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"Bei Telegram sind Nutzer leichte Beute der Geheimdienste"

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

Aktualisiert am 18.12.2021Lesedauer: 4 Min.
Das Telegram-Logo und ein Mann in Hoodie: Auf Telegram sammeln sich oft Extremisten.
Das Telegram-Logo und ein Mann in Hoodie: Auf Telegram sammeln sich oft Extremisten. (Quelle: imagebroker/imago-images-bilder)
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t-online und Kontraste enthĂŒllen, dass ein Mann hinter Tausenden KanĂ€len und Gruppen auf Telegram steckt. Wieso sich dann so viel herausfinden lĂ€sst, erklĂ€rt ein DatenjĂ€ger, der dort laufend Informationen sichert.

Er nennt sich "@Datenliebe1", und er meldete sich bei der Redaktion mit einem Hinweis: Er ist auf jemanden gestoßen, der in ungewöhnlich vielen Gruppen auf Telegram ist. Telegram ist das unregulierte Netzwerk, wo der Corona-Protest gĂ€rt, sich organisiert und vom Umsturz getrĂ€umt wird.

Über diesen Nutzer lasse sich viel herausfinden. Der Nutzer heißt "Frank der Reisende" und er war der Redaktion bei Recherchen schon am Rande begegnet. Doch der Hinweis war der Anfang zu den Nachforschungen von t-online und dem ARD-Politikmagazin "Kontraste" ĂŒber den Mann, der mit fast allen Gruppen auf Telegram vernetzt ist, die von Widerstand schreiben. Die ausfĂŒhrliche Recherche ĂŒber "Frank der Reisende" findet sich hier.

@Datenliebe1 lieferte auch Daten aus geschlossenen Gruppen. Seine IdentitĂ€t kennt die Redaktion bis heute nicht. "Wer ich bin, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass das so bleibt. Ich möchte datengestĂŒtzte Analysen zu kritischen Themen veröffentlichen, und fĂŒhle mich so sicherer." Er hat auch schon der britischen BBC Hinweise geliefert. Über den Messenger Threema haben wir mit ihm gesprochen.

t-online: Wenn man erst einmal auf "Frank der Reisende" gestoßen ist, findet man ihn bei Telegram sehr oft. Aber wie bist Du auf ihn aufmerksam geworden?

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Datenliebe1: Mich interessierte die einfache Frage: Wer ist in den meisten Gruppen? Dazu habe ich ĂŒber Jahre in einer Liste öffentliche Telegram-Gruppen gesammelt. Im September 2020 habe ich die dort aktiven Nutzerprofile ausgelesen und nach identischen Profilen innerhalb der Gruppen gesucht. Frank der Reisende liegt auf Platz 1, er gehörte 73 Gruppen in meinem Datensatz von 555 öffentlichen Gruppen an.

Was fĂŒr Gruppen sind das?
Es gibt natĂŒrlich viel mehr, ich habe auch nur einen Teil der Gruppen, in denen er ist. Ich habe versucht, eine möglichst große Vielfalt in meine Daten zu bekommen. Kurz gesagt: Alles, was auf einschlĂ€gigen Websites öffentlich beworben wurde, habe ich aufgenommen. Daher beschrĂ€nke ich mich nicht nur auf verschwörungsideologische Gruppen. Unkritisch sind zum Beispiel Gruppen zu Windows, PokĂ©mon Go oder KryptowĂ€hrungen. Aber auch die Regionalgruppen der IdentitĂ€ren Bewegung sind dabei. Da sich der Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen grĂ¶ĂŸtenteils auf Telegram organisiert, bilden diese Gruppen logischerweise einen Schwerpunkt.

Haben Sie Hinweise zu einem unserer Artikel? VerfĂŒgen Sie ĂŒber Einblicke in Bereiche, die anderen verschlossen sind? Möchten Sie MissstĂ€nde mithilfe unserer Reporter aufdecken? Dann kontaktieren Sie uns unter hinweise@stroeer.de.

Wenn sich die Daten so einfach auslesen lassen, dann wirkt das nicht, als sei Telegram ein besonders sicheres oder geheimes Netzwerk 


Völlig richtig. Ich war ĂŒberrascht, dass sich sogar der gesamte Chatverlauf einer öffentlichen Gruppe von Jahren herunterladen lĂ€sst, ohne selbst Mitglied zu sein. Die Ende-zu-Ende-VerschlĂŒsselung, die ein solches Mitlesen erschwert, ist nur in sogenannten "geheimen Chats" aktiviert. In Gruppen fehlt diese Funktion ganz. Und der Messenger bietet umfangreiche Schnittstellen zur Verarbeitung von Daten an.

Und wie geht es dann weiter?

Nutzerprofile haben eine eindeutige Kennziffer. Die ist fĂŒr jeden Account einzigartig und in allen Gruppen, in der dieser Account aktiv ist, identisch. So lĂ€sst sich jede Nachricht des Nutzerprofils in entsprechenden Gruppen nachverfolgen. Da sich die Nutzerinnen und Nutzer in den Gruppen sicher fĂŒhlen, geben sie allerhand sensible Informationen preis. Solange Telegram derart einfach sensible Daten preisgibt, sind sie leichte Beute fĂŒr Geheimdienste, Behörden oder ĂŒbereifrige Datenanalysten.

Es lassen sich auch umgekehrt Nutzer finden, die mit Pseudonym auftreten.

Das ist einfach, wenn man an eine Mobilfunknummer gelangt. FĂŒgt man diese seinem Kontaktbuch hinzu, gibt es Tricks, um an die Nutzerkennziffer zu kommen, und denjenigen in Gruppen wiederzufinden.

Aber es gibt ja auch geschlossene Gruppen.

Geschlossene Gruppen unterscheiden sich nur geringfĂŒgig von öffentlichen. Deren Mitglieder können ebenso den gesamten Verlauf sichern, ohne dass es irgendjemand merken könnte.

Hast Du dafĂŒr Beispiele?

Aus den internen Gruppen, in denen sich die Admins der DDAY-2.0-Bewegung organisiert haben, wurden mir ebenfalls Chatprotokolle zugespielt.

Die durften wir ja auch auswerten, danke. Dort hat Frank auch viel geschrieben.

Ich stehe auch in Verbindung zu einer Person in der verschwörungsideologischen Jugendgruppe des "Querdenkers" und Corona-Leugners Samuel Eckert und bekomme von dort den Verlauf ...

... der aus deiner Sicht zeigt, wie Jugendliche indoktriniert und rekrutiert werden. Wie stellen sich Admins auf so etwas ein?

Wurde ein Leck entdeckt, versuchen sie die undichte Stelle zu finden und aus der Gruppe zu werfen. Oder sie verjĂŒngen den Kreis der "Wissenden" auf den harten Kern.

Wenn Admins Inhalte nicht löschen, bleiben auch strafbare Inhalte wie Gewaltaufrufe stehen. Attila Hildmann postet Hakenkreuze. Wieso geht das?

Telegram wird als Messenger nicht vom NetzDG (AbkĂŒrzung fĂŒr Netzwerkdurchsetzungsgesetz, Anm. d. Redaktion) erfasst und kann daher nicht zum Löschen von Inhalten gezwungen werden. Obwohl Telegram gegen IS-Propaganda, Anstiftung zu Gewalt und Verbreitung von Kinderpornographie vorgeht, bleibt der Großteil der anstĂ¶ĂŸigen Inhalte stehen. Telegram verlĂ€sst sich auch völlig auf das Melden von BeitrĂ€gen durch Nutzer und Nutzerinnen, und setzt zum Beispiel keine Algorithmen ein, um gefĂ€hrliche Inhalte automatisch zu erkennen.

Hat denn Telegram auch StÀrken?

Von technischen Fragen mal ganz abgesehen, ist die Idee, ein kostenloses Kommunikationsmedium gegen staatliche Überwachung zu schaffen, grundsĂ€tzlich gut. Die Demokratiebewegung in Hongkong oder auch der Widerstand gegen das diktatorische Regime in Belarus wĂ€ren ohne Telegram als zensurfreies Medium wahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Leider werden diese Tools schnell von (neu)rechten Strömungen fĂŒr antidemokratische Zwecke missbraucht. Telegram könnte seine Nutzungsbedingungen aktualisieren, um explizit demokratiefeindliche Inhalte von der Plattform zu verbannen. Aber der GrĂŒnder Pavel Durov duldet diese unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit.

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