Interview
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"Es ist immer der richtige Zeitpunkt fĂŒr VerĂ€nderungen"

Von Sebastian Berning

Aktualisiert am 13.09.2020Lesedauer: 4 Min.
Joy Denalane: Mit "Let Yourself Be Loved" stieg sie auf Platz 5 der Charts ein.
Joy Denalane: Mit "Let Yourself Be Loved" stieg sie auf Platz 5 der Charts ein. (Quelle: Ulrike Rindermann)
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Joy Denalane ist nicht nur die deutsche Soulqueen, sondern schafft es in Songs und GesprĂ€chen sozialen Themen auf den Zahn zu fĂŒhlen. Mit t-online spricht sie ĂŒber Rassismus, VerĂ€nderungen und zweite Chancen.

Seit ihr SolodebĂŒt "Mamani" 2002 erschien, ist SĂ€ngerin Joy Denalane feste GrĂ¶ĂŸe der deutschen Musikszene. Mit "Let Yourself Be Loved" hat sie nicht nur ein reines Soulalbum auf Englisch aufgenommen, sondern sich auch selbst bewiesen, dass man die eigenen Ideen verfolgen soll. Denn im ersten Anlauf gelangen ihr dieses Album vor fĂŒnf Jahren nicht. Im Interview mit t-online redet sie nicht nur ĂŒber ihre Musik, sondern verrĂ€t auch welche Belastung die Corona-Krise fĂŒr ihre Familie darstellt und beurteilt den Willen zur VerĂ€nderung der deutschen Gesellschaft.

t-online: Das vergangene halbe Jahr war durch die Corona-Pandemie geprÀgt. Unter welchen UmstÀnden haben Sie Ihr neues Album aufgenommen?

Das Album wurde in der NĂ€he von MĂŒnchen aufgenommen. Das war aber lange vor Corona. Die ersten Aufnahmen fanden nĂ€mlich bereits 2018 statt. Intensiver wurde es 2019. Ende letzten Jahres war die Platte fertig, aber dann wĂ€re die Visualisierung des Albums an der Reihe gewesen. Durch Corona ist das alles in die Lockdownphase gefallen. Alles stand auf Pause und wir mussten abwarten. Als der Lockdown aufgehoben wurde, haben wir angefangen, die Musikvideos zu produzieren, Fotoshootings zu machen und das Cover zu gestalten.

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Wie haben Sie denn den Lockdown verbracht? Arbeiten war scheinbar nicht so problemlos möglich.

Persönlich hat mich am meisten die Distanz zu meinem Vater getroffen. Wir durften ihn nicht besuchen. Ich glaube, dass das auch fĂŒr ihn sehr, sehr schlimm war.

Wie sind Sie dann in Kontakt geblieben?

Wir haben viel miteinander telefoniert. Irgendwann gab es dann auch wieder Besuchsmöglichkeiten und wir konnten durch ein Fenster mit ihm sprechen. Das war schon ein bisschen schrÀg. Mein Vater ist schon ein bisschen betagt. Das hat es kompliziert gemacht. Es ist traurig, weil man den menschlichen Kontakt ja braucht.

Neben Corona beschÀftigt aktuell vieles die Welt. Wahlen, Sexismus, Rassismus
 In dem neuen Song "Stand" singen Sie "Gotta run searching for answers, but that would only make it worse". Haben Sie manchmal Angst vor den Antworten auf die Fragen unseres Alltags?

Ich kann es mir gar nicht leisten, unwissend zu sein. Gerade nicht bei einem Thema wie Rassismus. Es ist die Verantwortung der Gesellschaft, sich mit ihren Problemen zu befassen und sie zu untersuchen, um sie zu verbessern. Ich wĂŒrde da niemals weggucken.

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Sehen Sie denn eine gewisse VerÀnderung bei den Problemen der Gesellschaft?

In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es aktuell großen Bedarf ĂŒber Probleme zu sprechen. Man zieht Wissenschaftler und Experten zu den großen Fragen hinzu und befasst sich mit der Empirie. Das finde ich gut und es ist eine VerĂ€nderung zu dem Zustand vor der „Black Lives Matter“-Bewegung. Ich sehe eine gewisse Bereitschaft auf die eigenen Privilegien zu schauen und sie in einen Kontext mit den Nicht-Privilegien anderer zu stellen. Es ist aber auch so, wenn man heute das Thema Alltagsrassismus in Deutschland anspricht, dass die Leute schon fast wieder die Augen verdrehen und etwas erschöpft sind.

Trotz der Erschöpfung einzelner: Glauben Sie, dass gerade ein gĂŒnstiger Zeitpunkt fĂŒr positive VerĂ€nderungen ist?

DafĂŒr ist eigentlich immer der richtige Zeitpunkt. Man kann die Rassismus-Debatte aber auch nicht mit einer Corona-Debatte vergleichen. Bei dem einen trĂ€gt man eine Eigenverantwortung, das andere ist eine Pandemie, die einem widerfĂ€hrt und die Gesellschaft auf eine andere Weise erschöpft. Die Leute sind ĂŒberanstrengt, weil so viel los ist. Man muss den Menschen Platz gewĂ€hren, mit ihrem eigenen Schicksal zurechtzukommen. Aktuell ist es fĂŒr jeden schwer, weil die FolgeschĂ€den ĂŒberhaupt nicht abzusehen sind. Man sollte dennoch immer die Verantwortung annehmen hinzuschauen.

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Immerhin ein kleiner Lichtblick ist Ihr neues Album "Let Yourself Be Loved". Der Sound ist mehr retro als beim recht modernen VorgÀnger "Gleisdreieck". Wie kam das?

Eigentlich ist es umgekehrt, denn geschrieben wurde "Let Yourself Be Loved" bereits 2015. Ich hatte das BedĂŒrfnis diese Soul-Platte zu machen. Die ProduktionsansĂ€tze waren damals zwar ganz gut, aber sie verfehlten ihr Ziel. Das hat mich frustriert, aber man kann als KĂŒnstlerin dann nicht alle Viere von sich strecken und nichts mehr tun, sondern muss sich etwas Neues ĂŒberlegen. Ich habe mit "Gleisdreieck" von Null angefangen. Danach habe ich mich noch einmal getraut, die liegengelassenen Songs wieder anzufassen. Mit dem richtigen Produzenten war es dann eine schöne Sache.

Haben Sie sich Druck gemacht, dass es mit den 2015 geschriebenen Songs im zweiten Anlauf dann doch klappen muss?

Nee, es wusste ja auch niemand, dass es dieses Album geben könnte. Ich habe unter dem Radar daran gearbeitet und es war eher "trial and error", um zu sehen, was dabei raus kam. Als ich die ersten DemovorschlÀge geschickt bekommen habe, war ich guten Mutes, dass es dieses Mal klappt.

Das neue Album erscheint beim Klassiker-Label Motown. Sie sind die erste deutsche KĂŒnstlerin, die ĂŒber dieses Label veröffentlicht. Wie kam es denn dazu?

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Als die Platte fertig war, habe ich sie meinem Label gezeigt. Die meinten nur "Wow, das haben wir nicht erwartet" und sie wollten das mit Motown teilen. Ob ich denn damit einverstanden wĂ€re. War ich natĂŒrlich.

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