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Mark Waschke: "Es geht oft darum, dass ein paar Männer die Welt retten"


"Ein alter, alkoholabhängiger Bogenschütze"

Von Julia Reinl

Aktualisiert am 05.10.2023Lesedauer: 4 Min.
Interview
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Der Gesprächspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

Mark Waschke: In "Marvel's Wastelanders" spricht er den Antihelden "Hawkeye".Vergrößern des Bildes
Mark Waschke: In "Marvel's Wastelanders" spricht er den Antihelden "Hawkeye". (Quelle: Dirk Mathesius)

Mark Waschke im Gespräch über Hawkeye und Antihelden, das Patriarchat und Diversität beim Geschichtenerzählen.

Können Sie sich eine Welt vorstellen, in der die Schurken gewinnen und alle Helden besiegen? In der Podcast-Serie "Marvel's Wastelanders: Hawkeye" ist genau das passiert. Einer der Avengers aber hat überlebt: Clint Barton, der als Held den Namen Hawkeye trägt. Der Verlust seiner engsten Vertrauten hat ihn gebrochen. Alkoholabhängig und schlecht gelaunt will er seine Freunde rächen. Gesprochen wird die Figur von Mark Waschke.

Im Gespräch mit t-online verrät der Schauspieler, den viele aus dem Berliner "Tatort" kennen, was ihn persönlich an dem gescheiterten Superhelden fasziniert und ob die Geschichte des männlichen Antihelden mittlerweile überholt ist.

t-online: Herr Waschke, Sie sprechen den großen Antihelden im Hörspiel "Marvel's Wastelanders: Hawkeye". Was ist das Spannende an Ihrer Figur?

Mark Waschke: Das Spannende bei Hawkeye ist, dass er mit einem Trauma durch sein Leben geht, mit einer großen Verletzung. Im Bewusstwerden dieser Verletzung, im genauen Hinsehen, liegt der Schlüssel zur Auflösung, zum Weitergehen.

Wie jeder gute, große Held ist Clint Barton einer, der nicht kämpfen will und der erst angestupst werden muss. Das macht ihn so angenehm menschlich. Klar macht es Spaß, in der Fantasie rumfliegen zu können. Hawkeye aber ist ein alter, alkoholabhängiger Bogenschütze, das finde ich sehr spannend.

Hatten Sie Sympathien für diesen alten, alkoholabhängigen Bogenschützen?

Den Begriff Sympathie finde ich schwierig. Es geht eher um Empathie. Ich merke, wo ich andocken und was ich nachempfinden kann, wie er sich verhält und warum.

Das heißt, Sie versuchen zu verstehen, wie es wäre, Hawkeyes Rachegedanken zu haben?

Rache ist ein uraltes Thema, das es schon in der griechischen Tragödie gab. Sie ist etwas sehr tragisch-traurig Überflüssiges. Alle Geschichten zeigen, dass Rache nichts verändert, sondern nur die weitere Zuspitzung beschleunigt. Den Gefühlen, die mit dem Rachebedürfnis am Anfang stehen, ist mit Rache nicht geholfen.

Eine meiner Lieblingsgeschichten ist ein Film aus den 80ern über Marianne Bachmeier: Die Frau hat den Mörder ihres Kindes im Gerichtssaal erschossen und musste dann für ein paar Jahre in den Knast. Danach beschrieb sie, dass nichts von dem Schmerz durch den Mord weggegangen ist, sondern dass sie sich leer gefühlt hat.

In der patriarchalisch-machistisch geprägten Heldenwelt geht es oft um Rache. Diese Geschichte zeigt, dass der Racheimpuls zwar ein menschlicher ist. Aber man sieht auch die Auswirkungen und was es mit den anderen macht.

Spielen Sie den rachsüchtigen Superhelden deshalb lieber als den Schurken?

Für mich gibt es gut und böse nicht – auch im echten Leben nicht. Gut und Böse, das sind nur Wertmaßstäbe oder kurze Erfindungen. Das hat schon Shakespeare gesagt. Einen ordentlichen, netten Helden, den will niemand spielen. Auch wenn man gerne sagt, dass die Schurken das Interessantere sind, finde ich das nicht.

Warum nicht?

Erzählen steht vor der Herausforderung, etwa mit Blick auf Queerness, dass man nicht nur andere Geschichten erzählt, sondern dass man die Geschichte, die man hat, auch anders erzählt.

In ScienceFiction geht es oft darum, dass ein paar Männer die Welt retten oder ein paar Helden. Aber vielleicht sollte es auch darum gehen, andere Welten zu entwerfen, die viel offener sind, viel fluider und diverser. Es ist ein typisch männliches Narrativ, dass es den müden alten Helden braucht. Bei Hawkeye gibt es kleine Samenkörner einer neuen Dramaturgie.

Spielen Sie auf die Figur Ash, Hawkeyes Tochter, an?

Genau, die Zukunft liegt bei Ash und nicht bei Hawkeye, der alten Knalltüte.

Für Hawkeye haben Sie nur Ihre Stimme zur Verfügung, um die Geschichte zu erzählen. Ist das Hörspiel für Sie deshalb eine besondere Herausforderung?

Auf jeden Fall. Die Leute sind nur durch das Ohr mit der Figur verbunden und es entsteht eine eigene innere Welt über die Stimme. Ich kann Dinge mit der Stimme machen, die vor der Kamera künstlich wirken würden oder die so leise sind, dass du sie auf der Bühne nicht hören würdest.

Es hat mit der körperlichen Präsenz zu tun. Selbst wenn du den Körper nicht siehst, spürst du ihn über die Stimme. Sie ist die Verlängerung des Körpers. Eine Stimme kann so berührend sein, obwohl du nur ein paar Worte von ihr hörst.

Berühren heißt auch, dass es körperlich etwas mit mir macht. Dass ich, wenn es gut läuft, ein anderer bin als vorher als. Und gute Filme, gute Hörspiele, gute Bücher, die machen etwas mit mir, die lassen mich anders zurück, als ich vorher war.

Und was berührt Sie am meisten: Hörspiel, Theater oder Film?

Es kommt immer auf den Moment, den Stoff, den Text, die Situation und die Begegnung an. In der Regel ist das Unmittelbare das wesentlich Befriedigendere. Manchmal ist es beim Drehen so, dass ich in der Szene eine unglaubliche Erfüllung spüre, aber hinterher spielt die im Film überhaupt keine Rolle. Wenn ich den Film sehe, wundere ich mich, dass man nichts davon sieht, wie toll der Dreh war.

Umgekehrt gibt es Filme, wo der Dreh schrecklich war, ich aber sehr stolz auf das Ergebnis bin. Beim Theater ist diese Verzerrung selten möglich. Da passiert die Szene unmittelbar mit den Zuschauern. Aber auch da gibt es frustrierende Momente.

Was frustriert Sie daran?

Es ist wie im Leben: Wir fragen uns immer, was die anderen denken. Gleichzeitig ist jeder mit sich beschäftigt. Das Schöne und auch das Schwierige beim Künstlersein ist, dass das Erhabene und das Profane dicht beieinanderliegen – und genau so liegen das Große, was ich zu erzählen habe, und das Intime dicht beieinander.

Das Private und das Politische aufzuzeigen, wie es miteinander verknüpft ist, das mag ich an meiner Tätigkeit. Die Art und Weise, wie wir uns verhalten, die ist immer politisch. Und große politische Entscheidungen haben immer damit zu tun, wie wir als Menschen unsere Gesellschaft wollen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Verwendete Quellen
  • Gespräch zwischen Mark Waschke und t-online
  • Audible Pressematerial und Hörproben: "Marvel's Wastelanders: Hawkeye"
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