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Hamburg: Angriff auf trans Frau vor Gericht – zu viel Provokation oder Hasskriminalität?


Prozess in Hamburg
Trans Frau vor Gericht: "Der Vorfall hat mein Leben zerstört"

  • Gregory Dauber
Von Gregory Dauber

10.01.2023Lesedauer: 3 Min.
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Samia Stöcker steht vor einem Haus, in dem Transsexuelle anschaffen gehen: "Was wollen die hier", sagt sie über Männergruppen, die sich teilweise hier versammeln sollen.Vergrößern des Bildes
Samia Stöcker auf dem Hamburger Kiez: "Ich halte mein Gesicht für die Community hin", sagte sie vor Gericht.

Nach einem Wortgefecht kam es zu einem Schlag mit schweren Folgen. Hintergrund sollen transfeindliche Beleidigungen sein.

Ein 22-jähriger Mann muss sich wegen vorsätzlicher sowie gefährlicher Körperverletzung in zwei Fällen vor dem Jugendschöffengericht in Hamburg verantworten. Beide Vorfälle ereigneten sich innerhalb weniger Wochen im Sommer 2021. Ein tätlicher Angriff auf eine trans Frau, den der Angeklagte ausgeführt haben soll, hatte vor Prozessbeginn für zahlreiche Medienberichte gesorgt.

Zum Auftakt kristallisierte sich eine zentrale Frage heraus, die geklärt werden muss: Ging von der später Geschädigten eine Provokation aus oder reagierte diese auf transfeindliche Äußerungen aus der Gruppe des Angeklagten? Zeugen berichteten von einer angespannten Situation, die sich hochgeschaukelt habe. Ein ganz normaler Streit auf dem Kiez also, der letztlich mit einem Schlag endete?

Als Zeugin berichtete die Geschädigte Samia Stöcker von schweren Beeinträchtigungen, unter denen sie seit der Tat leide. "Der Vorfall hat mein Leben zerstört", sagte sie vor Gericht. An dem Abend des Vorfalls hat sie einen Schädelbruch und innere Blutungen erlitten und die Erinnerung von mehreren Stunden verloren. Bis heute leide sie an Konzentrationsstörungen, sie sei schwer traumatisiert und könne nicht arbeiten. "Ich bin nicht fähig, ein gesellschaftliches Leben zu führen."

Hamburg: Angriff auf trans Frau wird vor Gericht verhandelt

Bei ihrer Aussage machte sie deutlich, dass es ihr um ein größeres Thema gehe: "Ich halte mein Gesicht für die Community hin. Transsexuelle haben Angst und gehen wegen solcher Vorfälle nicht mehr auf die Reeperbahn." Sie sei es leid, sich für ihren Lebensstil rechtfertigen zu müssen. "Transfeindlichkeit wird viel zu selten zur Anzeige gebracht." Samia Stöcker war als Dragqueen "Sina Valentina" zu Bekanntheit gekommen, seit mehreren Jahren lebt sie als trans Frau – und werde seitdem deutlich mehr angegangen und bedroht.

Mehrere Zeuginnen berichteten vor Gericht, dass die Männergruppe, zu der der Angeklagte gehörte, die Geschädigte aufgefordert haben soll, weiterzugehen. Sie soll sichtlich aufgebracht gewesen sein und gefragt haben, "was das Problem ist", und habe Respekt gefordert – was sie dazu veranlasst hatte, konnte nicht geklärt werden. Transphobe Beleidigungen wurden von zwei unbeteiligten Zeuginnen zunächst nicht bestätigt.

Wortgefecht, Schubsereien und ein Schlag ins Gesicht

In Folge des Wortgefechts sei es zu gegenseitigen Schubsereien gekommen, nach wenigen Minuten der Schlag – wohl mit der Faust – ins Gesicht der Geschädigten gefallen, die daraufhin nach hinten auf den Kopf gefallen sei. "Ich habe den Schlag gar nicht kommen sehen, der war schnell und präzise", sagte eine Zeugin. Der Schläger habe sich vorher im Hintergrund gehalten. "Der Aufprall war sehr laut." Laut Polizeibericht war die Gruppe nach dem Schlag unerkannt geflüchtet.

Wo fängt eine übermäßige Provokation an und wie weit dürfen sich beleidigte oder diskriminierte Personen zur Wehr setzen? Wer der Beteiligten hat die Situation zum Eskalieren gebracht, oder haben sie einander hochgeschaukelt? Es gibt eine Videoaufnahme des Schnellrestaurants, vor dem sich der Vorfall ereignete, die aber erst bei einem späteren Termin gezeigt werden soll. Ob das Filmmaterial den Ablauf in Gänze aufklären kann, ist fraglich.

"Wir müssen nicht akzeptieren, uns beleidigen zu lassen"

"Jede Situation, in der mehrere Männer weniger Frauen gegenüber stehen, halte ich für bedrohlich", sagte eine Zeugin zur Frage, wie die Parteien auf sie gewirkt hätten. "Die wirkten sehr aufbrausend und ihre Blicke herabwürdigend." Eine andere sagte: "Das Verhalten von Frau Stöcker könnte schon als Provokation aufgefasst werden, aber das ist ja auch eine Frage, wie die Gegenseite reagiert." Der Verteidiger stellte Stöcker unter anderem die Frage, ob eine "positive Provokation" nicht zu ihrer ehemaligen Rolle als Dragqueen gehört habe. "Dragqueens müssen Rampensäue sein, aber wir müssen nicht akzeptieren, uns beleidigen zu lassen", entgegnete sie.

Vor dem Jugendschöffengericht wird sich der per juristischer Definition Heranwachsende, heute 22-Jährige noch für eine weitere Gewalttat verantworten müssen. Wenige Wochen nach dem Vorfall an der Reeperbahn war er Teil einer Gruppe, aus der heraus ein Mann an einem Busbahnhof geschlagen, getreten und mit einem Messer verletzt worden sein soll.

Jugendstrafe oder volles Strafmaß?

Die Anklage: vorsätzliche Körperverletzung für den mutmaßlichen Faustschlag gegen Stöcker, der zweite Fall soll gefährliche Körperverletzung sein. Offen ist, ob er nach Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden könnte, da er bei den Taten unter 21 Jahre alt war, teilt ein Gerichtssprecher t-online mit. Das mögliche Strafmaß bewege sich von einer Geldstrafe bis hin zu 10 Jahren Haft.

Die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, Liddy Oechtering, erklärte t-online, dass auch eine mögliche Kampfsport-Erfahrung des Angeklagten bei der Findung des Strafmaßes eine Rolle spielen könnte. Auch ein möglicherweise transfeindliches Verhalten könnte strafverschärfend wirken. Der Angeklagte äußerte sich zu den Vorwürfen nicht.

Der Prozess soll in einer Woche, am 17. Januar, fortgeführt werden. Zum dreistündigen Auftakt waren zwei der fünf geladenen Zeugen aus Zeitgründen nicht mehr gehört worden.

Verwendete Quellen
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