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Fitzek und Tsokos erklÀren ihren Film-Schocker im Leichenkeller

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 09.10.2018Lesedauer: 4 Min.
Leichen im Hintergrund: Sebastian Fitzek und Michael Tsokos stellten in der Rechtsmedizin den Film "Abgeschnitten" vor.
Leichen im Hintergrund: Sebastian Fitzek und Michael Tsokos stellten in der Rechtsmedizin den Film "Abgeschnitten" vor. (Quelle: Lars Wienand)
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Plötzlich stand Sebastian Fitzek vor einer Baby-Leiche: Der Bestseller-Autor hatte im Obduktionssaal recherchiert fĂŒr den Thriller "Abgeschnitten". Zur Vorstellung der Verfilmung war er wieder in der Rechtsmedizin. t-online.de hat ihn getroffen.

Gut 50 weiße PlastiksĂ€cke liegen in mehreren Regalreihen. Da, wo das Fußende sein muss, hĂ€ngen Zetteln mit Namen. Die Toten sind Zeugen bei einem Rundgang zur vielleicht gruseligsten Filmvorstellung Deutschlands. "Abgeschnitten" kommt ab dem 11. Oktober in 250 Kinos, der Bestseller von Psychothriller-Legende Sebastian Fitzek und Rechtsmediziner Michael Tsokos ist verfilmt worden.

Obduktionsszenen seien noch nie in einem Film mit so viel Aufwand so realistisch dargestellt worden, sagt Tsokos, Leiter der Rechtsmedizin der Berliner CharitĂ©. "Es ist trotzdem ein Film fĂŒrs erste Date", behauptet Fitzek und wird das auch spĂ€ter erklĂ€ren.

Tsokos hielt Puppe fĂŒr Leiche, Fitzek Leiche fĂŒr Puppe

Bei den Dreharbeiten am Set war Tsokos, der schon 200.000 Leichen vor sich hatte, irritiert. Was da auf dem Seziertisch lag, "das habe ich einen Moment lang wirklich fĂŒr eine Leiche gehalten, so gut war das gemacht". Es war umgekehrt, als Fitzek zum Recherchieren bei Tsokos zum ersten Mal auch in einem der beiden SektionsrĂ€ume stand. "Ich dachte", sagt Fitzek, "da liegt eine total echte Puppe, vielleicht zu Übungszwecken."

Fitzek macht eine Pause, schaut zu einem der beiden metallischen Tische in der anderen HĂ€lfte des Raums, wo das Kind lag. Er hatte vor der echten Leiche eines SĂ€uglings gestanden. Alle Sektionstische waren belegt, es gab vier Leichen. "Die waren aber fĂŒr mich entseelt, man hat gemerkt, es fehlt etwas. Dann war es nicht mehr so schlimm, es zu beobachten."

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KnochensÀge sieht aus wie Staubsauger

Auf den insgesamt neun Obduktionstischen in zwei SÀlen liegen pro Tag im Schnitt sechs bis zwölf Verstorbene, meist anderthalb bis zwei Stunden lang, erlÀutert Tsokos. "Wenn es zehn, zwanzig Stichverletzungen sind oder acht Schussverletzungen, dann dauert es aber schon lÀnger."

Heute sind die Tische leer, und die KnochensĂ€ge wirkt in der Ecke stehend so, wie sie auch aussieht: wie ein Staubsauger. Nur die beispielhafte Aufnahme eines SchĂ€dels auf einem Bildschirm erinnert gerade an die Funktion des Raums. Nebenan steht ein Computertomograph, in den manche Leiche gelegt wird. Die Rechtsmediziner mĂŒssen nicht mĂŒhselig auf die Suche nach Fremdkörpern gehen.

In der Rechtsmedizin: t-online.de-Redakteur Lars Wienand ließ sich vom Duo Fitzek/Tsokos durch ObduktionsrĂ€ume, Leichenkeller und Asservatenkammer fĂŒhren.
In der Rechtsmedizin: t-online.de-Redakteur Lars Wienand ließ sich vom Duo Fitzek/Tsokos durch ObduktionsrĂ€ume, Leichenkeller und Asservatenkammer fĂŒhren. (Quelle: Lars Wienand)

Es riecht nicht einmal nach Reinigungsmittel. Fitzek hat hier auch den Geruch erlebt, der so gefĂŒrchtet ist. Gegen den, sagt Tsokos, helfe auch kein Minzöl unter der Nase. "Das ist Unsinn, eine Erfindung aus 'Schweigen der LĂ€mmer'. Wir brauchen auch unseren Geruchssinn." Doch Berlin war friedlich genug gewesen in den vergangenen Stunden, um die SĂ€le blank zu putzen fĂŒr den Besuch der Journalisten und sie seither nicht nutzen zu mĂŒssen. Keine Toten, die nicht warten konnten.

Laiin muss Obduktion durchfĂŒhren

Im Film ist das anders: BKA-Rechtsmediziner Paul Herzfeld (Moritz Bleibtreu) hat im Kopf eines schwer misshandelten Toten einen Zettel mit dem Namen seiner Tochter Hannah (17) und einer Handynummer gefunden. Sie ist entfĂŒhrt von einem Psychopathen (Lars Eidinger), es beginnt nun ein Wettlauf gegen die Zeit, eine Schnitzeljagd mit Leichen.

Ein entscheidender Hinweis soll sich im Körper eines Toten auf Helgoland finden. Aber dorthin kommt der Forensiker nicht, durch einen Orkan ist die Insel vom Festland "abgeschnitten", der Titel des Buchs und des Films.

Also drÀngt Herzfeld im Film notgedrungen Linda (Jasna Fritzi Bauer), die mit Leichen so gar nichts am Hut hat. Sie soll einspringen und im Leichnam nach Hinweisen stöbern. So Àhnlich hatte der echte Rechtsmediziner Tsokos 2010 die Idee bei einer Currywurst nachts um halb eins mal Fitzek vorgetragen. Fitzek hatte Small Talk erwartet, daraus wurde das gemeinsame Buch und ein bis heute bestehender enger Kontakt. In dem Thriller spielen beide in kleinen Rollen mit, "wir mussten aber vorsprechen, Ersatz stand bereit", sagt Fitzek.

Ohne Vorkenntnisse eine Obduktion durchfĂŒhren, zum Schlachtermesser greifen wie Tsokos ("Das sieht nicht filigran aus, aber wir nehmen keine Skalpelle, da ist die Gefahr grĂ¶ĂŸer, sich selbst zu verletzen") und dann aber vor der Kamera laienhaft in Schweineherzen und Schweinelungen herumschnippeln – könnte das nicht jeder? Tsokos widerspricht und schwĂ€rmt von Bauers Schauspielkunst. "Ohne das von der Obduktion viel gezeigt wird, siehst du alles in ihrem Gesicht." Entsetzen, Widerwillen, Überwindung.

Befreiende Szenen zum Lachen

Regisseur Christian Alvart, Mann hinter den Til-Schweiger-"Tatort"-Episoden, hat aber auch Splatter-Szenen eingebaut. Zu sehen ist Horror, nichts fĂŒr zartbesaitete GemĂŒter. Fitzeks Folgerung ĂŒberrascht zunĂ€chst: "Es ist ein perfekter Date-Film", sagt er. “Bei einem Feelgood-Movie gibt es doch keine Veranlassung, an den Partner heranzurutschen. Hier schon.” In dem Genre habe auch die Emanzipation lĂ€ngst Einzug gehalten hat, dass Psychothriller stark von Frauen konsumiert werden.

Seine Lieblingsszene ist aber eine, bei der in ProbevorfĂŒhrungen das ganze Kino schallend gelacht habe. Und vermutlich dankbar war – witzige Szenen als Befreiung von dem Schrecken in anderen. Das braucht es auch.

Im KĂŒhlraum mit mehr den als 50 weißen SĂ€cken hinter sich mögen Tsokos und Fitzek aber nicht lĂ€cheln, als ein Kamerateam eines Privatsenders diese Bitte Ă€ußert. Tsokos hat die Namensschilder umgedreht, um die Aufnahme möglich zu machen. Aber LĂ€cheln geht auch ihm zu weit. "Das wĂ€re hier dann doch deplatziert", sagt Tsokos. Die Toten hinter ihm sind eben keine Requisiten.

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