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Reaktionen zum Köln-Gutachten: "Massive Pflichtverletzungen und Dilettantismus"

Reaktionen zum Woelki-Gutachten  

"Massive Pflichtverletzungen und Dilettantismus"

19.03.2021, 09:48 Uhr | LKA, t-online

Reaktionen zum Köln-Gutachten: "Massive Pflichtverletzungen und Dilettantismus". Kardinal Rainer Maria Woelki (r.) mit Kardinal Joachim Meisner (Archivbild aus 2014): Das jezt veröffentlichte Gutachten belastet den mittlerweile verstorbenen Meisner schwer. (Quelle: imago images/epd)

Kardinal Rainer Maria Woelki (r.) mit Kardinal Joachim Meisner (Archivbild aus 2014): Das jezt veröffentlichte Gutachten belastet den mittlerweile verstorbenen Meisner schwer. (Quelle: epd/imago images)

Das vorgestellte Gutachten zum Umgang von Verantwortlichen des Erzbistums Köln mit Missbrauchsvorwürfen hat zahlreiche Reaktionen ausgelöst. Neben Lob für die Aufarbeitung gab es auch reichlich Kritik, besonders an der Person Rainer Maria Kardinal Woelki.

Das zweite Kölner Gutachten bewegte viele Menschen aus Kirche, Politik und Gesellschaft zu Reaktionen. So äußerte sich der Kirchenrechtler Thomas Schüller kritisch: Es sei zwar gut, dass einige Verantwortliche, die Pflichtverletzungen begangen hätten, in der Untersuchung identifiziert würden. Doch gleichzeitig gelte: "In weiten Teilen wirken die Ausführungen eher wie eine Verteidigungsrede, weil mit nicht überzeugender Rechtsunkenntnis operiert wird und somit Vertuscher exkulpiert werden", sagte Schüller. Die Unübersichtlichkeit der kirchlichen Strukturen sei keine Entschuldigung für Fehlverhalten.

Thomas Schüller (Archivbild): Der Kirchenrechtler kritisiert das Kölner Gutachten. (Quelle: dpa/Rolf Vennebernd)Thomas Schüller (Archivbild): Der Kirchenrechtler kritisiert das Kölner Gutachten. (Quelle: Rolf Vennebernd/dpa)

Der ehemalige Sprecher des Betroffenenbeirats im Erzbistum Köln, Karl Haucke, wurde nach der Pressekonferenz deutlicher: "Nach dieser Showveranstaltung von eben bin ich der Meinung, die theologischen Fakultäten in Deutschland können ihren Laden schließen", sagte er vor Journalisten. Die Kirche brauche keine Moral, weil auch die "Kirchenfürsten" keine Moral hätten.

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker schrieb auf Twitter zum Gutachten: "Wenn unentschuldbare Taten, Verfehlungen und Vergehen – insbesondere an Kindern – nicht konsequent adressiert, aufgedeckt und angegangen werden, nehmen die Verantwortlichen und die Institution für die sie handeln, schweren Schaden und verlieren Glaubwürdigkeit."

Henriette Reker (Archivbild): Kölns Oberbürgermeisterin kommentierte auf Twitter das Gutachten des Erzbistums Köln. (Quelle: imago images/Political-Moments)Henriette Reker (Archivbild): Kölns Oberbürgermeisterin kommentierte auf Twitter das Gutachten des Erzbistums Köln. (Quelle: Political-Moments/imago images)

"Schritt der Aufklärung nicht der Verdienst der Kirche"

Der Theologe Daniel Bogner hält das Gutachten und die ersten Reaktionen von Kardinal Woelki für keinen Befreiungsschlag, sondern einfach nachholende Problembearbeitung, die lange geschuldet ist. "Der 'Kölner Fall' legt das Kernleiden der Katholischen Kirche offenbar: Weil eine wirklich verbindliche Pflicht zur Machtkontrolle, zur Gewaltenteilung, zur Basisbeteiligung fehlt, ist sie auf den 'guten Monarchen' angewiesen, der das Richtige will, dafür eintritt mit seiner Haltung", so Bogner gegenüber t-online.

"Und man muss ja sehen: Dass es jetzt zu diesem Schritt der Aufklärung kommt, ist nicht Verdienst der Kirche. Es ist der Tatsache geschuldet, dass eine starke, kritische Öffentlichkeit die Kirchenleitungen dazu zwingt, Licht ins Dunkel zu lassen. Und auch das bringt mutmaßlich ja nur die Spitze des Eisbergs zu Tage, wie die Gutachter gestern nahelegten. Was man daraus lernen kann: Die Kirche muss strukturelle Konsequenzen ziehen. Sie muss sich so umbauen, dass die begangenen Verbrechen nicht weiter begünstigt und leicht gemacht werden, einschließlich ihrer nachträglichen Vertuschung, um die es ja im Gutachten alleine ging." 

Gutachten kläre "weder moralische noch kirchenrechtliche Fragen"

Als "Freispruch" für Woelki bezeichnete der Sprecher der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, das Missbrauchsgutachten. "Was man bestellt hat, hat man bekommen", sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Köln. Das Gutachten kläre weder moralische noch kirchenrechtliche Fragen. Katsch kritisierte, dass die Perspektive der Betroffenen für die Erstellung des Gutachtens keine Rolle gespielt habe. Das Gutachten sei kein Ersatz für Aufarbeitung, so Katsch.

Matthias Katsch: Der Mitbegründer der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch" nannte das Gutachten einen "Freispruch für Woelki". (Quelle: imago images/Jürgen Heinrich )Matthias Katsch: Der Mitbegründer der Betroffeneninitiative "Eckiger Tisch" nannte das Gutachten einen "Freispruch für Woelki". (Quelle: Jürgen Heinrich /imago images)

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht forderte weiterreichende Konsequenzen. "Alle, die in der katholischen Kirche Verantwortung tragen, müssen endlich Strukturen ändern, hinschauen und eingreifen", erklärte die SPD-Politikerin. "Es sind dringend vertrauenswürdige Stellen erforderlich, die jeden Hinweis ernst nehmen." Die katholische Kirche müsse endlich alles dafür tun, dass sich entsetzliche Verbrechen gegen Kinder nicht wiederholen. Das nun vorgestellte Gutachten lasse erneut erahnen, welch entsetzliche sexuelle Gewalt Kinder und Jugendliche in katholischen Einrichtungen hätten erleiden müssen, so Lambrecht. "Machtstrukturen ohne jede Kontrolle haben Missbrauch und Vertuschung über Jahrzehnte ermöglicht."

Ausmaß des Missbrauchs "erschreckend"

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, nannte das in dem Gutachten gezeichnete Ausmaß des Missbrauchs und der Pflichtverletzungen kirchlicher Verantwortungsträger "erschreckend". Zugleich lobte er die Untersuchung als einen "wichtigen von vielen weiteren Mosaiksteinen der unabhängigen Aufarbeitung". Nun müsse zügig eine Aufarbeitungskommission unter Beteiligung von Betroffenen und weiteren Experten gebildet werden. "Wenn sich das mächtige Erzbistum Köln nun an die Spitze der unabhängigen Aufarbeitung setzt und auch die Betroffenen uneingeschränkt unterstützt, würde ich das sehr begrüßen", so Rörig.

Dr. Johannes Rörig bei einer Pressekonferenz (Archivbild): Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung sprach von einem "erschreckenden Ausmaß". (Quelle: imago images/Political-Moments)Dr. Johannes Rörig bei einer Pressekonferenz (Archivbild): Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung sprach von einem "erschreckenden Ausmaß". (Quelle: Political-Moments/imago images)

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) sieht im Kölner Gutachten einen "klaren Auftrag für Reformen". Das betreffe die Kirche insgesamt, sagte ZdK-Präsident Thomas Sternberg. "Alle Bistümer können aus den offensichtlichen Verfahrensfehlern, mangelnden rechtlichen Regelungen und mangelnder Rechtskenntnis in Köln lernen", so Sternberg. "Wer jetzt nicht ehrlich und glaubwürdig mit den Betroffenen spricht, wer nicht Prävention, Anerkennung und Aufarbeitung intensiv betreibt, kann die große Vertrauenskrise, die über die Kirche hinausweist, nicht überwinden." Sternberg nannte die ersten Personalentscheidungen Woelkis konsequent. Nun komme es auf die weiteren Schritte im Erzbistum an. 

"Massive Pflichtverletzungen und Dilettantismus"

Der Fall Köln zeige nicht nur massive Pflichtverletzungen und "Dilettantismus" von Verantwortungsträgern, sondern stehe auch "exemplarisch dafür, wie wichtig es wäre, endlich eine Verwaltungsgerichtsbarkeit der Kirche einzurichten", so Sternberg, der zugleich weitere Aufarbeitung forderte. "Das Gutachten ist wichtig, bietet aber eine ausschließlich juristische Bewertung. Die vollständige Aufarbeitung kirchlichen Versagens kann nur gelingen, wenn interdisziplinär und unabhängig gearbeitet wird."

Auch auf Twitter reagieren viele Nutzer auf das Kölner Gutachten. Eine Auswahl:

Die Reformbewegung "Wir sind Kirche" kritisierte eine Fokussierung des Gutachtens auf die rein juristischen Aspekte. Die Frage nach dem kirchlichen Selbstverständnis bleibe außen vor. Es stelle sich auch die Frage nach der persönlichen Verantwortung von Woelki. Er müsse sich fragen, wie er als Erzbischof bislang seiner Aufsicht innerhalb des Erzbistums gerecht geworden sei und ob die angekündigten Amtsenthebungen nicht ein "Bauernopfer" darstellten, um von seiner Letztverantwortlichkeit abzulenken. Auch der Kardinal müsse seinen Rücktritt anbieten, hieß es. 

Verwendete Quellen:

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