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Meinungsfreiheit: Anmerkungen zu unserem Interview mit Stefan Kretzschmar

Debatte um Meinungsfreiheit  

Anmerkungen zum Interview mit Stefan Kretzschmar

Von Martin Trotz, Benjamin Zurmühl

20.01.2019, 14:55 Uhr
Meinungsfreiheit: Anmerkungen zu unserem Interview mit Stefan Kretzschmar. Stefan Kretzschmar im Video-Interview in den Redaktionsräumen von t-online.de in Berlin. (Quelle: Screenshot t-online.de)

Stefan Kretzschmar im Video-Interview in den Redaktionsräumen von t-online.de in Berlin. (Quelle: Screenshot t-online.de)

Unser Interview mit Stefan Kretzschmar hat hohe Wellen geschlagen. Seine Aussagen zur Meinungsfreiheit wurden aber in den sozialen Medien zum Teil verkürzt.

Das t-online.de-Interview mit Stefan Kretzschmar hat in den vergangenen Tagen in Deutschland für eine kontroverse Diskussion gesorgt. In dem Gespräch bezweifelt der ehemalige Handball-Profi, dass in Deutschland die Meinungsfreiheit für Sportler gegeben ist, und sagt wörtlich: "Für jeden Kommentar bekommst du auf die Fresse!" Das Interview löste eine breite gesellschaftliche Debatte aus, zahlreiche Medien berichteten ausführlich darüber, und auch in den sozialen Medien wurde es vielfach geteilt und kommentiert. Dabei wurde Kretzschmar von vielen Seiten für seine Aussagen kritisiert.

In einem weiteren Interview, das er der "Welt am Sonntag" gegeben hat, wehrt sich Kretzschmar nun gegen die Vorwürfe. Auf die Frage nach dem t-online.de-Interview sagt er: "Zwei Wochen lang hat sich auch daran niemand gestört. Dann war plötzlich ein kurzer Videoclip davon da, extrem zusammengefasst und auch sinnentstellend verkürzt." Das Video mit seinen Aussagen sei "völlig aus dem Kontext gerissen und einfach wild zusammengeschnitten" worden. "Super fürs populistische Lager zusammengefasst", sagte Kretzschmar, der die Frage aufwirft, ob das "bewusst so gemacht wurde oder nicht". Aufgrund dieser Aussagen, unabhängig davon, ob Kretzschmar damit explizit t-online.de meint oder nicht, sehen wir uns veranlasst, hier den Produktionshintergrund unseres Interviews darzustellen.

Vom DHB und Kretzschmar autorisiert

Stefan Kretzschmar besuchte die t-online.de-Redaktion am 18. Dezember vergangenen Jahres. Das Interview wurde per Video aufgezeichnet und dauerte 40 Minuten. Am 7. Januar wurde es zur Autorisierung an den Deutschen Handball Bund (DHB) geschickt, für den Kretzschmar als WM-Botschafter für die Stadt Berlin arbeitet. Eine Autorisierung ist ein übliches Verfahren bei Interviews. Dabei bekommen die Gesprächspartner die Möglichkeit, ihre Aussagen vor der Veröffentlichung zu überprüfen und gegebenenfalls moderat zu ändern oder zu ergänzen. Der DHB autorisierte zusammen mit Kretzschmar das Interview nur einen Tag später, am 8. Januar. Kurz vor dem Beginn der Handball-WM publizierten wir das Interview dann am 9. Januar zeitgleich in Text- und Video-Form.

Parallel zu diesem Interview auf der Website von t-online.de veröffentlichten wir am 9. Januar auch einen Videoclip in den sozialen Medien: einen Ausschnitt aus dem langen Video-Interview mit Kretzschmar. Er ist hier auf t-online.de und hier auf Facebook zu sehen.

Über eine Million Menschen sahen das Video

Dieser Clip war außerordentlich erfolgreich, allein auf Facebook sahen ihn 1,2 Millionen Menschen (Stand 20.1.2019). In dem 83 Sekunden langen Videoclip, der mit "Stefan Kretzschmar kritisiert fehlende Meinungsfreiheit in Deutschland" überschrieben ist, antwortet der ehemalige Handball-Star auf die Frage des Einflusses von Medien und Social Media auf die Charakterentwicklung von Profisportlern. In der Passage zuvor hatte Kretzschmar berichtet, wie er früher als Jugendlicher in Berlin an Demonstrationen zum 1. Mai teilgenommen hatte, und dass es früher für ihn das "Hauptproblem" gewesen sei, abends im Hotel am Trainer vorbeizukommen. Heutzutage würden da die Probleme erst beginnen. Wir hakten im Gespräch daraufhin nach, was diese Entwicklung für heutige Profisportler bedeute.

Kretzschmar antwortete (die im Folgenden ohne Klammer dargestellten Sätze fanden sich dann 1:1 in dem Videoclip wieder): "[Ja aber dafür können die Spieler nichts. Also, die Spieler spielen das Spiel halt mit und] heutzutage ist die Gesellschaft so konstruiert, dass du für jeden Kommentar eins auf die Fresse kriegst. [Weil 50 Prozent derer, wenn du einen Kommentar abgibst, der polarisierend ist, finden es halt Scheiße. So, also du erntest für alles, was dich abhebt von der Masse, einen Shitstorm.] Und das will keiner mehr. Dem setzt sich kein Leistungssportler, kein Profi mehr aus. Also, die gehen alle ihren gemütlichen Weg, um sich irgendwie durchzuschlängeln. Keiner streckt den Kopf mehr höher heraus, als er muss, weil er Angst hat, sofort einen auf den Deckel zu kriegen. Ich würde mich diesem Stress auch nicht mehr aussetzen. Also welcher Sportler äußert sich denn heute noch politisch? Es sei denn, es ist die politische Mainstream-Meinung, wo man gesagt hat: Ok, ich setze mich hier… 'Wir sind bunt' und 'Refugees welcome' ein, wo man gesellschaftlich nichts falsch machen kann. Aber hat man eine einigermaßen kritische Meinung zu irgendwelchen Themen, auch vielleicht gesellschaftskritisch oder regierungskritisch, darf man das in diesem Land nicht mehr sagen. Das wird dir sofort vorgeworfen und: Wenn wir in unserem Land über Meinungsfreiheit reden, dann haben wir sicherlich die Meinungsfreiheit in dem Punkt, dass wir, wenn wir uns kritisch äußern, nicht dafür in den Knast kommen. Aber wir haben keine Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne. Weil, sobald wir eine gesellschaftskritische Meinung äußern, haben wir von unserem Arbeitgeber mit Repressalien zu rechnen oder wir haben mit unseren Werbeverträgen Probleme, dass, sagen wir mal, der, der mit uns einen Werbevertrag macht, uns den kündigt, weil es nicht ins Konzept passt. Also diese Meinungsfreiheit haben wir eigentlich in dem Sinne gar nicht, wenn wir kritisch unterwegs sind. Deswegen äußert sich heute keiner mehr kritisch. Macht keiner mehr."

Die Schnitte in dem von uns in den sozialen Medien verbreiteten Videoclip beschränkten sich auf die oben in Klammern gesetzten Passagen zu Beginn von Kretzschmars Antwort und erfolgten, um einen geeigneten Einstieg zu finden. Alle anderen Schnitte sind ausschließlich Perspektivwechsel der Kameras; die Tonspur lief ungeschnitten weiter. Kretzschmars Antwort wird also in dem Videoclip im Ganzen dargestellt und nicht zusammengeschnitten oder gar zweckentfremdet. Der Clip ist somit ein thematischer Ausschnitt aus dem langen Text- und Video-Interview mit Kretzschmar. Inhaltlich nimmt Kretzschmar in dem Clip explizit und mehrfach Bezug auf Profisportler.

Unser Material wurde ohne Erlaubnis zweckentfremdet

Der Clip wurde nicht nur millionenfach angeschaut und tausendfach geteilt. Es kam auch zu mehreren Urheberrechtsverletzungen, weil mehrere Accounts auf Twitter und YouTube unser Videomaterial ohne Rückfragen herunterluden und selbst veröffentlichten. Dabei wurde Kretzschmars Aussage zum Teil politisch instrumentalisiert und zweckentfremdet, indem nicht mehr der Bezug zur uneingeschränkten Meinungsfreiheit für Sportler (!) hergestellt wurde, und indem unerwähnt blieb, dass Kretzschmar die gesetzlich festgeschriebene freie Meinungsäußerung in Deutschland nicht in Frage stellte.

Auf diese negativen Begleiterscheinungen haben wir Stefan Kretzschmar über die Agentur, die für den DHB die Interviews verwaltet hat, hingewiesen. Wir wissen nicht, ob Kretzschmar mit seinen rechtfertigenden Aussagen in der "Welt am Sonntag" nun t-online.de und unseren 83-sekündigen Videoclip meint – oder einen der zweckentfremdeten, anderen Clips in den sozialen Medien. Möglich ist auch, dass der Ex-Handballer eines dieser im Zuge eines Urheberrechtsverstoßes entstandenen Videos gesehen hat und davon ausgeht, dass t-online.de es produziert habe. Dies ist natürlich nicht der Fall.

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