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Wuppertal-Kolumne "Scheuges Talfahrt": Der Hoppeditz bleibt in der Kiste

Kolumne "Scheuges Talfahrt"  

Der Hoppeditz bleibt in der Kiste

Eine Kolumne von Jürgen Scheugenpflug

13.11.2020, 10:20 Uhr
Wuppertal-Kolumne "Scheuges Talfahrt": Der Hoppeditz bleibt in der Kiste. Jürgen Scheugenpflug lehnt sich gegen eine Statue: Der Kabarettist kennt die Gepflogenheiten von Wuppertal in- und auswendig.  (Quelle: Uli Kopka)

Jürgen Scheugenpflug lehnt sich gegen eine Statue: Der Kabarettist kennt die Gepflogenheiten von Wuppertal in- und auswendig. (Quelle: Uli Kopka)

Für t-online schreibt der Wuppertaler Kabarettist Jürgen Scheugenpflug exklusiv die Kolumne "Scheuges Talfahrt". Diesmalige Themen: Impfzentren und leugnende Aluhutträger.

Nun ist also der Super-GAU eingetreten. Das, woran eingefleischte Hardcore-Karnevalsfreaks nicht einmal in schlimmsten Albträumen zu denken gewagt hätten. Der Hoppeditz musste Corona-bedingt allein wach werden. Ohne die tanzenden Möhnen, die traditionell das Barmer Rathaus stürmen und sturzbetrunken dem neuen OB die Ersatz-Krawatte abschneiden, um anschließend den imaginären Rathausschlüssel einzukassieren. Uwe Schneidewind wird’s womöglich gefreut haben, seine Frau ganz sicher. Wie aber werden die "verrückten Damen" dieses Trauma verarbeiten? Hilft da überhaupt noch Alkohol?

Aufgewacht ist am Dienstagabend auch unser stilles Stadtoberhaupt. Der Herr des Geldes, Johannes Slawig, hatte in der aktuellen Stunde des WDR einen ganz besonderen Auftritt. Weil nämlich endlich ein Impfstoff gegen das fiese Coronavirus gefunden worden sein soll, ist der Chef des Krisenstabes wie Hoppeditz aus der Kiste gesprungen und hat sich was Wundervolles ausgedacht.

Quasi vom Stadtkämmerer zum Stadtkümmerer mutiert meinte er, es sollte doch eines der noch nicht einmal geplanten Impfzentren in Wuppertal eingerichtet werden. "Wenn der Bund Impfzentren einrichtet, dann gehören die in die großen Städte. Das alles kann ich mir in Wuppertal gut vorstellen." Tatsächlich, Herr Slawig? Etwa in so räudigen Zelten wie in Barmen hinter dem Rathaus? Oder im Container hinter dem Schauspielhaus, wo man sich beim Warten noch ganz andere Krankheiten zuziehen kann?

Impf-Drive-in in Wuppertal?

Gerade im vorigen Monat wurden vom Gesundheitsamt über 1.000 falsche Corona-Bescheide verschickt. Bisher gab es außer schlappen Entschuldigungen nur wenig Erhellendes zu diesem Thema. Zumindest ist mir nichts bekannt geworden. Alles zusammen deutet eher auf mäßiges Geschick des von Jo Slawig angeführten Krisenstabes hin. Klar ist nur, dass das Gesundheitsamt notorisch unterbesetzt ist und den aktuellen Anforderungen kaum nachkommen kann. Soll so ein bedeutendes Impfzentrum unterhalten werden? Ähnliches dachte wohl auch der Landes-Laschet, der kurz darauf befragt wurde. Grinsend stellte er fest, dass es neben Wuppertal auch noch andere Städte gebe, die das machen könnten.

Aber mal im Ernst. Es gäbe schon attraktive Möglichkeiten für ein Internationales Impfzentrum. Zum Beispiel das Gebäude der ehemaligen Bundesbahndirektion. Zumindest als Rezeption. Nach den Formalitäten geht es dann zum ehemaligen Paketzentrum gegenüber mit Abstand aufs Gepäckband. Da wird die Impfung, quasi en passant, zum Event.

Und anschließend stellt Wuppertal Marketing als Belohnung noch einen Bus parat für eine kostenlose, gesellige Stadtrundfahrt. Für die Eingeborenen gibt es den Impfstoff auch ambulant. Zum Beispiel in der Feierabendschlange auf Lichtscheid. Im Vorbeifahren. Arm aus dem Fenster und fertig. Da verliert man keine Zeit. Das ist flexibel und zeitgemäß.

Leugnende Leugner-Initiative

Ganz so flexibel zeigen sich in diesen Tagen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Krise aber nicht. Während die Kinder in den Schulen streng auf Maskenpflicht und Abstandregelung eingeschworen werden, fahren unsere jungen Hoffnungsträger unfreiwillig in den Bussen, eng gedrängt wie in einer Legebatterie. Bekanntermaßen unterscheidet das Virus aber nicht zwischen Klassenzimmern, Schulhof oder Bus. Warum hat der Krisenstab oder die WSW da keine adäquaten Lösungen parat?

Sympathische "Lösungen" bietet derzeit die Initiative "Querdenken 711". Sie sollen Aktionen geplant haben, Kinder auf dem Schulweg anzusprechen, um ihnen unwirksame Masken anzubieten. Und eine CO2-Messung, um zu beweisen, wie unwirksam Gesichtsmasken sind. Jedoch leugnet die Leugner-Initiative das unmoralische Angebot. Auf Anfrage hieß es: "Bei der Aktion handelt es sich um einen Test unserer Kommunikationsstrukturen." Na also, ist doch alles gar nicht so schlimm. Karl Kraus pflegte in solchen Fällen übrigens zu sagen: "Vervielfältigung ist insofern ein Fortschritt, als sie die Verbreitung des Einfältigen ermöglicht." Mal im Ernst und ganz unter uns: Hätten diese lustigen Aluhütchenträger das früher bei uns in Heckinghausen versucht, hätte ihnen vermutlich nicht einmal der liebe Gott mehr helfen können, Ehrenwort.

Jürgen Scheugenpflug ist seit 1989 als Kabarettist, Moderator, Autor, Sänger und Kolumnist tätig. 2007 rief er die "Bergische Akademie für Kabarett & Comedy" ins Leben. Aktuell ist er Leiter der bundesweiten Comedy-Serie "Comedy im Bett" und als künstlerischer Leiter der Kleinkunstbühne "Schatzkiste" in Wuppertals Nachbarstadt Remscheid tätig.

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