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Was kann trauernden Eltern helfen?

dpa-tmn, Julia Kirchner

Aktualisiert am 08.11.2017Lesedauer: 4 Min.
Manche Beziehung zerbricht ├╝ber die Trauer um ein totes Kind.
Manche Beziehung zerbricht ├╝ber die Trauer um ein totes Kind. (Quelle: Kai Remmers/dpa-tmn-bilder)
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Es ist der absolute Ausnahmezustand: Das eigene Kind ist tot. Eltern sind in diesem Moment auf sich selbst zur├╝ckgeworfen, jeder Halt bricht weg. Ein Interview ├╝ber die unterschiedlichen Wege, wie sie mit der Trauer umgehen k├Ânnen.

Das Buch, das Silia Wiebe und Silke Baumgarten geschrieben haben, h├Ątten sie sich selbst gew├╝nscht. Beide haben Kinder in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens verloren. In ihrem Buch haben sie mit Eltern gesprochen, deren Kind ebenfalls gestorben ist. Die Interviews zeichnen die individuellen Wege auf, mit der Trauer umzugehen. Ein Gespr├Ąch mit Autorin Silke Baumgarten dar├╝ber, was Eltern in dieser schweren Zeit brauchen und was Au├čenstehende f├╝r sie tun k├Ânnen.

Gab es in den Gespr├Ąchen mit den Eltern etwas, das immer wiederkehrend genannt wurde, weil es im Trauerprozess geholfen hat?

Tats├Ąchlich ist das, was den Eltern hilft, sehr unterschiedlich. Aber alle empfinden es als wohltuend, wenn ├╝ber ihr verstorbenes Kind gesprochen wird. Einfach, dass sie erz├Ąhlen k├Ânnen und ihnen geduldig zugeh├Ârt wird. Aber auch, dass Freunde und Verwandte schildern, was sie mit dem Kind erlebt haben, wie sie es wahrgenommen haben, was sie besonders an ihm liebten ÔÇô all das ist Trost f├╝r trauernde Eltern. Viele Menschen denken ja: blo├č nicht dran r├╝hren! Sie haben Angst, dass sie die Wunde des Verlustes neu aufrei├čen, wenn sie vom verstorbenen Kind sprechen. Das Gegenteil ist der Fall ÔÇô es ist heilsam und hilft den Eltern, wenn sie merken: Ihr Kind ist nicht vergessen.

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Gab es Dinge, die Sie beide ├╝berrascht haben bei der Recherche?

Ja. Wir wussten zwar vorher: Trauer hat viele Gesichter. Aber uns hat dann doch ├╝berrascht, wie viele verschiedene Wege die Eltern gegangen sind, um mit der Trauer zu leben und um wieder ins Leben zur├╝ck zu finden. Da gibt es die Mutter, die sofort wieder arbeiten ging, weil sie eine feste Struktur brauchte und sagte: "Sonst w├Ąre ich verr├╝ckt geworden." Da gibt es den Vater, der sich erstmal zur├╝ckgezogen hat, weil ihm der Trubel und die Gesch├Ąftigkeit absurd vorkamen.

Eine Mutter machte gleich nach dem Tod ihres Sohnes eine Clownausbildung, eine andere k├Ąmpfte jahrelang f├╝r eine Ampel an der Stelle, an der ihr Kind t├Âdlich verungl├╝ckte. Durch all diese Schilderungen bin ich zu der ├ťberzeugung gelangt: Es gibt wohl kein Gef├╝hl, das individueller ist als Trauer. Und wer den Mut hat, sich nicht mit anderen zu vergleichen, sondern auf seine ganz eigene Art trauert, der findet den richtigen Weg. Wobei Trauer nie ganz verschwindet, auch das erz├Ąhlen alle Eltern. Der Schmerz bleibt. Er ver├Ąndert sich nur.

Es gibt ja viel Trauerliteratur: Warum dieses Buch, was war Ihnen wichtig?

In unserem Buch erz├Ąhlen Eltern sehr offen, ausf├╝hrlich und pers├Ânlich, was ihnen nach dem Tod ihres Kindes geholfen hat. Und genau dieser Fokus war uns wichtig. Was tr├Ągt, wenn eigentlich nichts mehr tr├Ągt? Das war unsere Leitfrage. Denn das war genau die Frage, die uns selbst umtrieb, als wir um unsere Kinder trauerten. Das Buch, das wir jetzt geschrieben haben, h├Ątten wir uns damals selbst gew├╝nscht. Nun hoffen wir, andere Eltern zu unterst├╝tzen, die den Verlust ihres Kindes verkraften m├╝ssen. Denn oft sind auch sie erstmal v├Âllig ratlos, wissen nicht, was sie f├╝r sich tun k├Ânnen, was ├╝berhaupt m├Âglich ist. Das Buch ist aber auch f├╝r Angeh├Ârige und Freunde gedacht. Denn auch sie sind oft unsicher: Wie k├Ânnen wir helfen?

Wie k├Ânnen Angeh├Ârige und Freunde das denn tun?

Weil Trauer so ein ausgesprochen individuelles Gef├╝hl ist, gibt es keine Liste, die man abarbeiten kann. Aber was allen hilft, ist das, was ich vorhin schon angedeutet habe: zuh├Âren, mitf├╝hlen, da sein. Immer wieder. Selbstlos und geduldig. Das ist das Wichtigste. Und zwar nicht nur in den ersten Wochen. Sondern auch noch am ersten Todestag ÔÇô und am besten noch an allen weiteren Todestagen.

F├╝r unser Buch haben wir auch Psychotherapeutin Verena Kast befragt. Sie sagt: Erst nach neun Monaten wird den Hinterbliebenen tats├Ąchlich klar, dass er oder sie wirklich nie wiederkommt. So lange dauert es, bis der Verlust durchdringt. Und genau zu diesem Zeitpunkt, also nach einem dreiviertel Jahr etwa, sagen viele Angeh├Ârige: "Nun muss aber doch mal gut sein! Das Leben geht doch weiter!" Das l├Ąuft richtig gegeneinander.

Was von Angeh├Ârigen und Freunden ebenfalls oft falsch gemacht wird, ist der ber├╝hmte Satz: "Melde dich, wenn du mich brauchst." Das ist durchaus lieb gemeint ÔÇô aber so funktioniert es leider nicht. Das ist eine ├ťberforderung. Fast so, als m├╝ssten wir bei einem Herzinfarkt auch noch unser eigener Notarzt sein.

Das hei├čt: Freunde sollten Angebote machen, sich melden, zeigen, dass sie da sein m├Âchten, und immer wieder fragen: "Was kann ich f├╝r dich tun? Willst du mit uns ins Kino gehen?" Oder: "Ich bin gerade in der N├Ąhe, wollen wir einen Kaffee trinken?" Und es nicht pers├Ânlich nehmen, wenn die Antwort "Nein" lautet. Vielleicht geht beim n├Ąchsten Mal schon mehr.

Mit dem Partner gemeinsam trauern: Wie kann das funktionieren? Kann man sich ├╝berhaupt gegenseitig helfen, wenn das Kind stirbt?

Die Trauer um ein Kind gemeinsam auszuhalten, ist schwer. Das zehrt an der Partnerschaft, einige Paare erz├Ąhlen davon in unserem Buch. Manche hat dieser Schicksalsschlag auch auseinandergerissen. Ich habe aus den Gespr├Ąchen mitgenommen, dass in der Trauer um ein Kind all das gilt, was auch sonst f├╝r eine funktionierende Partnerschaften gilt. Nur braucht man von allem eine viel gr├Â├čere Portion. Um es mit einem schlichten Beispiel zu erkl├Ąren: Der eine kann nur noch Mozart h├Âren ÔÇô der andere nur Musik von Queen aushalten. Da gibt es kein Richtig und kein Falsch, und keinen Kompromiss.

Das Einzige, was hilft, ist Respekt. Und notfalls der erforderliche Abstand, damit keiner von der Musik des anderen gest├Ârt wird - um in dem Bild zu bleiben. Und gleichzeitig sollten die Paare auch die N├Ąhe zueinander suchen und reden, reden, reden. Auch ├╝ber das, was man vielleicht kaum zu denken wagt. Blo├č nicht schweigen. Sich nicht zur├╝ckziehen und denken: Das kann ich dem anderen nicht zumuten. Denn auch das Unausgesprochene wirkt.

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