Menü Icont-online - Nachrichten für Deutschland
HomeRegionalDortmund

Flüchtlinge aus der Ukraine: "Wir sollten den Menschen Sicherheit geben"


"Wir sollten den Menschen Sicherheit geben"

Von Nils Heidemann

Aktualisiert am 19.03.2022Lesedauer: 3 Min.
Nachrichten
Wir sind t-online

Mehr als 150 Journalistinnen und Journalisten berichten rund um die Uhr für Sie über das Geschehen in Deutschland und der Welt.

Eine Frau verabschiedet sich von einem Mann (Archivbild): Viele Menschen leiden unter den Erlebnissen in ihrer ukrainischen Heimat.
Eine Frau verabschiedet sich von einem Mann (Archivbild): Viele Menschen leiden unter den Erlebnissen in ihrer ukrainischen Heimat. (Quelle: ZUMA Wire/imago-images-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Das schaut Dortmund auf
Netflix
1. WednesdayMehr Infos

t-online präsentiert die Top Netflix Serien.Anzeige

Viele Geflüchtete aus der Ukraine kommen in Deutschland unter. Sie leiden unter den Auswirkungen des russischen Angriffskrieges, einige benötigen eine Therapie. Doch wie sieht das Angebot aus? Ein Blick ins Ruhrgebiet.

Sie fliehen vor Bomben und Raketen. Sie geraten aus der Angst hinein in die nächste Ungewissheit und hinterlassen nicht selten ihr gesamtes Leben in der Ukraine. Viele Kommunen in Nordrhein-Westfalen haben es sich in den vergangenen Tagen zur Aufgabe gemacht, diese Menschen aufzunehmen. Bis Anfang der Woche registrierten sich 2.600 Geflüchtete aus der Ukraine alleine in Dortmund, viele weitere werden wohl noch folgen.


Russischer Angriffskrieg gegen die Ukraine: Eine Chronologie in Bildern

Mehrere Wochen dauert der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine nun schon an. Mit jedem Tag steigt die Anzahl der Toten, Vertriebenen und zerstörten Ortschaften. Ein Überblick über die Geschehnisse seit Beginn der Invasion. Im
21. Februar: Russlands Präsident Wladimir Putin erkennt die selbst ernannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk im Osten der Ukraine als unabhängige Staaten an. Tags darauf stimmt das russische Parlament zu. Soldaten sollen in die Separatistengebiete entsandt werden.
+77

Die Unterstützung ist groß. Spenden werden gesammelt und Unterkünfte organisiert. Doch mit Blick auf die Zukunft wird auch ein weiterer Aspekt für die Flüchtlinge wichtig: die Aufarbeitung der Erlebnisse.

Flüchtlinge aus der Ukraine: Zu wenig Therapieplätze

Doch neben den bürokratischen und sprachlichen Hindernissen gibt es für Geflüchtete insbesondere ein Problem: Es gibt zu wenig Therapieplätze. In Nordrhein-Westfalen gibt es insgesamt 16 Psychosoziale Zentren (PSZ) für geflüchtete Menschen. Und die stellen sich momentan die Frage: Wie können wir Angebote schaffen, trotz der sowieso bereits ausgeschöpften Kapazitäten? So auch Rodica Anuti-Risse, Leiterin der Einrichtung in Dortmund.

"Psychotherapie für alle neuen Geflüchteten aus der Ukraine ist absolut utopisch", sagt sie und führt fort: "Wir haben ganze drei Stellen für sämtliche Geflüchtete in und um Dortmund herum." Über 60 Flüchtlinge seien bereits ohne die Menschen aus der Ukraine in Dortmund in Einzelbehandlung, dazu kommen Gruppenstunden. Im Vergleich zu anderen Ländern ist die Versorgungslage in NRW allerdings auf einem hohen Niveau. Die nächsten Zentren gibt es in Münster und Paderborn.

Große Schlange unter der Woche vor dem Sozialamt in Dortmund (Archivbild): Die Flüchtlinge bemühen sich, Leistungen zu beziehen.
Große Schlange unter der Woche vor dem Sozialamt in Dortmund (Archivbild): Die Flüchtlinge bemühen sich, Leistungen zu beziehen. (Quelle: Cord/imago-images-bilder)

Das Interesse an einer Therapie unter den Geflüchteten sei allgemein zwar nicht besonders hoch, aber: "Unter denen, die Therapie wünschen, ist die Rate der Menschen, die tatsächlich einen Behandlungsplatz bekommen, immer noch verschwindend gering", so Anuti-Risse. Die Zentren bekommen sogar Anmeldungen für Menschen, die noch gar nicht in Deutschland sind. "Familienangehörige wollen schon einen Behandlungsplatz vorbuchen. Das können wir aber nicht machen."

Für die kommenden Monate könnte das ein Problem werden. Die Auswirkungen möglicher posttraumatischer Belastungsstörungen werde man erst in den kommenden Wochen spüren, sagt sie. "Die meisten Ukrainer stehen aktuell noch unter Schock. Das hat noch nichts mit einer Erkrankung zu tun, das ist eine ganz normale Reaktion."

Es helfe nun, prophylaktisch vorzusorgen und eine solche Erkrankung nicht entstehen zu lassen. Da sei auch die Bevölkerung gefragt: "Wir sollten den Menschen Sicherheit und Hoffnung geben, Geduld mit ihnen haben und sie unterstützen, aus der Ohnmacht herauszukommen." Das sei insbesondere bei Kindern – von denen derzeit viele aus der Ukraine kommen – wichtig, da sie bisher wenig Ressourcen zur Verarbeitung der Situation aufbauen konnten: "Es ist vermutlich die erste große Belastung in ihrem Leben."

"Es ist zunächst wichtig, den Menschen durch eine Art Stabilisierung zu ermöglichen, sich selbst zu fangen. Wenn dann Reste übrig bleiben, wie massive Albträume, ein stetiges Wiedererleben von belastenden Situationen und sich ein Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben einstellt, dann brauchen sie dringend weitere Hilfe", sagt Anuti-Risse.

Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine (Archivbild): Insbesondere Kinder belasten die Flucht und die weiteren Auswirkungen des Krieges.
Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine (Archivbild): Insbesondere Kinder belasten die Flucht und die weiteren Auswirkungen des Krieges. (Quelle: Sven Simon/imago-images-bilder)

Das PSZ in Dortmund stellt daher nun eine neue Person ein, die Ukrainisch spricht. Dennoch gehe man davon aus, dass nur die besonders vulnerablen, die besonders bedürftigen Menschen für eine Einzelbehandlung bei der PSZ in Betracht kommen.

Anzeige
Loading...
Loading...
Loading...

Stattdessen sei man in verschiedenen Sammelunterkünften für Flüchtlinge unterwegs, um direkt "vor Ort etwas adäquater mit den Bedürfnissen der Menschen umzugehen". Sie können zudem Gruppenbehandlungen anbieten, außerdem schulen und sensibilisieren sie Mitarbeiter der Einrichtungen. Mehr sei aufgrund der Möglichkeiten aktuell nicht drin.

Und das stört Anuti-Risse. Fehler aus vergangenen Flüchtlingsströmen würden sich wiederholen. "Es gibt zu Beginn immer eine große Welle des Aktionismus und anschließend eine große bürokratische Hemmschwelle, um den Zugang zu Hilfsmaßnahmen zu bekommen", sagt sie mit Blick in Richtung der Bundes- und Landesregierungen.

Die Unterstützung der Bevölkerung für die Menschen aus der Ukraine beschreibt sie hingegen als "wahnsinnig gut". Dennoch: "Ich wünsche mir, dass wir nicht dazu tendieren, Geflüchtete in erster und zweiter Klasse zu kategorisieren." Sie bezieht sich auf Benachteiligungen, die andere Geflüchtete derzeit erfahren und die nun in andere Städte – heraus aus ihrer aufgebauten Sicherheit – umgebettet werden.

"Die Not dieser Menschen ist nicht geringer. Die Sorgen der Ukrainer sind uns nur deshalb näher, weil unsere eigene Haut anfängt zu brennen. Ich würde mir wünschen, dass wir es schaffen, diese Not, die wir am eigenen Leib spüren, auf alle Flüchtenden anwenden."

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Verwendete Quellen
  • Gespräch mit Rodica Anuti-Risse, Leiterin des Psychosozialen Zentrums für Geflüchtete in Dortmund
  • Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge: Ein Praxisleitfaden
  • Eigene Recherchen
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingAnzeigen

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Von Laura Schameitat, Thomas Terhorst
DeutschlandFlüchtlingeUkraine

t-online - Nachrichten für Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagramYouTubeSpotify

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlängerung FestnetzVertragsverlängerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website