulen wäre. Ja, ich kann verstehen, dass einige hier ein Problem sehen, aber die Bundeswehr ist Teil der demokratischen Gesellschaft.

Nur eine Abwechslung im Schulalltag

Auch würde eine Übung nicht mehr sein als eine Abwechslung vom Unterricht, die von den einen mit Schulterzucken, von anderen als glückliche Fügung gesehen würde, dem Unterricht kürzer beiwohnen zu müssen. All das kennen wir schon von Übungen zu Feuer- oder Amokalarm. Das heißt aber alles dennoch nicht, dass ich den Vorschlag besonders überzeugend finde. Ich glaube auch nicht, dass mit Zivilschutzübungen die Schulen wirklich vor den Krisen dieser Erde geschützt sind. Im Gegenteil.

Man müsste der Bundesbildungsministerin zurufen: Sie sind mit Ihrem Vorschlag ganz nah dran an einer fundamentalen Erkenntnis! Allerdings besteht diese nicht darin, Zivilschutzübungen nach englischem Vorbild abzuhalten. Nein, nah dran ist eine Analyse, der die richtigen Schlussfolgerungen fehlen. Jene nämlich, wo wir die Prioritäten setzen sollten.

Auch die Pandemie war eine Krise an Schulen

Beispiel 1: Mir ist so, als sei die letzte globale Pandemie noch nicht so lange her. Und für Kinder und Jugendliche ist die Phase der sozialen Isolation in ihrer Erinnerung noch sehr real. Die Folgen sind jetzt noch spürbar, es geht um Depressionen, Druck und Probleme im sozialen Zusammenleben – eine Mental-Health-Pandemie. Ohne dass die Schulen explizit darauf eingehen würden. Dass die Gesellschaft sich auf Krisen vorbereiten muss, stimmt. Aber würde das nicht heißen, dass man sich auch dann um die Krisen kümmert, wenn diese noch in den Köpfen der Menschen ist? Müsste das nicht konsequenterweise bedeuten, sich um die Kinder zu kümmern, die noch von der letzten Krise betroffen sind?

Das zweite Beispiel betrifft auch die Pandemie und sogar einen sehr direkten Verantwortungsbereich des Bundesministeriums für Bildung: die digitale Bildung. Wir erinnern uns noch alle, wie schlecht Deutschland auf den Fernunterricht vorbereitet war, und das hatte nicht nur mit wenig vorbereiteten Lehrkräften und sozialer Ungleichzeit zu Hause zu tun. Der Digitalpakt kam zu spät, ging zu langsam, war zu kompliziert. Aber: Schwamm drüber. Nur: Konnte man nicht gerade erst in den Medien lesen, dass die Verhandlungen zum Digitalpakt 2.0 beinahe gescheitert sind? Und zwar, weil das Bundesbildungsministerium sich nicht zu jenen Geldern bekennen wollte, die im Koalitionsvertrag vereinbart waren? Bedeutet Vorbereitung auf Krise nicht mindestens auch Vorbereitung auf eine grundlegend andere Welt, in der Digitalisierung fester Bestandteil von Kultur, Gesellschaft und Arbeitswelt ist?

Klimaaktivismus heißt, vorbereitet zu sein

Beispiel 3: Naturkatastrophen. Ich bin mir unsicher, was genau unsere Bundesbildungsministerin mit Naturkatastrophen meint. Ich lehne mich aber nicht zu sehr aus dem Fenster, wenn ich sage: Wir sind mitten in einer drin! Es ist März, streng genommen noch Winter, und wir haben teilweise Temperaturen über 20 Grad! Aber während wir in einer weltweiten Naturkatastrophe stecken, schimpfen wir lieber darauf, dass den Kindern eine Doppelstunde Gedichtanalyse ausfällt, wenn sie bei Fridays for Future auf die Straße gehen, statt einzusehen, dass Klimaaktivismus genau das ist, was Frau Stark-Watzinger fordert: vorbereitet sein. Wie viel mehr vorbereitet auf die Krisen der Welt kann man denn sein, als sich als mündiger Bürger zu betätigen und die Verantwortlichen inständig zu bitten, endlich hinzusehen?

Das sind alles sehr reale Krisen, so real, dass sie unser tägliches Leben jetzt schon und in Zukunft bestimmen. Und ja, Krieg gehört auch dazu. Aber dass aus der Analyse folgt, man solle eine Wehrübung machen, lässt an die alte Werbung einer Bankfiliale denken, die die fiktive Konkurrenz so darstellte, dass für die Kundenbetreuung oder Innovation kein Geld zur Verfügung steht und man stattdessen angehalten werde, ein Fähnchen zu schwenken, auf dem das Logo der Bank ist. Die Wehrübung ist das Fähnchen der Bundesbildungsministerin. Und die Metapher passt: Denn im Gegensatz zu allen vorherigen Schlussfolgerungen kostet eine Wehrübung kaum Geld, also ein bisschen Krisenbekämpfung für umme.

Frieden und Demokratie wollen gelernt sein

Es ist sicherlich nachvollziehbar, dass die Bundesbildungsministerin lautstark für ihre Ideen wirbt. Gerade dann, wenn es um die Krisen dieser Welt geht, von denen Deutschland sehr direkt betroffen ist. Die mediale Aufmerksamkeit ist ihr gewiss. Deshalb wäre mein Vorschlag, dass das nächste Mal noch eine andere Krise erwähnt wird: die des Zerfalls westlicher Demokratien. Auch sehr real. Auch sehr nah. Und auch sehr bedrohlich. Denn wenn Demokratien zerfallen, dann können wir uns den Rest in die Haare schmieren. Auch Demokratie muss in der Schule geübt werden. Nicht an einem, sondern an jedem Tag. Es würde sich lohnen. Und es würde die Kinder und Jugendlichen vielleicht nicht auf den Krieg vorbereiten, aber vielleicht auf einen anhaltenden Frieden.

Verwendete Quellen
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