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Prozess in Köln: Zeuge über abgemagertes Mädchen – "Schockiert, wie dünn sie war"

Mutter angeklagt  

Kind fast verhungert – so unterschiedlich sagen Zeugen aus

04.05.2021, 10:29 Uhr
Prozess in Köln: Zeuge über abgemagertes Mädchen – "Schockiert, wie dünn sie war". Die angeklagte Mutter (2.v.l., hinten) und ihr Ex-Freund (M, vorne) sitzen neben ihren Anwälten im Gerichtssaal (Archivbild): Der Prozess gegen die beiden ging weiter. (Quelle: dpa/Oliver Berg)

Die angeklagte Mutter (2.v.l., hinten) und ihr Ex-Freund (M, vorne) sitzen neben ihren Anwälten im Gerichtssaal (Archivbild): Der Prozess gegen die beiden ging weiter. (Quelle: Oliver Berg/dpa)

In Köln geht der Prozess um eine mangelernährte Fünfjährige weiter. Ihrer Mutter werden schwere Vorwürfe gemacht – ließ sie ihre Tochter absichtlich hungern? Zeugen widersprechen sich. 

Im Verfahren gegen ein junges Paar, dem die Staatsanwaltschaft den versuchten Mord an einem kleinen Mädchen vorwirft, gab es nun weitere, zum Teil widersprüchliche, Aussagen.

Zu Beginn der Gerichtsverhandlung schilderte eine angehende Krankenschwester, wie sie das kleine Mädchen erlebt hatte, das im August 2020 fast verhungert ins Kinderkrankenhaus eingeliefert wurde. "Manchmal hat sie nach ihrem Bruder und ihrer Mama gefragt. Sie hatte auch ein Foto von der Familie, das sie gerne angesehen hat. Dann hat sie gesagt: 'Da ist Mama!'" Es ist ein kleines Detail, aber es ist die erste Aussage, die vermuten lässt, dass die betroffene Fünfjährige ihre Mutter durchaus vermisst haben könnte. Bislang hatte es immer geheißen, nach ihrer Mutter habe die Fünfjährige nie gefragt.

Zum Hintergrund: Ein schockierender Fall beschäftigt seit Mitte April das Kölner Landgericht. Eine 24-Jährige und ihr 23-jähriger Lebensgefährte sind wegen versuchten Mordes angeklagt. Hintergrund ist, dass die Tochter der 24-Jährigen im August 2020 so stark unterernährt war, dass sie in akuter Lebensgefahr schwebte. Das Mädchen, zu dem Zeitpunkt fünf Jahre alt und knapp einen Meter groß, wog nur noch 8,2 Kilogramm – so viel wie ein mehrere Monate alter Säugling.

Ohnehin sei die Intensität der Gespräche mit dem Pflegepersonal sehr unterschiedlich gewesen, so die Zeugin: "Manchmal sagte sie nur einzelne Worte, manchmal kurze Sätze – je nach Vertrautheit zur jeweiligen Person." Ihr zum Beispiel habe sie erzählt, dass es zu Hause "nicht immer" etwas zu essen gegeben habe.

"Ihr kümmert euch mehr um mich als meine Familie"

Bisher hieß es, die Mutter sei nie im Krankenhaus erschienen, um sich nach ihrer Tochter zu erkundigen. Doch die Zeugin widersprach: "Das Foto hatte die Mutter gebracht." Die angehende Krankenpflegerin habe die Mutter zwar nicht selbst vor Ort gesehen, die Angeklagte soll aber dort gewesen sein.

Eine Nachbarin wurde ebenfalls vernommen. "Sie ist auch selbst in dieser Zeit so dünn geworden", sagte sie über die Angeklagte. Für sie und ihren Mann sei offensichtlich gewesen, dass die junge Frau Hilfe brauche: "Ich habe ihr oft gesagt: 'Wenn du etwas brauchst, kannst du immer kommen.' Ich habe auch Essen für sie gekocht, aber sie hat es nicht angenommen."

Die 42-Jährige legte dem Gericht Auszüge aus Nachrichtenverläufen vor, die von der Vorsitzenden Richterin verlesen wurden. Darin bedankt sich die Angeklagte bei der Nachbarin und schreibt: "Ihr kümmert euch mehr um mich als meine Familie."

Ex-Freund beschreibt Angeklagte als ein "bisschen naiv"

Ein 40-jähriger Mann, mit dem die junge Mutter nach der Trennung von ihrem Ehemann kurzzeitig ein Verhältnis hatte, wurde ebenfalls befragt. "Es hat mich total schockiert, als ich von den Vorwürfen gehört habe", gab er an: "Auf mich wirkte sie nett, lieb und offen. Ein bisschen naiv vielleicht, aber das fand ich mit Blick auf ihr Alter nicht ungewöhnlich."

Er habe die Frau weder als überschuldet noch ihre Familie oder ihre Wohnung als ungepflegt wahrgenommen: "Sie lebte von Hartz IV und musste jeden Pfennig umdrehen, aber sie kam hin."

In der Wohnung hätten wohl mal Krümel und Spielzeug gelegen, aber sie hätte abends aufgeräumt, wenn die Kinder im Bett waren. Das Essen sei "nicht mega-ausgewogen" gewesen, aber es habe immer etwas gegeben – mal Nudeln mit einer fertigen Soße, mal selbst gemachtes Geschnetzeltes. Dem kleinen Mädchen sei es zu diesem Zeitpunkt sehr gut gegangen.

Möglicherweise mehr Antworten durch Gutachten

Ähnlich schilderten zwei 20-Jährige, die im Sommer 2020 mit den Angeklagten befreundet waren, das Familienleben. Beide sagten allerdings auch, dass das kleine Mädchen zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr häufig zu sehen gewesen und meistens wohl im Kinderzimmer gewesen sei.

"Ich sah, wie die Mutter ihr Essen ins Zimmer brachte. Gesehen habe ich das Mädchen nur einmal. Da war ich schockiert, weil sie so dünn war", sagt einer der Männer. "Aber die beiden erklärten mir, dass die Kleine alles Essen wieder ausscheiden würde. Sie wirkten, als ob ihnen das naheging. Ich wollte nicht weiter nachfragen, denn wenn ich so was hätte, würde ich nicht wollen, dass jemand darauf herumhackt."

Wie geht es in dem Fall weiter?

Bislang wurden im Verfahren keine Aussagen gemacht, die erklären könnten, wie die Situation des Kindes so bedrohlich werden konnte, wie Ärzte sie Ende August 2020 diagnostizierten. Unterschätzte die junge Mutter die Gefahr, in der sich ihre Tochter befand? Oder hatte sie tatsächlich, wie von der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, die Absicht, ihr Kind verhungern zu lassen? Wenn ja, warum?

Für Mittwoch und Donnerstag sind mehrere Gutachten angesetzt, die Einblick in die Persönlichkeiten der Angeklagten geben könnten. Ob während der Aussage der Gutachter die Öffentlichkeit zugelassen wird, ist jedoch noch nicht entschieden.

Verwendete Quellen:
  • Beobachtungen und Gespräche im Gerichtssaal 

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