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Selbstversuch: So einfach geht der Bewertungsbetrug bei Amazon


Selbstversuch als Fake-Bewerter
So einfach geht der Bewertungsbetrug bei Amazon

Von Felix Beilharz

Aktualisiert am 05.05.2021Lesedauer: 3 Min.
Qualitativ geprĂŒfter Inhalt
Qualitativ geprĂŒfter Inhalt

FĂŒr diesen Beitrag haben wir alle relevanten Fakten sorgfĂ€ltig recherchiert. Eine Beeinflussung durch Dritte findet nicht statt.

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FĂŒnf Sterne – oft ist diese Bewertung gekauft: Felix Beilharz hat ausprobiert, wie die Fake-Bewertungsmaschine funktioniert.VergrĂ¶ĂŸern des Bildes
FĂŒnf Sterne – oft ist diese Bewertung gekauft: Felix Beilharz hat ausprobiert, wie die Fake-Bewertungsmaschine funktioniert. (Quelle: Shotshop/imago-images-bilder)

Beim Online-Shopping vertrauen viele Verbraucher auf Kundenbewertungen. Die sind oft gekauft. Unser Autor wurde zu Recherchezwecken selbst zum Fake-Bewerter – und war schockiert, wie einfach das ist.

Bewertungen sind fĂŒr uns oft das wichtigste Kriterium beim Onlinekauf – bis zu 65 Prozent der Menschen entscheiden sich vor allem basierend auf den Kundenbewertungen. Gleichzeitig sind laut verschiedenen Untersuchungen circa 20 Prozent der Amazon-Bewertungen gefĂ€lscht. Die Zahl stammt aus 2017 – mittlerweile dĂŒrfte sie noch höher ausfallen. Bewertungen lassen sich kinderleicht kaufen. Nicht nur bei Amazon – fĂŒr jedes Bewertungssystem am Markt gibt es Anbieter.

Doch wie lĂ€uft so etwas eigentlich ab? Um das herauszufinden, habe ich mich mal als Fake-Bewerter betĂ€tigt – und war erschrocken, was ich dabei erlebt habe.

Viele verdienen an Fake-Bewertungen mit

Im Markt der Fake-Bewertungen gibt es verschiedene Mitspieler: Agenturen, die Fake-Bewertungen als Paket an Unternehmen verkaufen; Mittler, die den Agenturen die Fake-Bewertungen verkaufen; HĂ€ndler, die direkt auf die Suche nach Fake-Bewertungen gehen und natĂŒrlich die Bewertungsschreiber selbst. Alle verdienen mit, und das nicht zu knapp.

Die Agenturen und HĂ€ndler rekrutieren ihre Bewertungen meist ĂŒber Facebook-Gruppen oder Telegram-KanĂ€le. Dabei gibt es unzĂ€hlige solcher Communities, die meist Begriffe wie "Amazon Produkttester" oder "Bewertung Deutschland" im Namen tragen. Allein bei Amazon finden sich Dutzende, wenn nicht Hunderte solcher Gruppen mit teilweise fĂŒnfstelligen Mitgliederzahlen.

Felix Beilharz ist Berater fĂŒr Online- und Social Media Marketing. Der Kölner Digitalexperte hat in seinem 10. Buch „#FAKE“ die Welt der Internet Fakes untersucht. Egal, ob Fake Bewertungen, Fake Online Shops, Fake News oder Fake Profile im Social Web – kein Fake ist vor ihm sicher. Das Buch erscheint am 24.06.2021, weitere Infos dazu gibt es hier.

Ich habe mich bei diversen solcher Gruppen angemeldet. Meine erste Erkenntnis: Ich musste gar nichts weiter tun, die Anbieter kamen direkt via Direktnachricht (DM) auf mich zu. Bereits wenige Stunden nach meinem Eintreten in diese Gruppen hatte ich einige Dutzend DMs bei Facebook, in denen mir teilweise ebenfalls Dutzende Produkte zum Bewerten angeboten wurden. Allesamt chinesische Billig- und No-Name-Ware und das wirklich querbeet: LED-Lampen, FitnessbĂ€nder, KĂŒchenutensilien, Wecker, Socken, Smartphone-HĂŒllen, Spielzeug und unendlich viele Produkte mehr.

UnabhÀngig von diesen DMs lÀuft das Prinzip in den Gruppen so: HÀndler, Mittler oder Agenturen posten ihre Produkte (mit oder ohne direkten Link zu Amazon) in diese Gruppen. Willige Fake-Bewerter können sich entweder um einen "Produkttest" bewerben (via DM) oder direkt auf das verlinkte Amazon-Produkt zugreifen.

Die Aufgabe ist ganz einfach: Ich suche mir Produkte aus, die ich gerne bewerten wĂŒrde. Ich kaufe sie bei Amazon. Nun habe ich ja einen "verifizierten Kauf" generiert und kann das Produkt glaubwĂŒrdig bewerten. Das tue ich natĂŒrlich mit 5 Sternen und ein paar SĂ€tzen begeistertem Feedback.

Sobald die Bewertung veröffentlicht ist, schicke ich einen Screenshot meiner KaufbestĂ€tigung sowie den Link zur Bewertung an den Anbieter in der Gruppe. Und – sofern dieser selbst kein Abzocker ist, was ich ebenfalls erlebt habe – erhalte ich mein Geld via PayPal zurĂŒck. Was ich nun mit dem gekauften Produkt mache – behalten, verkaufen, zurĂŒckschicken – ist relativ egal.

TĂ€glich Hunderte neue Artikel in nur einer Gruppe eingestellt

Und genau das passiert bei Amazon jeden Tag. Wie oft, ist unklar. Aber ein Blick in die Gruppen und auf einschlĂ€gige Produkte legt nahe – es passiert sehr oft.

Allein die Anzahl der in diese Gruppen hochgeladenen Produkte erschlÀgt einen fast. In einer Telegram-Gruppe habe ich tatsÀchlich mal einige Tage lang gezÀhlt: zwischen 350 und 500 Produkte werden tÀglich in dieser Gruppe zum Fake-Bewerten eingestellt.

So lassen sich Fake-Bewertungen erkennen oder umgehen

Auch die Anzahl und Art der Bewertungen gibt Aufschluss. Ein No-Name-Produkt, das bereits nach 3 Monaten ĂŒber 1.000 Bewertungen mit insgesamt fast 5 Sternen hat? Eher unwahrscheinlich – zumal wenn der MarktfĂŒhrer in dem Segment nach mehreren Jahren noch nicht eine annĂ€hernd große Anzahl aufweisen kann.

Oft gibt auch ein Blick in die Profile der Bewerter ein klares Bild: fast ausschließlich 5-Sterne-Bewertungen fĂŒr jede Menge bunt gemischten Kleinkram spricht recht deutlich fĂŒr einen Faker.

DafĂŒr muss man aber etwas genauer hinsehen und sich etwas Zeit nehmen. Wer das nicht will: Suchmaschinen wie ReviewMeta geben sich MĂŒhe, die Fake-Bewertungen herauszufiltern.

Die ĂŒberwiegende Anzahl an Fake-Bewertungen bei Amazon geht ĂŒbrigens an No-Name-Produkte, meist aus China. Etablierte Markenprodukte sind so gut wie nicht betroffen.

Ich habe im Rahmen meiner Recherche ĂŒbrigens fĂŒr drei Produkte solche Fake-Bewertungen erstellt. Bei zweien erhielt ich das Geld regulĂ€r zurĂŒck, beim Dritten wurde ich offenbar vom BetrĂŒger betrogen, er hat auf meine Nachrichten einfach nicht mehr reagiert. Ich habe alle drei Produkte zurĂŒckgeschickt, die Bewertungen wieder gelöscht und das erhaltene Geld gespendet.

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherche
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