Meinung
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Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung √ľbernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Wann ist ein Deutscher ein Deutscher?

  • Lamya Kaddor
Eine Kolumne von Lamya Kaddor

12.12.2019Lesedauer: 6 Min.
Nationalsozialisten vermessen den Sch√§del eines Mannes: So sollte die "Rasse" bestimmt werden. Nach Gewalttaten wird immer √ľber die Herkunft der T√§ter debattiert. Das hat viel mit der Nazi-Zeit zu tun.
Nationalsozialisten vermessen den Sch√§del eines Mannes: So sollte die "Rasse" bestimmt werden. Nach Gewalttaten wird immer √ľber die Herkunft der T√§ter debattiert. Das hat viel mit der Nazi-Zeit zu tun. (Quelle: Montage: Ullstein-Foto)
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Wenn bei Gewalttaten die Nationalität von Tätern genannt wird, reicht das manchen noch nicht. Sie wollen die genaue Herkunft wissen, auch wenn es sich um einen Deutschen handelt. Wann ist man denn ein Deutscher, fragt sich unsere Kolumnistin Lamya Kaddor.

In seinem legend√§ren Song von 1984 warf Herbert Gr√∂nemeyer die Frage auf: "Wann ist ein Mann ein Mann?" und traf damit einen Zeitgeist. W√ľrde er das Lied heute, fast 40 Jahre sp√§ter, noch einmal schreiben, w√ľrde die Zeile wom√∂glich lauten: "Wann ist ein Deutscher ein Deutscher?" Sein Text w√ľrde wieder mit den Stereotypen spielen und w√§re dabei gespickt mit dem Charme von Dichotomien wie blond-blau√§ugig und schwarz-braun√§ugig oder p√ľnktlich-ordentlich und laissez-faire und savoir-vivre (verzeihen Sie mir den sprachlichen Ausflug ins Franz√∂sische, aber diese Begriffe treffen es einfach besser).


Augsburg: So trauert die Stadt um den erschlagenen Feuerwehrmann

Am Tatort am K√∂nigsplatz in Augsburg brennen Kerzen, Blumen sind niedergelegt: Der Mann war mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar auf dem R√ľckweg von einem Weihnachtsmarkt, als das Ungl√ľck passierte.
Zwei Polizisten stehen am K√∂nigsplatz bei einer Trauerveranstaltung der Feuerwehr: Eine Gruppe junger M√§nner kam den Freunden entgegen, sie gerieten miteinander in Streit ‚Äď dabei wurde der 49-j√§hrige Feuerwehrmann erschlagen.
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Allenthalben wird die Frage nach dem Deutschen inzwischen aufgeworfen. Implizit wie explizit. Auch nach dem tragischen Vorfall in Augsburg. Eine Gruppe Jugendlicher war, nach allem, was bisher bekannt ist, am vergangenen Freitag mit zwei Ehepaaren aneinandergeraten. Ein 49-j√§hriger Mann wurde im Verlauf der Auseinandersetzung derart hart attackiert, dass er an seinen Verletzungen starb. Eine f√ľrchterliche Tat, ich trauere mit der Familie. Da die Hauptverd√§chtigen offenbar Deutsche sind, aber zugleich eine t√ľrkisch-libanesische und italienische Herkunft haben, erlangte das Schicksal des Todesopfers f√ľr Teile der Gesellschaft politische Dimensionen, und der eigentliche Trauerfall r√ľckte ‚Äď wie so oft ‚Äď rasch in den Hintergrund.

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Was ist, wenn jemand eine j√ľdische Oma hat?

Der Hinweis, dass die T√§ter deutsche Staatsb√ľrger sind, reicht manchen Menschen nicht aus. Sie bestehen auf detailliertere genealogische Informationen. Doch wie detailliert soll es denn sein? Oder eben anders gesagt: Wann ist ein Deutscher ein Deutscher?

Man könnte einfach mit dem Gesetz antworten: Deutscher ist, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Und fertig. Doch so einfach macht es uns die Gesellschaft leider nicht, weil viele intuitiv eine andere Antwort im Sinn haben: Deutsch ist, wer deutsche Eltern hat.

Wenn jetzt aber der eigene Vater, sagen wir mit Namen Gerhard Meier, eine j√ľdische Oma hat, ist er dann noch deutsch oder muss man das J√ľdische benennen? Was, wenn die Mutter Hugenottin ist? Oder wenn man Gianluca hei√üt und trotzdem deutsche Eltern hat ‚Äď blo√ü mit Faible f√ľr Italien? Was ist mit Monika, Tochter von Russlanddeutschen, die nur Deutsch mit Akzent spricht? Ist sie deutsch? Und was ist mit Monikas Sohn Sascha, den sie mit einem deutschen Mann hat, muss man bei Sascha auch noch die russische Herkunft erw√§hnen oder ab wann wird diese Angabe hinf√§llig? Und wie sieht es gar mit k√ľnftigen Generationen aus? Mama und Papa sind in Deutschland geboren, hei√üen aber Canan und Mehmet. Sind ihre Kinder nun deutsch? Oder gilt hier pl√∂tzlich die Regel: Deutsch ist, wer deutsche Eltern hat, auf einmal nicht mehr?

All diese Fragen zeigen, in welche Absurdit√§ten v√∂lkischer Nationalismus und identit√§re Erregungszust√§nde f√ľhren. Diese Blut-und-Boden-Ideologie hat nur Leid, Chaos und Willk√ľr zur Folge. Ethnische Reinheit ist ein reines Konstrukt von Rassenfanatikern. Wer die B√ľchse der Pandora hier √∂ffnet, kommt nur in gr√∂√üere Schwierigkeiten: Wer vier deutsche Gro√üeltern hat, f√ľhlt sich demjenigen √ľberlegen, der nur zwei deutsche Eltern hat. Derjenige, bei dem alle acht Urgro√üeltern Deutsche sind, beansprucht noch mehr Privilegien f√ľr sich. Es gibt Leute, die ihren Stammbaum erhaben bis ins Mittelalter zur√ľckf√ľhren‚Ķ

Und er ist dann König von Deutschland?

Und am Ende ist dann derjenige, der den ältesten Stammbaum hat, König von Deutschland. Oder was? Übrigens wäre das dann jemand aus dem Landkreis Osterode in Niedersachsen, denn dort leben die Nachfahren der "ältesten Großfamilie der Welt", die seit 3.000 Jahren und mindestens in 120. Generation in diesem Tal leben.

Es sei denn‚Ķ es sei denn, in deren Stammbaum gibt es "irgendwelche" Fremdk√∂rper, etwa weil ein Vorfahr mal eine Slawin oder gar eine Osmanin geheiratet h√§tte. Dann w√ľrde vermutlich ein anderer den Anspruch auf den deutschen K√∂nigsthron anmelden. Denn "rein" muss er nat√ľrlich schon sein, der Stammbaum.

Wo kommen solche Gedanken in unseren Breiten her? Sie kommen ganz eindeutig von den Nazis, die den Fantasien der v√∂lkischen Bewegung im ausgehenden 19. Jahrhundert politisch zu ihrem barbarischen praktischen Durchbruch verholfen hatten. In der Preu√üischen Nationalversammlung von 1848 wurde noch ganz selbstverst√§ndlich davon gesprochen: "Deutscher ist, wer das deutsche Staatsb√ľrgertum hat". Hundert Jahre sp√§ter wurde daraus: "Deutscher ist, wer deutschen Blutes ist. Denn ein Volk ist die Gemeinschaft von Menschen aus gleichem Blute", so hielten es 1940 Heinrich-Karl Gr√§fe und Hans Winkler in ihrem Buch "Von Deutscher Gemeinschaft" fest.

Es ist erschreckend, welchen Einfluss das Hitler-Regime an dieser Stelle bis in unsere Tage hat.

Ankn√ľpfung an rassistisches Erbe der Nationalsozialisten

Die Forderung nach der Benennung von Nationalit√§ten im Kontext von Kriminalit√§t kn√ľpft letztlich an genau dieses rassistische Erbe an ‚Äď ob man will oder nicht. Teile von Politik und Medien sind auf dem Holzweg, wenn sie glauben, die Nennung von Herk√ľnften w√ľrde f√ľr Klarheit sorgen und Verschw√∂rungslegenden und Klischees √ľber "kriminelle Ausl√§nder" entgegenwirken. Klar zu sagen, was ist, setzt voraus, dass man wei√ü, was klar ist. Wer oder was deutsch ist, ist aber in der Bev√∂lkerung alles andere als klar.

J√ľngst teilte die Polizei mit, der Mann, der einen Polizisten am Montag am M√ľnchner Hauptbahnhof unvermittelt und brutal mit einem Messer angegriffen hatte, sei Deutscher. Daraufhin hakte eine Twitter-Nutzerin prompt nach: "Bislang gibt es nur die Herkunftsangabe 'Deutscher', aber keinen Vornamen!"

Man kann diesen Tendenzen in der Bev√∂lkerung nicht mit sachlichen Argumenten beikommen. Wer seine eigene Wahrheit partout aufrecht erhalten will, wird immer behaupten, Politik, Beh√∂rden, Medien w√ľrden Fakten verdrehen, Daten und Statistiken f√§lschen, Wahrheiten verschweigen oder Experten heranholen, die nicht objektiv oder nicht bef√§higt sind zu fundierten Einsch√§tzungen. Argumentativ kann sie jenseits von pers√∂nlichen Begegnungen einfach nichts √ľberzeugen. Ihren Forderungen nach der Kulturalisierung von Gewalt nachzugeben, f√ľhrt somit in eine Sackgasse, was im Sinne von Freiheit, Demokratie und gesellschaftlichem Frieden nicht weiterhilft.

Angeklagte Nationalsozialisten bei den N√ľrnberger Prozessen: Die Forderung nach der Benennung von Nationalit√§ten im Kontext von Kriminalit√§t kn√ľpft letztlich an das rassistische Erbe der NS-Zeit an.
Angeklagte Nationalsozialisten bei den N√ľrnberger Prozessen: Die Forderung nach der Benennung von Nationalit√§ten im Kontext von Kriminalit√§t kn√ľpft letztlich an das rassistische Erbe der NS-Zeit an. (Quelle: /imago-images-bilder)

Und was nun die Sachlage betrifft: Jugendliche aus Zuwandererfamilien sind zum Teil anf√§lliger f√ľr Gewaltdelikte als andere Gleichaltrige. Sie sind sowohl h√§ufiger als Opfer aber auch als T√§ter beteiligt. Dieser Fakt hat jedoch nichts mit der ethnischen Herkunft direkt zu tun, wie es rechte Scharfmacher propagieren. T√ľrken sind nicht qua Geburt gef√§hrlicher als Russen, Italiener nicht als Griechen, Briten nicht als Deutsche. Absurde Vorstellungen. Das Ph√§nomen h√§ngt zum einen mit sozio√∂konomischen Aspekten zusammen wie schlechteren Bildungschancen, Arbeitslosigkeit, Armut, Cliquenbildung und Ausgrenzungserfahrungen. Zum anderen mit soziokulturellen Aspekten wie bestimmten M√§nnlichkeitsnormen, erzieherischen Defiziten der Eltern und innerfamili√§rer Gewalt. All das ist wiederum aufgrund der sozio√∂konomischen Aspekte vielfach ausgepr√§gter als bei anderen. Diese grundlegenden Zusammenh√§nge sind seit Langem aus der Forschung bekannt und unumstritten.

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Die Konsequenz daraus kann nur sein, die sozio√∂konomischen und soziokulturellen Problemlagen zu reduzieren. Ein einzelnes Merkmal wie die ethnische Herkunft oder die religi√∂se Zugeh√∂rigkeit herauszustellen, kann am Ende des Tages nur ein Ziel erf√ľllen: die Ausgrenzung der vermeintlich Nichtdeutschen oder "Nicht-Ausreichend-Deutschen" zu erh√∂hen und im Gegenzug die eigene Person, mit der vermeintlichen Eigenschaft "richtig deutsch", zu privilegieren. Damit erreicht man jedoch nur eines: eine Versch√§rfung der Problemlagen.

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Deshalb ist es f√ľr Experten, Juristen oder Politiker mitunter sinnvoll zu wissen, welcher Herkunft ein Delinquent ist, w√§hrend solche Angaben f√ľr die Allgemeinheit ohne weitere Einordnung lediglich zur weiteren Vorurteilsbildung beitragen. Gerade in dieser Woche erschien eine Studie, wonach die Herkunft in den Medien meist nur dann erw√§hnt wird, "wenn die Tatverd√§chtigen Ausl√§nder sind", woraus sich "ein stark verzerrtes Bild" ergebe.

Folglich sollte gelten: Die Herkunft von T√§terinnen und T√§tern ist nur dann von allgemeinem Interesse, wenn sie weiteren Aufschluss √ľber die begangene Tat gibt ‚Äď zum Beispiel wenn sie politisch motiviert ist. Merke aber: Eine Eigenschaft wie Migrationshintergrund oder Fl√ľchtling ist per se (anders als rechtsextremistisch, linksextremistisch, islamistisch oder nationalistisch) kein Bestandteil einer politischen Ideologie.

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Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionsp√§dagogin, Publizistin und Gr√ľnderin des Liberal Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universit√§t Duisburg-Essen. Ihr aktuelles Buch hei√üt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie k√∂nnen unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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