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Hungerkrise: Wo deutsche Spendengelder Kinderleben retten

Nur ein Kinderkrankenhaus im Land  

Wo deutsche Spenden Kinderleben retten

03.01.2020, 12:32 Uhr | Laura Sandgathe, Unicef, msc, t-online.de

Hungerkrise: Wo deutsche Spendengelder Kinderleben retten. Ein Jahr und sieben Monate alt ist der kleine Junge aus Juba im Südsudan. Sein Name: Gift, das heißt Geschenk.  (Quelle: UNICEFUN0232190Njiokiktjien VII Photo)

Ein Jahr und sieben Monate alt ist der kleine Junge aus Juba im Südsudan. Sein Name: Gift, das heißt Geschenk. (Quelle: UNICEFUN0232190Njiokiktjien VII Photo)

Im Südsudan gibt es nur ein einziges Krankenhaus, das auf die medizinische Behandlung von Kindern spezialisiert ist: das Al-Sabbah-Kinderkrankenhaus in Juba. Für Kleinkinder, die an Krankheiten wie Malaria und schwerer Mangelernährung leiden, ist es der Ort der letzten Hoffnung. Hier sind Spendengelder aus Deutschland von großer Bedeutung.

Ganz ruhig sitzt der kleine Junge auf dem Boden, in der Hand ein buntes Spielzeug. Auf den ersten Blick wirkt er wie ein gesundes, vielleicht nur etwas schüchternes Kind. Nur seine müden Augen lassen erahnen, wie es ihm wirklich geht.

Gift, wie der 19 Monate alte Junge aus dem Südsudan heißt, schwebt in Lebensgefahr. Das englische Wort "Gift" bedeutet "Geschenk", Gifts Mutter hat den Namen ausgesucht. Nun hat die 21-jährige Tabu, die hochschwanger jeden Tag die Geburt ihres zweiten Kindes erwartet, große Angst, ihren Erstgeborenen zu verlieren.

Vor einem Monat erkrankte Gift an Malaria. Er aß kaum noch etwas, wollte nicht spielen oder sich bewegen. "Als es ihm immer schlechter ging, brachte ich ihn ins Krankenhaus", sagt Tabu.

Ein Kinderkrankenhaus für ein ganzes Land

Im Südsudan gibt es im ganzen Land nur ein einziges Krankenhaus, das auf die medizinische Behandlung von Kindern spezialisiert ist: das Al-Sabbah-Kinderkrankenhaus in der Hauptstadt Juba. Zum Vergleich: Allein für Berlin listet die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin 19 Kinderkrankenhäuser auf. 

Diesen extremen Engpass in der medizinischen Versorgung im Südsudan meint Tabu, wenn sie sagt: "Jeder hier weiß, dass es nur diesen einen Ort gibt, an dem mein Kind gerettet werden kann". Die Familie lebt weit entfernt. Tabu und ihr Mann, der als Taxifahrer arbeitet, mussten viel Geld aufwenden, um ihren Sohn ins Al Sabbah zu bringen.

Ein Krankenzimmer im Al Sabbah-Kinderkrankenhaus in Juba. (Quelle: UNICEF/UN0232222/Njiokiktjien VII Photo)Ein Krankenzimmer im Al-Sabbah-Kinderkrankenhaus in Juba. (Quelle: UNICEF/UN0232222/Njiokiktjien VII Photo)

Geht man durch die Flure des Kinderkrankenhauses, wird schnell klar: Hier ist es ganz anders als in einem Krankenhaus, wie wir es aus Deutschland kennen. In einem Behandlungsraum stehen etwa zehn Betten; wenn viele kleine Patienten da sind, auch mal 16. Es gibt nur wenige medizinische Geräte. Die Wände sind kindgerecht mit bunten Malereien verziert.

Oft stehen die Betten jedoch leer – denn wenn es im Zimmer tagsüber zu heiß wird, setzen sich die Mütter mit den kleinen Patienten nach draußen in den Innenhof. Dort verbringen sie den Tag im Schatten, auf einer Bastmatte auf dem Boden.

Tabu mit ihrem Sohn Gift im Innenhof des Al Sabbah-Kindekrankenhauses. (Quelle: UNICEF/UN0232200/Njiokiktjien VII Photo)Tabu mit ihrem Sohn Gift im Innenhof des Al-Sabbah-Kinderkrankenhauses. (Quelle: UNICEF/UN0232200/Njiokiktjien VII Photo)

Angewiesen auf Hilfsorganisationen und Spenden

Ohne Hilfsorganisationen wie Unicef wäre es nicht möglich, dass das Al Sabbah bestehen bleibt. Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen unterstützt insbesondere das Ernährungszentrum innerhalb des Krankenhauses, in dem auch Gift behandelt wird.

Hier wird greifbar, was Spenden aus Deutschland für Kinder wie ihn bedeuten: Sie finanzieren das Bett, in dem er schläft. Sie bezahlen das Gehalt der Ärzte und Krankenschwestern, die ihn untersuchen. Und sie ermöglichen seine Behandlung mit Spezialnahrung, die ihm schnell neue Kraft geben soll.

"Wenn Malaria und Mangelernährung zusammenkommen, wird es gefährlich"

Das Al Sabbah hat sich auf die Behandlung von Kindern spezialisiert, die an Mangelernährung im Zusammenspiel mit medizinischen Komplikationen leiden. Malaria, an der auch Gift erkrankt ist, stellt eine große Gefahr dar. "Malaria ist eine der Erkrankungen, die oft zu Mangelernährung führen", erklärt Jesca Wude Murye, Ernährungsexpertin bei Unicef. "Sie nimmt dem Kind seinen Appetit. Wenn es dann wochenlang kaum etwas isst, wird es schnell mangelernährt." Aber der Teufelskreis dreht sich auch in die andere Richtung: "Mangelernährung schwächt das Immunsystem des Kindes, und bald hat es Krankheiten wie Malaria nichts mehr entgegenzusetzen."

Unicef-Ernährungsexpertin Jesca Wude Murye spielt im Al Sabbah-Krankenhaus mit dem Jungen Gift. (Quelle: UNICEF/UN0232160/Njiokiktjien VII Photo)Unicef-Ernährungsexpertin Jesca Wude Murye spielt im Al-Sabbah-Krankenhaus mit dem Jungen Gift. (Quelle: UNICEF/UN0232160/Njiokiktjien VII Photo)

"Wenn ein Kind Malaria hat und mangelernährt ist, aber nur die Malaria behandelt wird, erreichen wir nichts", erklärt Jesca Wude Murye weiter. "Wir müssen immer auch die Mangelernährung behandeln, sonst verlieren wir das Kind."

Behandlung mit Milch und Erdnüssen

Mit diesem ganzheitlichen Ansatz behandeln die Ärzte auch Gift. In den ersten Tagen im Al Sabbah ist er so schwach, dass er keine feste Nahrung zu sich nehmen kann. Er bekommt therapeutische Spezialmilch. Korrekt heißt sie "F75 Milch", die Ärzte und Schwestern nennen sie auch "Wundermilch". Sie enthält viele Kohlenhydrate, aber kaum Proteine oder Fett, die der angeschlagene Kinderkörper nicht gut verdauen könnte.

F-75: Die therapeutische Spezialmilch wird aus Pulver und Wasser angerührt. (Quelle: UNICEF/UNI231113/Estey)F-75: Die therapeutische Spezialmilch wird aus Pulver und Wasser angerührt. (Quelle: UNICEF/UNI231113/Estey)

Weil Gift ein Hungerödem entwickelt hat, eine Wasseransammlung im Gewebe, wird er die ersten Tage streng überwacht. Seine hochschwangere Mutter kümmert sich liebevoll um ihn. Doch nach drei Tagen muss sie ihren Sohn im Krankenhaus zurücklassen: Bei Tabu setzen die Wehen ein.


Doch Gift macht gute Fortschritte. Nach drei Tagen setzen die Helfer die Spezialmilch ab und beginnen, den Jungen mit Erdnusspaste zu füttern. Die Paste aus Erdnüssen, Öl, Milchpulver und Zucker ist sehr kalorienreich und mit Vitaminen und Spurenelementen versetzt. So soll Gift schnell zunehmen. 

Erdnusspaste und die Spezialmilch hat Unicef geliefert. Zusätzlich versorgt die Hilfsorganisation das Krankenhaus mit Moskitonetzen und Seife. Die Netze schützen vor einer neuen Ansteckung mit Malaria, Händewaschen mit Seife vor Krankheiten wie Durchfall. Außerdem ist Unicef für die Ausbildung von Ärzten und Krankenschwestern zuständig und überprüft regelmäßig die Zustände im Krankenhaus und die Qualität der Behandlung. "Zwischen Januar und November 2019 haben wir im Al Sabbah 639 Mädchen und Jungen erfolgreich gegen Mangelernährung behandelt", sagt Yves Willemot aus dem Unicef-Büro im Südsudan.

Ein Gesundheitshelfer von Unicef gibt Sony (16 Monate) einen Becher mit Wasser. Sony ist mangelernährt und wird mit Erdnusspaste behandelt. (Quelle: UNICEF/UN0232199/Njiokiktjien VII Photo)Ein Gesundheitshelfer von Unicef gibt Sony (16 Monate) einen Becher mit Wasser. Sony ist mangelernährt und wird mit Erdnusspaste behandelt. (Quelle: UNICEF/UN0232199/Njiokiktjien VII Photo)

Nach zehn Tagen: Gift wird entlassen

Einer von diesen 639 ist Gift. Nach zehn Tagen können seine Großmütter Helena und Charity ihn aus dem Al-Sabbah-Krankenhaus abholen. Zu Hause wartet schon sein kleiner Bruder auf ihn, den Tabu gesund zur Welt gebracht hat.

Oma Helena (links) und Oma Charity holen Gift aus dem Krankenhaus ab. (Quelle: UNICEF/UN0232194/Njiokiktjien VII Photo)Oma Helena (links) und Oma Charity holen Gift aus dem Krankenhaus ab. (Quelle: UNICEF/UN0232194/Njiokiktjien VII Photo)

Die Krankenschwester gibt den Frauen eine Wochenration Erdnusspaste mit. Denn auch wenn es Gift besser geht, ist er noch nicht über den Berg: Sechs bis acht Wochen dauert die Behandlung eines mangelernährten Kindes. Nächste Woche werden Charity und Helena ihren Enkel wieder ins Al Sabbah bringen, zur Folgeuntersuchung. Dann müssen sie auch die leeren Erdnusspaste-Päckchen mitbringen, um zu zeigen, dass Gift die therapeutische Nahrung bekommen hat.

"Ich hoffe, mein Kind wird wieder gesund", sagt Gifts Mutter Tabu. "Ich träume davon, dass er groß wird und zur Schule geht."

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Kooperationsprojekts mit Unicef. Text- und Fotomaterial wurden von Unicef bereitgestellt.

Verwendete Quellen:

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