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Hinter den Kulissen eines Pornodrehs


"Und jetzt stöhnt ihr eine Minute am Stück"


04.05.2023Lesedauer: 4 Min.
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Sinnlich: Erotische Inhalte können auf unterschiedliche Arten und Weisen stimulieren. (Symbolbild)Vergrößern des Bildes
Sinnlich: Erotische Inhalte können auf unterschiedliche Arten und Weisen stimulieren. (Symbolbild) (Quelle: fabioderby/Getty Images)

Geräusche können nicht nur reine Informationen übermitteln. Sie können auch erregen. Auf welche Weise? Das erfahren Sie hier.

Die Stimmung knistert zwischen dem Paar, das sich gerade im Wald vergnügt. Die Frau, die an einen Baum gefesselt ist, stöhnt erst leise und dann immer lauter. Nach wenigen Minuten erreicht sie den Höhepunkt. "Cut!", ruft die Regisseurin und beendet die Aufnahme. Die beiden Darsteller im Studio lächeln sich an. Ein befriedigender Start in den regnerischen Tag – und dabei haben sich die beiden in den vergangenen Minuten nicht einmal berührt: Denn was hier produziert wurde, war kein Erotikfilm, sondern ein Audioporn. t-online war bei der Produktion dabei.

Was ist ein Audioporn?

Ein Audioporn ist ein Hörbuch mit erotischem Inhalt. Die Geschichten handeln von zwei oder mehreren Personen, die ihre sexuellen Fantasien ausleben. Die Stimmen sollen die Hörer erregen, vielleicht sogar zum Orgasmus bringen. Doch im Gegensatz zum Groschenroman vom Kiosk kommen sie in der Regel ohne Kitsch und Co. aus: Hier geht es direkter zur Sache.

Mit der Stimme zum Höhepunkt

Die Aufnahmen für den Audioporn finden in einem gemütlich eingerichteten Tonstudio statt, in dem sonst eher Bands ihre Songs aufnehmen. Anders als beim Pornodreh sucht man hier Gleitgel und erotische Accessoires vergebens. Die Sprecher sollen allein durch ihre Stimme Lust bereiten und die Hörer möglicherweise zum Orgasmus bringen.

Bevor es losgeht, bespricht Charis Uster, Regisseurin und Drehbuchautorin bei der Erotik-Plattform Cheex, mit den beiden Sprechern das Drehbuch: "Könnt ihr euch mit den Protagonisten identifizieren?" Layana Flachs und Robin Astera, die den Charakteren ihre Stimmen leihen, nicken. Nur wenn die Sprecher ihre Figuren "fühlen" können, wirke das Gesprochene authentisch, erklärt Uster. "Aus diesem Grund sende ich den Sprechern die Skripte immer einige Tage vor der Aufnahme zu. Dann könnten noch Unklarheiten besprochen und im Skript geändert werden."

Dass ihr Skript mehrmals und teilweise sogar noch während der Aufnahme geändert wird, macht der Cheex-Regisseurin nichts aus. Auch wenn sie teilweise mehrere Wochen daran gearbeitet hat. Ihr sei wichtiger, dass alles plausibel klingt und aus dem Moment heraus entsteht.

Das erste Mal mit einem Fremden

Flachs und Astera machen sich an den Mikrofonen bereit, die Texte auf einem Pult vor sich. Obwohl sie jetzt zum ersten Mal zusammen Audiosex haben werden, wirken sie vertraut und ziemlich entspannt. "Ich bin spontan eingesprungen und konnte mich nicht wirklich auf die Rolle vorbereiten", sagt Flachs, die hauptberuflich als Sexualpädagogin arbeitet. Auch Astera, Schriftsteller und Hörschauspieler, hat sich das Skript lediglich vorher ein paar Male durchgelesen. "Die Stimmübungen kurz vor der Aufnahme sind viel wichtiger", erzählt er. Sie sorgen dafür, dass man eins mit sich und seinem Körper ist. Ist das nicht der Fall, würde man das in den Aufnahmen später deutlich hören können. Neben einer Gesichts- und leichten Körpermassage zählt auch die Lockerungen des Kiefergelenks dazu.

Vom Tonstudio in den Wald

Kurz darauf beginnt die Aufnahme. Dass sich Flachs und Astera gedanklich nicht mehr in dem kühlen, dunklen Tonstudio, sondern in einer sommerlich strahlenden Waldlichtung befinden, merkt man spätestens bei den kleinen, feinen Änderungen, die sie spontan im Skript vornehmen: Sie kürzen Sätze unbewusst, wiederholen aus Ekstase heraus Ausrufe, lachen verschmitzt oder ergänzen ein leises Stöhnen.

Als es zur Sexszene kommt, ist das Knistern zwischen beiden schon so groß, dass man die Realität fast vergessen könnte. Doch sie lesen noch immer alles von einem Skript ab – und stehen obendrein noch knapp einen Meter voneinander entfernt. Ihre Stimmen klingen erotisch, fordernd, wollüstig. Die Sexszene, die im Skript über vier Seiten geht, sprechen beide so elektrisiert, dass bereits nach wenigen Minuten einer der beiden Charaktere den Höhepunkt erreicht.

'Klatschnass' klingt unsexy

Sobald die erste Aufnahme beendet ist, fragt die Regisseurin, ob es Änderungswünsche gibt. "Also, 'klatschnass' würde ich nie sagen", wirft Robin Astera ein. Das klinge zu unerotisch. Kurzerhand wird das Wort durch "feucht" oder "nass" ersetzt. "Alles kein Problem", sagt Uster und grinst.

Um später beim Schnitt des Hörspiels eine größere Auswahl zu haben, folgt anschließend eine zweite Aufnahme. Fokus ist hier lediglich die Sexszene. Der Unterschied ist deutlich: Beim zweiten Mal hört sich alles noch realistischer an als beim ersten Mal. Und das, obwohl beide noch nicht einmal in irgendeiner Weise Körperkontakt hatten.

"Ich will, dass ihr beide jetzt eine ganze Minute lang nur stöhnt"

Bevor die aufgeheizte Stimmung abflacht, müssen die Sprecher aber noch einmal richtig ran. "Ich will, dass ihr jetzt eine ganze Minute lang nur stöhnt", fordert die Regisseurin. Das könne dann später an die richtigen Stellen im Hörspiel platziert werden.

Keine leichte Aufgabe gestehen die Sprecher. Denn hierbei könne es schnell zur Hyperventilation kommen. Astera beginnt. Auf Kommando beginnt er erst leise, dann immer lustvoller, lauter und fordernder. Zwischendurch wirft er Sätze ein, die sein Protagonist laut Skript sagt. Nach 1,5 Minuten ist er fertig – verblüffend, dass das alles nur gespielt ist. Und auch Layana Flachs gibt anschließend auf Kommando Stöhnlaute und Sexausrufe von sich, die nach wesentlich mehr als bloß gespielten Tonaufnahmen klingen. Anschließend fallen sich beide freudestrahlend in die Arme – der erste richtige Körperkontakt zwischen ihnen während der Session.

Euphorisch und elektrisiert

Und, wie fühlen sie sich so kurz nach der Aufnahme? "Sehr gut. Euphorisch. Elektrisiert. Gelöst", antworten Flachs und Astera. Dabei strahlen sie, als hätten sie wirklich gerade mehrere Orgasmen gehabt.

Nach einer Pause nehmen sie weitere Stellen von derselben Story auf. Ziel sei es, die bestmöglichen Stellen zu finden und daraus einen idealen Audioporn zusammenzuschneiden, erklärt Uster. Meist dauern die Aufnahmen für ein knapp zehnminütiges Hörspiel zwischen zwei und vier Stunden. Anschließend folgen der Schnitt und die Bearbeitung. Ein erotisches Hörbuch zu produzieren, ist also wesentlich aufwendiger, als man zuerst vermutet. Aber es ist mindestens genauso erregend wie ein Porno, wie alle Anwesenden sagen.

Und im Gegensatz zu den erotischen Filmchen kann man ihn genießen, ohne dass das Umfeld davon etwas mitbekommt – wer weiß schon, was da gerade im Wartezimmer beim Amt über die Kopfhörer läuft?

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche
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