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Deutschlands Privatjet-Elite enttarnt: Auf diesen Strecken düsen die Superreichen


Schädlicher Boom
Diese Strecken entlarven Deutschlands Privatjet-Elite


Aktualisiert am 06.04.2023Lesedauer: 4 Min.
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Ein Privatjet auf dem Flughafen Frankfurt (Symbolbild): (Quelle: Jochen Tack/dpa)

Einst galten Privatflugzeuge als schick, heute sind sie für ihre hohen Emissionen verpönt. Hierzulande scheinen Superreiche davon aber kaum beeindruckt zu sein – im Gegenteil.

Rund 45 Kilometer liegen zwischen Start- und Landeplatz – eine Strecke, für die man normalerweise eine gute halbe Stunde im Auto bräuchte. Für einige Reiche war das im vergangenen Jahr aber wohl zu lang: Den Katzensprung von Oberpfaffenhofen nach Augsburg legten sie 21 Mal in der Luft zurück, wie eine neue Auswertung von Flugdaten der Beratungsfirma CE Delft im Auftrag von Greenpeace zeigt.

Es ist einer der extremsten Fälle, den die Umweltberater aufgedeckt haben, doch er scheint symbolisch zu sein: Durchschnittlich alle neun Minuten hob in Deutschland 2022 ein Privatjet ab, insgesamt waren es 58.424 Flüge, nahezu doppelt so viele wie im Jahr zuvor – ein nationaler Negativrekord. Europaweit übertrafen diesen nur noch Frankreich mit knapp 85.000 Privatflügen und das Vereinigte Königreich mit mehr als 90.000.

Kurz und dreckig: Die schlimmsten Strecken

Zu den kürzesten Privatjet-Strecken in Deutschland zählte laut CE Delft 2022 unter anderem auch die Verbindung von Friedrichshafen nach Altenrhein – knapp 19 Kilometer Luftlinie von der deutschen Seite des Bodensees auf die schweizerische. Die Strecke taucht 39 Mal in der Statistik auf, jeder Rundtrip sandte mehr als 1 Tonne CO2 in die Atmosphäre. So viel, wie eine Person bei einer 80.000 Kilometer langen Zugreise verursachen würde. Noch etwas schmutziger als die Trips im Südwesten war hingegen eine Route in Nordrhein-Westfalen.

Zwischen Düsseldorf und Essen pendelt eine S-Bahn, die A52 bietet eine direkte Autoverbindung der beiden Ruhrpott-Metropolen. Dennoch flogen Privatjets die rund 30 Kilometer lange Strecke im vergangenen Jahr mehr als ein Dutzend Mal und brachten dabei 53 Kilogramm CO2 pro Kilometer auf die Waage. Zum Vergleich: Hier verursachte jeder Jet-Kilometer ähnlich viele Treibhausgase wie die Produktion eines neuen Smartphones.

Am häufigsten wurden per Privatjet ab Deutschland die Verbindungen BerlinKöln, Berlin – London und München – London geflogen. Die drei inländischen Flughäfen mit den meisten Privatjet-Starts waren Berlin-Brandenburg, München und Hamburg, so die Auswertung der Beratungsfirma.

Insgesamt brachten die Elite-Reisenden hierzulande es so zuletzt auf rund 209.000 Tonnen CO2. Geht man von der Klimabelastung aus, die die Luftverkehrsbranche selbst einräumt, entspricht das fast zehn Prozent der Gesamtemissionen des Sektors. Und das, obwohl Privatjet-Passagiere nur einen winzigen Anteil aller Fluggäste ausmachen: Die in Europa beliebtesten Jet-Typen dieser Luxusklasse, die Cessna Citation Excel und die Beechcraft King Air 200, bieten Platz für maximal sechs bis acht Personen. Wobei die wenigsten dieser Privatflüge voll besetzt sein dürften.

Größter Fußabdruck, aber unter dem Radar

Laut einer Analyse der Umweltorganisation Transport and Environment verursachen die Nutzerinnen und Nutzer von Privatjets weltweit einen noch größeren Anteil an Treibhausgasen – die reichsten ein Prozent sind demnach für 50 Prozent der Klimaschäden durch den Luftverkehr verantwortlich.

Nicht umsonst gelten private Jets als besonders umweltschädlich: Pro Passagier stoßen sie zwischen vier- und vierzehnmal so viele Treibhausgase aus wie ein Linienflug, so die Berechnungen der Organisation. Im Vergleich zu einer entsprechenden Bahnreise sind Privatjets rund fünfzigmal schmutziger – keine belanglose Zahl, denn auf mehr als zwei Dritteln der beliebtesten Jet-Strecken existieren Schnellzugverbindungen.

Trotz ihrer vergleichsweise hohen Wirkung auf die Erderhitzung gilt für Privatjets: Die Politik drückt beide Augen zu – in der Klimapolitik spielen sie quasi keine Rolle. Die kleinen Flieger in Privatbesitz genießen großzügige Ausnahmen: Vom Emissionshandel der EU, dem sogenannten EU-ETS, sind sie ebenso ausgenommen wie vorerst auch von der Steuer auf Flugbenzin, die von der EU vorgesehen ist. Stattdessen zielt die Kerosinsteuer vor allem auf Passagiermaschinen ab, die innereuropäische Linienverbindungen bedienen.

Emissionsexzesse ohne Aufpreis

Dabei fordern Klimaschützer bereits seit Jahren, dass gerade Besitzer und Nutzer von Privatjets mit einer CO2-Abgabe zur Verantwortung gezogen werden müssten. Greenpeace verlangt sogar ein Verbot dieser "klimaschädlichen und überflüssigen" Flüge. So weit würde Umweltökonom Stefan Gössling wohl nicht gehen.

Im Deutschlandfunk mahnte auch er jedoch kürzlich: "Ich würde mir wirklich wünschen, dass etwas dramatischer gegen die Emissionsexzesse vorgegangen wird." Das ließe sich unter anderem durch höhere Start- und Landegebühren sowie CO2-Zertifikate für Privatflugzeuge ermöglichen. Angesichts des wachsenden Booms der Privatjet-Branche sei das unerlässlich.

"Gerade in diesen Bereichen sehen wir jedes Jahr eine starke Zunahme in den Emissionen. Die Zahl der Millionäre wächst und damit auch die Emissionen, die aus diesen Privatflug-Reisen entstehen. Das heißt, wir müssen anfangen, dort Emissionen einzusparen, wo besonders viel emittiert wird", so Gössling im Deutschlandfunk.

Doch auch in der Bundesrepublik zeichnen sich keine strengeren Regeln für Privatjets und deren Besitzer ab: Man wolle sich auf die Forschung und Förderung innovativer Technologien und Kraftstoffe fokussieren, heißt es aus dem Bundesverkehrsministerium. In der Zwischenzeit darf man davon ausgehen, dass die Wohlhabendsten weiterhin unter dem Radar fliegen werden.

Ergänzung: In einer früheren Version dieses Artikels war die Strecke Böblingen-Stuttgart als kürzeste innerdeutsche Jet-Verbindung 2022 angegeben. Dies entspricht zwar den Studiendaten von CE Delft, die aus der offiziellen Flugüberwachung stammen, jedoch ist der einzige Flugplatz in Böblingen seit den 1990ern geschlossen. Trotz Nachfragen hat sich bisher weder sicher klären lassen, weshalb der Standort dennoch mit einer IATA-Nummer ausgestattet und somit für den aktiven Flugverkehr registriert ist, noch, um welche entsprechenden Flüge es sich in der Datenbank handeln könnte. Die Studienautoren gehen davon aus, dass die insgesamt 11 Flüge wohl Rundflüge ab Stuttgart gewesen sein müssen. Angesichts der Unklarheit wird die Strecke nicht mehr im Artikel genannt.

Verwendete Quellen
  • CE Delft (2023): "CO2 emissions of private aviation in Europe"
  • Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (2022): "Analyse der Klimaschutzinstrumente im Luftverkehr zur CO₂-Reduktion"
  • BMWK (2022): "Kohlenstoffdioxid-Fußabdruck pro Kopf in Deutschland"
  • Umweltbundesamt (2023): "Treibhausgasemissionen gesunken"
  • Transport & Environment (2021): "Private jets: can the super rich supercharge zero-emission aviation?"
  • Real World Visuals (2022): "One-percenters take to the air"
  • Deutschlandfunk Kultur (16.01.2023): "Warum individueller CO2-Ausstoß reguliert werden sollte"
  • tagesschau.de (12.01.2023): "Millionen Tonnen Treibhausgase durch Privatjets"
  • Blog des Öko-Instituts (24.04.2020): "Der CO2-Fußabdruck unseres digitalen Lebensstils"
  • tagesschau.de (04.05.2019): "Wie viel ist eine Tonne CO2?"
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