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Peter Maffay spricht über Flüchtlinge und Tabaluga

Interview mit Peter Maffay  

"Merkel sagt, wir schaffen das - aber nicht, wie man das macht"

25.11.2015, 11:47 Uhr | mmh/demo, t-online.de

Peter Maffay spricht über Flüchtlinge und Tabaluga. Peter Maffay hat persönlich ein Flüchtlingsheim besucht.  (Quelle: dpa)

Peter Maffay hat persönlich ein Flüchtlingsheim besucht. (Quelle: dpa)

Mit seinem neuen Tabaluga-Album "Es lebe die Freundschaft" erreichte Peter Maffay auf Anhieb den ersten Platz der deutschen Charts. t-online.de sprach mit ihm unter anderem über die Wiederauferstehung des kleinen grünen Drachen und die Zusammenarbeit mit Samy Deluxe und Helene Fischer. Aber auch die Flüchtlingskrise und Angela Merkel waren Thema.

So erklärte Maffay, Merkels legendär gewordene Worte "Wir schaffen das" seien zwar aus humanistischer Sicht vollkommen richtig. "Was Frau Merkel allerdings nicht gesagt hat, ist, wie man das macht", so der Musiker. Das sei aber genau der springende Punkt. 

t-online.de: Herr Maffay, eigentlich sollte "Tabaluga und die Zeichen der Zeit" aus dem Jahr 2011 das letzte Tabaluga-Album sein. Weshalb treffen wir ihn nun doch wieder?

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Peter Maffay: Das hat einen sehr nüchternen Grund: Derzeit bin ich der Motor der "Tabaluga Kinderstiftung". Mit meiner Popularität wird Geld generiert, um jedes Jahr 1300 traumatisierte Kinder zu beherbergen. Wenn der Motor Maffay ausfällt, besteht die Gefahr, dass diese Dynamik irgendwann erlahmt. Um mich zu ersetzen gibt es die Überlegung, Tabaluga in Form von Lizenzen und Merchandising auszuwerten – und das ist ein guter Grund, mit dem Thema weiterzumachen.

Reizt Sie die Geschichte auch inhaltlich noch?

Das Thema Tabaluga ist extrem reizvoll, weil es eine stilistische und künstlerische Vielschichtigkeit besitzt wie kaum ein anderes. Man steigt also gerne in diesen Sandkasten, spielt da mit anderen und vertont ein Märchen. Das ist einfach ein schöner kreativer Prozess.

Sie vereinen auf "Es lebe die Freundschaft" sehr viele Künstler und Stilrichtungen. Helene Fischer, Udo Lindenberg, Tim Bendzko, Otto Waalkes, Uwe Ochsenknecht, Michael Bully Herbig und Jan Delay haben unter anderem mitgewirkt. Hat das reibungslos geklappt?

Musikalisch funktioniert es wegen der Vielschichtigkeit des Themas sehr gut. Es ist sehr interessant, beispielsweise einen großartigen Rapper wie Samy Deluxe an die Seite einer Schlagersängerin wie Helene Fischer zu stellen. Bei einem Märchen geht das, weil man den Erzählstoff bedient und nicht einen Künstler mit einem gewissen Image. Da geht es dann nicht um den kleinen Peter Maffay, sondern um den kleinen Tabaluga – und der erlaubt ganz andere Dinge.

Das große Thema des Albums ist die Freundschaft. Gibt es bestimmte Werte, die Sie den Kindern mit der Musik und der Geschichte vermitteln wollen?

Ja, natürlich. Bei Tabaluga ging es immer um Werte. Auf dem ersten Album thematisieren wir zum Beispiel die Frage, was Vernunft ist. Bei "Tabaluga & Lilli" ging es um die verschiedenen Formen von Feuer - mit Liebe als dem schönsten Feuer, das wir Menschen erzeugen können. Im vorletzten Album haben wir dann versucht, die Macht der Zeit zu erklären. Und diesmal ging es eben um Freundschaft als wichtigen Faktor in unserem Leben. Hinter den Geschichten steht immer die Absicht, Wertsignale in die neue Generation zu transportieren und sie dort zu verankern.

Sie haben kürzlich zusammen mit Tabaluga ein Flüchtlingsheim besucht und dort auch mit Kindern gesprochen. Wer hat das Eis gebrochen - Sie oder der kleine Drache?

Die Gesellschaft von Tabaluga erleichtert den Zugang zu Kindern. Sie reagieren spielerisch auf so eine Märchenfigur. Dann ist das Miteinander natürlich von vornherein ein bisschen lockerer.

Was hat Sie zu diesem Besuch motiviert?

Der Impuls kam aus den Tagesgeschehnissen. Momentan versuchen wir alle, mit dieser Problematik zurechtzukommen. Für mich war es wichtig, mir vor Ort ein Bild zu machen. Dabei hatte ich Kontakt mit Leuten, die mir erzählt haben, wie sie sich fühlen und welche Wünsche sie haben. Mein Eindruck war, dass die Kinder möglichst bald in die Schule wollen und die Erwachsenen möglichst bald einer geregelten Arbeit nachgehen wollen, um ihre Familien zu ernähren.

Kommen bei solchen Momenten Erinnerungen an ihre Kindheit auf, als sie selbst als Teenager mit ihren Eltern nach Deutschland geflohen sind?

Ich bin ziemlich nüchtern und versuchte, nicht emotional an die Sache heran zu gehen. Ich bin mir völlig im Klaren darüber, dass die Situation meiner Familie 1963 eine völlig andere war als die heutige. Wir sind nicht über irgendeine Grenze geflohen, sondern ganz regulär aus Rumänien ausgereist. Die Vorgeschichte war heftig genug. Aus einem kommunistischen Land auszureisen ging damals nur über extreme Hürden. Aber ich musste nie in einem Schlauchboot sitzen und unter Lebensgefahr über’s Mittelmeer schippern.

Wie haben Sie damals die erste Zeit in Deutschland erlebt?

Wir wurden von Freunden aufgenommen und versorgt. Eine Zeit lang haben wir bei ihnen gewohnt und sind dann relativ schnell zu einem normalen Leben übergegangen. Mein Vater hat Arbeit gefunden, ich bin in die Schule gegangen. Die Normalität begann bei uns viel früher, als das bei vielen Flüchtlingen im Augenblick der Fall ist. Viele von ihnen verbringen Monate in Lagern und sind sich ihrer Perspektive nicht sicher, weil sie nicht wissen, ob sie bleiben dürfen oder abgeschoben werden.

Im Oktober haben Sie sich in der "Bild am Sonntag" ausführlich zur Flüchtlingskrise geäußert. Im Anschluss bekamen Sie viel Zustimmung für die vermeintliche Forderung nach einer "Obergrenze" für Flüchtlinge. Fühlen Sie sich in diesem Zusammenhang richtig verstanden?

Das passiert, wenn Inhalte aus dem Zusammenhang gerissen und nicht vollständig wiedergegeben werden. Da kommt man dann natürlich zu falschen Schlüssen. Was ich gesagt habe, war Folgendes: Es gibt für jede Gesellschaft eine Belastungsgrenze, ab der sie nicht mehr in der Lage ist, ankommenden Flüchtlingen  zu helfen, weil das ökonomische System kollabiert. Wo diese Grenze im Fall von Deutschland liegt, weiß ich natürlich jetzt noch nicht. Mit diesen Belastungen gehen auch politische Veränderungen und Radikalisierungen einher. Das erleben wir alles zurzeit. Wenn man sieht, welchen Zulauf Pegida hat und wie die ehemals liberale Mitte anfängt, sich in einer gestrigen, rechtsgerichteten Art und Weise zu artikulieren, dann belegt das, was ich sage.

Wie beurteilen Sie den politischen Umgang mit der Situation?

Frau Merkel hat ja den Satz geprägt: "Wir schaffen das." Das ist natürlich aus der humanistischen Postion vollkommen richtig. Damit sagt sie ja nur, dass unsere Gesellschaft eine Willkommens-Gesellschaft ist und auch bleiben soll. Wir sind ein hochentwickeltes Land, wir sind leistungsfähig und haben deshalb viele Optionen, den Menschen zu helfen. Was Frau Merkel allerdings nicht gesagt hat, ist, wie man das macht. Das ist aber genau der springende Punkt. Die derzeitige politische Radikalisierung resultiert daraus, dass die Konzepte, die vorgelegt werden, nicht für alle Menschen schlüssig sind.

Was muss von politischer Seite her geschehen, dass wir es auch wirklich "schaffen"?

Wenn Sie die jüngsten Diskussionen verfolgt haben, konnten Sie feststellen, dass es keinen überparteilichen Konsens zur Flüchtlingsfrage gibt. Sogar innerhalb der Parteien beziehen Politiker ganz unterschiedliche Standpunkte und schieben sich gegenseitig die Schuld an den Umständen zu. Aus dieser Zerrissenheit resultiert nicht die Kraft, die wir bräuchten, um den Flüchtlingen tatsächlich zu helfen. Ich komme zurzeit viel in Deutschland herum und kriege die Meinungen relativ deutlich mit. Wenn man in Dresden die Pegida-Veranstaltungen mitverfolgt, wird einem schlecht. Es wird wahrscheinlich nicht anders gehen, als dass wir Aufklärung betreiben und diejenigen mobilisieren, die ihren Blick nach vorne und nicht nach hinten richten, wie Pegida oder rechtsradikale Organisationen das tun.

Vor Kurzem haben Sie die "Auszeichnung für Zivilcourage" des Freundeskreises Heinrich Heine erhalten. Brauchen vor allem die jungen Leute in Deutschland mehr Zivilcourage?

Ich glaube, der Großteil der jungen Generation besitzt ein ganz normales Empfinden für Gerechtigkeit. Menschen sind ab Geburt mit einem instinkthaften Gerechtigkeitsgefühl ausgestattet - und das muss man pflegen und stärken. Wenn das in der Schule von leidenschaftlichen Lehrern vermittelt wird, wachsen auch junge Menschen heran, die in einem demokratischen Land in der Lage sind, ihre Perspektiven zu gestalten. Es gibt natürlich leider auch rechtsradikale junge Leute, die meiner Ansicht nach verführt wurden, so zu denken. Die darf man nicht sich selbst überlassen. Man muss den Mut haben, mit ihnen einen Dialog zu starten. Diese Bemühungen dürfen wir nie aufgeben.

Herr Maffay, wir danken für dieses Gespräch.

Das Interview führte Maria Held

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