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Anschlag in Halle: Wie sich Stephan B. radikalisierte – und nun verspottet wird


Wie sich Stephan B. radikalisierte – und nun verspottet wird

Von Ali Vahid Roodsari

Aktualisiert am 11.10.2019Lesedauer: 4 Min.
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Eine symbolische Darstellung von Hass im Netz: Der Attentäter von Halle kannte sich gut mit Internetkultur aus.
Eine symbolische Darstellung von Hass im Netz: Der Attentäter von Halle kannte sich gut mit Internetkultur aus. (Quelle: T-Online-bilder)
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Er nannte sich Anon und nutzte Memes: Nach dem rechtsextremen Anschlag von Halle zeigt sich, dass der mutmaßliche deutsche Attentäter regelmäßig einschlägige Online-Foren nutzte – wie der Christchurch-Terrorist. Was steckt dahinter?

Bei einem Anschlag auf eine Synagoge in Halle wurden zwei Menschen getötet. Ursprünglich hatte der Angreifer geplant, in das Gebäude einzudringen und dort ein Massaker anzurichten – ähnlich wie der Attentäter im neuseeländischen Christchurch bei seinem Anschlag auf eine Moschee. Jedoch scheiterte der Terrorist in Halle an verschlossenen Türen. Mehr zum Thema lesen Sie in unserem Newsblog.


Schüsse in Sachsen-Anhalt

Beamte der Bundespolizei eskortieren den Tatverdächtigen von Halle, Stephan B., in Karlsruhe aus dem Hubschrauber zu einer Anhörung vor der Generalbundesanwaltschaft.
Ein Einschuss im Fenster eines Dönerladens: Bei einem Anschlag wurden in Halle (Saale) zwei Menschen getötet. Einer von ihnen war gerade in dem Imbiss, als der Täter ihn niederschoss.
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Auch in anderen Punkten zeigt der Anschlag in Halle Parallelen zu Christchurch: So ist der Täter Rechtsextremist, antisemitisch sowie islamophob eingestellt. Und: Er nutzte Begriffe und Memes, wie sie oft auf Imageboards zu finden sind. Der Angriff zeigt einmal mehr Verbindungen zwischen rechtsextremen Tätern und derartigen Internetforen.

Was sind Imageboards?

Imageboards sind Internetseiten, die Foren ähneln. Nutzer publizieren hier für gewöhnlich Bilder, kommentieren und diskutieren. Oft bestehen Imageboards aus Unterkategorien über verschiedene Themen: wie Filme oder Comics, aber auch Politik oder Sex.

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Bekannte Imageboards sind beispielsweise 4chan oder 8chan. Vor allem Letzteres erlangte mediale Aufmerksamkeit, nachdem der Attentäter von Christchurch seine Tat in einem Unterforum ankündigte. Auch der Amokläufer von El Paso kündigte seine Tat auf 8chan an. 8chan ist seit August 2019 offline. Inzwischen gibt es auch für den deutschen Raum entsprechende Internetseiten. Die bekannteste Seite, die wohl auch Stephan B. nutzte, ist seit dem Terrorangriff von Halle nicht mehr auf normalem Weg aufrufbar.

Wie Imageboards den Hass fördern

Das Besondere an vielen Imageboards ist, dass Inhalte selten moderiert werden. Die Folge: Auf bestimmten Unterforen von 4chan werden oft menschenverachtende Kommentare veröffentlicht und bleiben stehen. "Auf 4chan und 8chan geht es um Verschwörungstheorien, Provokation und eine Mischung aus schlechtem Scherz und bitterem Ernst", erklärt Politologe Florian Hartleb. "Oft finden sich auch antisemitische Muster sowie generell Hass gegen Juden, Muslime oder Schwarze."

Anschläge wie in Halle werden auf solchen Plattformen teilweise sogar gefeiert. So fielen nach dem Attentat in Christchurch Sätze wie "Und das war erst der Anfang", wie Hartleb im März 2019 im "Spiegel" sagte.

Memes sind Internetphänomene: meist Bilder, aber auch Videos oder Texte und Tondateien, die im Netz weit verbreitet sind. Dabei handelt es sich um ein Kommunikationsmittel, mit dem Nutzer auf Aussagen anderer User reagieren können. Memes sind meistens humoristisch gehalten.

Auf 4chan finden sich in den entsprechenden Unterforen unterschiedliche Meinungen zum Attentat von Halle. Während manche Nutzer die Tat verurteilen, spotten andere über den Fehlschlag des Angreifers, in die Synagoge einzudringen. Ein Nutzer kommentiert mit Bezug auf das Gebäude: "Scheint so, als ob die Holztüren in Auschwitz mehr Glaubwürdigkeit bekommen hätten." Ein anderer bezeichnet den Attentäter als "fucking Idiot" und hat dazu ein Foto einer Meme-Figur in SS-Uniform gepostet. Ein weiterer Nutzer schreibt unter anderem: "Ich bin erstaunt, dass dieser verdammte Versager nicht über seine eigenen Schnürsenkel gestolpert ist."

Viele Parallelen zu Christchurch

Laut Politologe Hartleb habe sich der Attentäter von Halle stark am Terroristen von Christchurch orientiert. Ein Anzeichen dafür sei, dass der Angreifer von Halle sein Video und Manifest auf Englisch publizierte. So wolle er eine größere Öffentlichkeit erreichen. Auch bezeichnete er sich in seinem Video als Anon – eine Abkürzung für Anonymus. So nennen sich für gewöhnlich Nutzer auf englischsprachigen Imageboards. Das zeigt, dass der Täter in diesen Foren aktiv war – wie auch der Terrorist von Christchurch.

Und nachdem sein Angriff auf die Synagoge gescheitert war, sagte er "100 Prozent Fail haben wir selten hier" – ein Meme bekannt aus deutschen Imageboards. Im ihm zugeordneten Manifest schreibt Stephan B., "dass ich versagen könnte, (in das Gebäude, Anm. d. Red.) einzudringen und stattdessen Spaghetti auf der Straße verteile". Dieses Meme ist vor allem von 4chan bekannt.

Der Attentäter von Christchurch erwähnte in seinem Manifest ebenfalls viele Memes. Beispielsweise bezeichnete er sich selbst als bewandt in "Gorilla Warfare". Hierbei handelt es sich um das sogenannte "Navy Seal Copypasta" – ein vorgefertigter Text, der im Internet immer wieder verbreitet wird und vor allem durch 4chan Berühmtheit erlangte.

Ermittler müssen handeln

Doch nicht immer fanden sich so viele rechtsextreme Hasskommentare auf 4chan wie heute. Das erklärt die US-Medienexpertin Whitney Phillips in einem Interview mit "Spiegel Online" im August 2018. Um 2008 sollen Trolle auf der Plattform zwar auch aggressives Verhalten gezeigt haben, allerdings richtete sich dieses auch gegen "Rechtsextremisten, Christen oder weiße Menschen". Mit der Zeit kam aber eine Nutzerschaft dazu, die sich "explizit als Frauenfeinde oder Rassisten identifizierten", sagt Philipps.

Politologe Hartleb betont, die Schuld nicht allein 4chan und Co zuzuschieben: "Es ist falsch zu sagen: 4chan oder 8chan sind eine Voraussetzung für Terroristen", sagt Hartleb. "Aber sie sind dafür eine wichtige Plattform. Und sie garantieren auch einen sichereren Austausch als herkömmliche Kommunikationskanäle wie Facebook."


Der Grund: Ermittler haben Imageboards bisher unterschätzt und wenig beobachtet. Die Polizei solle in solchen Fällen vor allem auf junge Ermittler setzen, die dortige Sachverhalte wie Memes besser einschätzen können. "Auch muss man Einzeltäter innerhalb des Rechtsterrorismus ernst nehmen", sagt Hartleb. "Denn es besteht die Gefahr von weiteren Nachahmungstätern. Hier müssen alle Alarmglocken schrillen."

Update: Im Text wurde konkretisiert, dass nur auf bestimmten Unterforen auf 4chan Kommentare zum Attentat geäußert wurden. Auch wurde hinzugefügt, dass 8chan mittlerweile offline ist.

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Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche
  • Vice.com: "We Analyzed More Than 1 Million Comments on 4chan. Hate Speech There Has Spiked by 40% Since 2015"
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