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Berlin: "Der Rettungsdienst ist ausgebombt" – droht im Winter der Kollaps?


"Der Rettungsdienst ist ausgebombt"


20.10.2022Lesedauer: 3 Min.
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Eine Pflegekraft zieht erschöpft die Maske aus (Archivbild): Die Belastung für das Berliner Gesundheitssystem ist hoch.Vergrößern des Bildes
Eine Pflegekraft zieht erschöpft die Maske aus (Archivbild): Die Belastung für das Berliner Gesundheitssystem ist hoch. (Quelle: Michael Bihlmayer/imago)

Der Berliner Rettungsdienst ist notorisch überfordert. Zu wenig Rettungswagen, zu wenig Intensivbetten. Nun droht der Winter. Was rollt da auf die Hauptstadt zu?

"Der Berliner Rettungsdienst ist ausgebombt", so Basti Gassel. Er arbeitet als Notfallkrankenpfleger in einer Rettungsstelle in Berlin-Mitte. Immer wieder komme es vor, dass Patienten nach Brandenburg verlegt werden müssten, weil in Berlin kein freies Intensivpflege zur Verfügung stehe, so der 35-Jährige. "Selbst wenn wir 30 Kliniken abtelefonieren." Hauptgrund dafür sei die Überlastung des Systems – und das als Dauerzustand.

Insgesamt gibt es in Berlin rund 1.000 Intensivbetten, teilte der Gesundheitssenat auf Anfrage von t-online mit. Das reiche laut Gassel jedoch nicht. "Wir haben generell zu wenig ITS-Betten." Dabei würden auch Corona-Patienten, die intensiv betreut werden müssen, eine Rolle spielen. Laut dem Intensivpfleger allerdings nur untergeordnet.

"Das wird oft falsch verstanden. Nicht Corona ist das Problem." Momentan fielen die Intensivpatienten mit Corona kaum ins Gewicht. Viel problematischer sei die Kältewelle, die bald mit Fortschreiten des Kalenders auf Berlin zurollen dürfte. "Grad, wenn es kalt ist, ist es bei uns voll. Besonders Obdachlose kommen dann öfter zu uns. Die haben oft einen hohen Betreuungsbedarf. Viele Wunden, eine Suchtproblematik." Das binde dringend benötigte Kräfte. Seinem Ärger macht der 35-Jährige auch in den sozialen Netzwerken Luft.

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Gerade nachts könne man nur noch auf die Situation reagieren und hechle hinterher.
"Wenn dann mehrere Personen da sind, die umfangreich erkrankt sind, haben wir zu viel zu tun." Dann liege ein Patient auch mal bis zu zwölf Stunden in den Rettungsstellen, bevor er in eine Klinik mit freiem Intensivpflegebett verlegt werden könne. Gassel fordert dringend eine Entlastung des Systems.

"In Berlin ist der Karren aber schon zu tief im Dreck. Da kann man politisch wenig machen. Das würde auch ein Schweinegeld kosten, das Berlin nicht hat." Auch müsse stärker auf die Erfahrungen der Pflegekräfte während der Pandemie gehört werden. Dennoch sieht Gassel dem Winter einigermaßen gelassen entgegen, besonders hinsichtlich der Corona-Pandemie. "Es gibt momentan wenig ITS-Corona-Fälle, das schaffen wir."

Berlin: "Eine stetige Zunahme der Zahlen"

Ein wenig kritischer sieht das Marc Schreiner, Geschäftsführer der Berliner Krankenhausgesellschaft. "Wir stellen uns zurzeit auf weiter steigende Zahlen und damit noch massivere Belastungen in den Kliniken ein." Das bestätigt auch der Gesundheitssenat. "Die Anzahl der intensivmedizinisch zu versorgenden, mit COVID-19 infizierten Patienten ist aktuell mit 55 noch relativ gering, erfährt jedoch eine stetige Zunahme", so eine Sprecherin.

Die jetzt steigenden Zahlen seien eine Warnung, darauf zu achten, dass die Krankenhäuser funktionstüchtig bleiben, so der Sprecher der Krankenhausgesellschaft. "Wir appellieren an die Bevölkerung, Masken in Innenräumen zu tragen, denn bei einem weiteren massiven Anstieg der Zahlen werden die Krankenhäuser absehbar an ihre Kapazitätsgrenze stoßen. Das wird sich vor allem in den Rettungsstellen und auf den Normalstationen zeigen." Auch würden ihm die steigenden Krankmeldungen des Personals Sorgen machen.

Berlin reaktiviert Krisenstäbe

Zu dieser Corona-Situation komme die Inflation und Energiekostensteigerungen, die für 96 Prozent der Krankenhäuser in Deutschland nicht durch eigene Anstrengungen zu refinanzieren seien, so Schreiner. "Leider bleibt die Politik bis heute eine Antwort schuldig, wie die Kliniken durch diese akute wirtschaftliche Notlage kommen sollen. Wir befürchten auch aus diesem Grund, dass Versorgungseinschränkungen und sogar Insolvenzen nicht ausbleiben."

Doch wie bereitet sich Berlin auf die drohende Gefahr vor? "Zurzeit werden Krisenstäbe reaktiviert oder sie tagen wieder häufiger", so Schreiner. "Wir benötigen Entlastungen wie in den letzten Corona-Wellen, um Bürokratie zu minimieren und mehr Zeit für die Patienten zu haben." Bereits jetzt würden Betten gesperrt und Häuser müssten sich stundenweise abmelden.

Besonders die Rettungsstellen seien sehr hoch ausgelastet, was zu erheblichen Wartezeiten führen könne. Auch die allgemeine medizinische Versorgung könnte, abseits von Corona, darunter leiden. Und dann könnten harte Folgen drohen. "Wir befürchten, bald wieder vermehrt Operationen verschieben zu müssen", so Schreiner.

Verwendete Quellen
  • Interview mit Basti Gassel
  • Anfrage an die Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit, Pflege und Gleichstellung
  • Anfrage an die Berliner Krankenhausgesellschaft
  • Twitter
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