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"Bei Telegram sind Nutzer leichte Beute der Geheimdienste"

INTERVIEWAnonymer Datenjäger  

"Bei Telegram sind Nutzer leichte Beute der Geheimdienste"

15.04.2021, 13:12 Uhr
"Bei Telegram sind Nutzer leichte Beute der Geheimdienste". Das Telegram-Logo und ein Mann in Hoodie: Auf Telegram sammeln sich oft Extremisten.  (Quelle: imago images/imagebroker)

Das Telegram-Logo und ein Mann in Hoodie: Auf Telegram sammeln sich oft Extremisten. (Quelle: imagebroker/imago images)

t-online und Kontraste enthüllen, dass ein Mann hinter Tausenden Kanälen und Gruppen auf Telegram steckt. Wieso sich dann so viel herausfinden lässt, erklärt ein Datenjäger, der dort laufend Informationen sichert.

Er nennt sich "@Datenliebe1", und er meldete sich bei der Redaktion mit einem Hinweis: Er ist auf jemanden gestoßen, der in ungewöhnlich vielen Gruppen auf Telegram ist. Telegram ist das unregulierte Netzwerk, wo der Corona-Protest gärt, sich organisiert und vom Umsturz geträumt wird.

Über diesen Nutzer lasse sich viel herausfinden. Der Nutzer heißt "Frank der Reisende" und er war der Redaktion bei Recherchen schon am Rande begegnet. Doch der Hinweis war der Anfang zu den Nachforschungen von t-online und dem ARD-Politikmagazin "Kontraste" über den Mann, der mit fast allen Gruppen auf Telegram vernetzt ist, die von Widerstand schreiben. Die ausführliche Recherche über "Frank der Reisende" findet sich hier.

@Datenliebe1 lieferte auch Daten aus geschlossenen Gruppen. Seine Identität kennt die Redaktion bis heute nicht. "Wer ich bin, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass das so bleibt. Ich möchte datengestützte Analysen zu kritischen Themen veröffentlichen, und fühle mich so sicherer." Er hat auch schon der britischen BBC Hinweise geliefert. Über den Messenger Threema haben wir mit ihm gesprochen.

t-online: Wenn man erst einmal auf "Frank der Reisende" gestoßen ist, findet man ihn bei Telegram sehr oft. Aber wie bist Du auf ihn aufmerksam geworden?

Datenliebe1: Mich interessierte die einfache Frage: Wer ist in den meisten Gruppen? Dazu habe ich über Jahre in einer Liste öffentliche Telegram-Gruppen gesammelt. Im September 2020 habe ich die dort aktiven Nutzerprofile ausgelesen und nach identischen Profilen innerhalb der Gruppen gesucht. Frank der Reisende liegt auf Platz 1, er gehörte 73 Gruppen in meinem Datensatz von 555 öffentlichen Gruppen an.

Was für Gruppen sind das?
Es gibt natürlich viel mehr, ich habe auch nur einen Teil der Gruppen, in denen er ist. Ich habe versucht, eine möglichst große Vielfalt in meine Daten zu bekommen. Kurz gesagt: Alles, was auf einschlägigen Websites öffentlich beworben wurde, habe ich aufgenommen. Daher beschränke ich mich nicht nur auf verschwörungsideologische Gruppen. Unkritisch sind zum Beispiel Gruppen zu Windows, Pokémon Go oder Kryptowährungen. Aber auch die Regionalgruppen der Identitären Bewegung sind dabei. Da sich der Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen größtenteils auf Telegram organisiert, bilden diese Gruppen logischerweise einen Schwerpunkt.

Haben Sie Hinweise zu einem unserer Artikel? Verfügen Sie über Einblicke in Bereiche, die anderen verschlossen sind? Möchten Sie Missstände mithilfe unserer Reporter aufdecken? Dann kontaktieren Sie uns unter hinweise@stroeer.de.

Wenn sich die Daten so einfach auslesen lassen, dann wirkt das nicht, als sei Telegram ein besonders sicheres oder geheimes Netzwerk …

Völlig richtig. Ich war überrascht, dass sich sogar der gesamte Chatverlauf einer öffentlichen Gruppe von Jahren herunterladen lässt, ohne selbst Mitglied zu sein. Die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, die ein solches Mitlesen erschwert, ist nur in sogenannten "geheimen Chats" aktiviert. In Gruppen fehlt diese Funktion ganz. Und der Messenger bietet umfangreiche Schnittstellen zur Verarbeitung von Daten an.

Und wie geht es dann weiter?

Nutzerprofile haben eine eindeutige Kennziffer. Die ist für jeden Account einzigartig und in allen Gruppen, in der dieser Account aktiv ist, identisch. So lässt sich jede Nachricht des Nutzerprofils in entsprechenden Gruppen nachverfolgen. Da sich die Nutzerinnen und Nutzer in den Gruppen sicher fühlen, geben sie allerhand sensible Informationen preis. Solange Telegram derart einfach sensible Daten preisgibt, sind sie leichte Beute für Geheimdienste, Behörden oder übereifrige Datenanalysten.

Es lassen sich auch umgekehrt Nutzer finden, die mit Pseudonym auftreten.

Das ist einfach, wenn man an eine Mobilfunknummer gelangt. Fügt man diese seinem Kontaktbuch hinzu, gibt es Tricks, um an die Nutzerkennziffer zu kommen, und denjenigen in Gruppen wiederzufinden.

Aber es gibt ja auch geschlossene Gruppen.

Geschlossene Gruppen unterscheiden sich nur geringfügig von öffentlichen. Deren Mitglieder können ebenso den gesamten Verlauf sichern, ohne dass es irgendjemand merken könnte. 

Hast Du dafür Beispiele?

Aus den internen Gruppen, in denen sich die Admins der DDAY-2.0-Bewegung organisiert haben, wurden mir ebenfalls Chatprotokolle zugespielt.

Die durften wir ja auch auswerten, danke. Dort hat Frank auch viel geschrieben.

Ich stehe auch in Verbindung zu einer Person in der verschwörungsideologischen Jugendgruppe des "Querdenkers" und Corona-Leugners Samuel Eckert und bekomme von dort den Verlauf ...

... der aus deiner Sicht zeigt, wie Jugendliche indoktriniert und rekrutiert werden. Wie stellen sich Admins auf so etwas ein?

Wurde ein Leck entdeckt, versuchen sie die undichte Stelle zu finden und aus der Gruppe zu werfen. Oder sie verjüngen den Kreis der "Wissenden" auf den harten Kern.

Wenn Admins Inhalte nicht löschen, bleiben auch strafbare Inhalte wie Gewaltaufrufe stehen. Attila Hildmann postet Hakenkreuze. Wieso geht das?

Telegram wird als Messenger nicht vom NetzDG (Abkürzung für Netzwerkdurchsetzungsgesetz, Anm. d. Redaktion) erfasst und kann daher nicht zum Löschen von Inhalten gezwungen werden. Obwohl Telegram gegen IS-Propaganda, Anstiftung zu Gewalt und Verbreitung von Kinderpornographie vorgeht, bleibt der Großteil der anstößigen Inhalte stehen. Telegram verlässt sich auch völlig auf das Melden von Beiträgen durch Nutzer und Nutzerinnen, und setzt zum Beispiel keine Algorithmen ein, um gefährliche Inhalte automatisch zu erkennen.

Hat denn Telegram auch Stärken?

Von technischen Fragen mal ganz abgesehen, ist die Idee, ein kostenloses Kommunikationsmedium gegen staatliche Überwachung zu schaffen, grundsätzlich gut. Die Demokratiebewegung in Hongkong oder auch der Widerstand gegen das diktatorische Regime in Belarus wären ohne Telegram als zensurfreies Medium wahrscheinlich nicht möglich gewesen.

Leider werden diese Tools schnell von (neu)rechten Strömungen für antidemokratische Zwecke missbraucht. Telegram könnte seine Nutzungsbedingungen aktualisieren, um explizit demokratiefeindliche Inhalte von der Plattform zu verbannen. Aber der Gründer Pavel Durov duldet diese unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit.

Verwendete Quellen:

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