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Kolumne zu Saudi-Arabien: Dieser "Fortschritt" macht mich wütend


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Juchhu, Frauen dürfen Auto fahren

t-online, Lamya Kaddor

Aktualisiert am 29.09.2017Lesedauer: 3 Min.
Großer Fortschritt oder Feigenblatt? Unsere Kolumnistin hat eine klare Meinung.
Großer Fortschritt oder Feigenblatt? Unsere Kolumnistin hat eine klare Meinung. (Quelle: Hasan Jamali/ap-bilder)
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Frauen in Saudi-Arabien dürfen bald Autofahren. Großartig? Nein, hinter der Entscheidung steckt eine Farce, die noch dazu vom Westen unterstützt wird.

Es sei ein großartiger Schritt in die richtige Richtung, sagt eine Sprecherin des US-Außenministeriums: In Saudi-Arabien dürfen Frauen bald Autofahren. Und in ein Sportstadion gehen – nicht allein freilich, sondern nur mit ihren Familien und nur in bestimmte Abschnitte der Tribünen. Selbst ein Studium dürfen Mädchen inzwischen selbstständig aufnehmen und in der Schule am Sportunterricht teilnehmen.

Kronprinz Mohammed Ibn Salman, offenbar die treibende Kraft hinter diesen Lockerungen, wird nun als großer Reformer gefeiert. Das ist alles ziemlich ärgerlich, zumindest aber ziemlich traurig. Vielleicht nicht für meine Geschlechtsgenossinnen auf der Arabischen Halbinsel. Als eine Frau, die auf dem Papier mit allen Rechten ausgestattet ist, kann ich mir kaum anmaßen, diese Entwicklung für Saudi-Araberinnen zu bewerten. Aber ich darf mir ein Urteil aus globaler Perspektive erlauben. Und da macht mich diese Entscheidung nur wütend.

Es soll ein Fortschritt sein, dass Frauen Autofahren dürfen? Echt? Im Jahr 2017? Ich nenne es Schande. Gewiss in Europa sollte man nicht allzu großspurig auftreten, in der Schweiz wurde das Frauenstimmrecht erst 1971 formell gewährt und im nordöstlichen Kanton Appenzell Innerrhoden stimmten die Männer bei einer Volksbefragung noch 1990 gegen die Einführung, sodass sie erst bundesgerichtlich dazu gezwungen werden mussten, Frauen wählen zu lassen.

So war das noch neulich in Deutschland

In Deutschland hatten Ehemänner bis 1958 die letzte Entscheidung darüber, ob ihre Ehefrauen berufstätig sein dürfen, und bis 1977 durften diese es nur unter Auflagen. Paragraf 1356 im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) besagte bis dato: „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“

Doch mit dem Feiern über die neugewonnene "Freiheit" saudischer Frauen sollten wir uns vor allem deshalb zurückhalten, weil unsere Politik im Westen Mitschuld daran ist, dass sie Menschen zweiter Klasse sind. Wir haben Anteil daran, dass ein einzelner machthungriger Klan namens Al Saud mit Hilfe einer islamischen Sekte namens Wahhabiten im 20. und 21. Jahrhundert die Herrschaft aufrecht erhalten kann.

Deutschland stabilisiert Regime in Riad

Erst haben wir unsere Reden von Menschenrechten primär hinter Ölinteressen zurückgestellt, heute hinter sicherheitspolitischen Erwägungen. In kaum noch zu ertragender Doppelzüngigkeit und Janusgesichtigkeit stabilisieren wir mit unserem Geld und unserer politischen Freundschaft seit Jahrzehnten dieses unterdrückerische Regime in Riad (manche sagen, es sei der wahre „Islamische Staat“, wo Scharfrichter Enthauptungen auf öffentlichen Plätzen durchführen, vermeintliche Delinquenten ausgepeitscht werden, Misogynie Staatsräson ist – Autofahren hin oder her –, andere Religionsverständnisse verketzert werden).

Saudi-Arabien ist der wichtigste Förderer islamisch-fundamentalistischen und islamistischen Denkens weltweit. Kein Land mit muslimischer Bevölkerung, das nicht über den gefährlichen Einfluss Saudi-Arabiens klagt, und auch laut unserer Verfassungsschutzberichte gehört der radikale Islam bekanntlich zu unseren größten Bedrohungen. Zugleich ist Saudi-Arabien einer der wichtigsten Verbündeten des Westens. Der neue US-Präsident macht seine erste Auslandsreise wohin? Richtig! Nach Saudi-Arabien. Einer der wichtigsten Abnehmer westlicher Rüstungsgüter ist wer? Richtig! Saudi-Arabien. All das angeblich im Zeichen der „Sicherheit“.

Derweil werden Muslime in Deutschland und anderenorts seit 9/11 genötigt, ihre Religion zu verteidigen, weil diese unter Verweis ausgerechnet auf Saudi-Arabien gering geschätzt und als rückständig oder frauenfeindlich verurteilt wird. Vermeintlich kritische Zeitgenossen können mit antidemokratischen Forderungen punkten wie, erst wenn in Saudi-Arabien Kirchen gebaut werden dürfen, sollten Moscheebauten hierzulande erlaubt sein. Die ganze Debatte ist verlogen und heuchlerisch.

Ich finde, wenn wir im Westen der Realpolitik schon nichts entgegenzusetzen haben, dann sollten wir wenigsten mit weniger moralischer Überheblichkeit auftreten. Dazu würde dann auch gehören, dass wir die Erlaubnis für Frauen zum Autofahren in Saudi-Arabien nicht als Fortschritt betrachten.

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