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Telefonseelsorger: "Richtig schlimm ist der zweite Weihnachtsfeiertag"

INTERVIEWDie Telefonseelsorger  

"Richtig schlimm ist der zweite Weihnachtsfeiertag"

22.12.2019, 11:28 Uhr
Telefonseelsorger: "Richtig schlimm ist der zweite Weihnachtsfeiertag". Frau sitzt alleine an einer Festtafel: Neben Einsamkeit sind Familienstreitigkeiten Themen, die an den Feiertagen bei der Telefonseelsorge aufkommen. (Symbolbild) (Quelle: Getty Images/JackF)

Frau sitzt alleine an einer Festtafel: Neben Einsamkeit sind Familienstreitigkeiten Themen, die an den Feiertagen bei der Telefonseelsorge aufkommen. (Symbolbild) (Quelle: JackF/Getty Images)

Die Feiertage verbringen viele mit ihren Liebsten. Doch es gibt auch Menschen, die das nicht können, weil sie niemanden haben. Das kann schnell auf die Stimmung schlagen. Damit es nicht zu unüberlegten Handlungen kommt, sind die Mitarbeiter der Telefonseelsorge für diese Menschen da – ehrenamtlich.

Auf dem runden Besprechungstisch steht eine große, rote Kerze mit Tannenzweigen und gelben Sternen aus Wachs. Ansonsten sieht der Raum wie ein typisches Büro aus – bis auf das frisch gemachte Bett, das neben dem Schreibtisch steht.

Uwe Müller öffnet freudestrahlend die Tür zu seinem Büro. Er ist Geschäftsführer der Telefonseelsorge Berlin-Brandenburg, seit über 30 Jahren im Amt und trägt zurzeit die Obhut für 139 ehrenamtliche Mitarbeiter. "Es ist sehr schwer, neue Telefonseelsorger zu finden", berichtet Müller mit einem Berliner Dialekt. "Vor allem in der heutigen Zeit ist eher das ’Ehrenamt to go‘ beliebt." Hierbei können Freiwillige sich spontan entscheiden, ob sie heute oder morgen kurz für ein gemeinnütziges Projekt ein paar Stunden Zeit haben. "Es ist nichts Verpflichtendes. Und genau das macht es schwer, Mitarbeiter für unsere Telefonsprechzeiten zu finden."

Der zweite Feiertag ist eher schwierig

Doch es soll beim Gesprächstermin nicht um die Probleme der Telefonseelsorge gehen. Sondern vielmehr um die Frage: "Wie sieht es an Weihnachten bei der Telefonseelsorge aus?" Ein Tag, den viele mit ihren Liebsten, Freunden oder der Familie verbringen, wenn sie denn welche haben. Denn es gibt auch zahlreiche Menschen, die einsam sind, niemanden haben, mit dem sie reden können oder wollen oder mit dem sie die Feiertage verbringen. Diese Menschen verfallen dann leichter in eine depressive Stimmung oder fokussieren sich zunehmend auf ihre Krise. Durch die Einsamkeit kann es zunehmend zu massiven psychischen und körperlichen Gesundheitsschäden kommen, wie mehrere Studien belegen. Um wenigstens mit jemandem zu reden, können sie sich dann zwar rund um die Uhr an die Telefonseelsorge wenden – aber tun sie es auch?

Info
Die Telefonseelsorge erreichen Sie kostenlos, 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr unter den Nummern 0800 – 111 0 1111 und 0800 – 1111 0 2222.

"In der Adventszeit ist es eher ruhig", so Müller. Tendenziell sei die Atmosphäre an Heiligabend und kurz vorher sogar sehr angenehm. Zusätzlich organisieren der Leiter der Telefonseelsorge und seine Sachbearbeiterin Deko und kleine Aufmerksamkeiten für die Ehrenämtler, die vor und an den Feiertagen arbeiten. Schließlich helfen die Telefonseelsorger an diesen Tagen anderen und sind nicht bei ihren Liebsten. "Viele rufen an den Tagen an, um sich für die Unterstützung der Telefonseelsorger zu bedanken und über die positiven Ereignisse seit dem Gespräch zu berichten." Er lächelt, fügt dann mit ernster Miene hinzu: "Richtig schlimm ist nur der zweite Weihnachtsfeiertag." An diesem Tag gerieten viele mit ihren Freunden und Angehörigen in heftige Auseinandersetzungen, berichtet Müller. Die unterschiedlichen Vorstellungen von Weihnachten und die Enttäuschungen, dass es doch nicht so geworden ist, wie man es sich erhofft hat, überkommen an diesem Tag viele. Da würden die Emotionen oft einfach ausbrechen. Das macht den 26. Dezember zu einem eher schwierigen Tag bei der Telefonseelsorge. "Unsere Mitarbeiter versuchen dann herauszufinden, ob es wirklich nur an den unterschiedlichen Vorstellungen liegt. Häufig steckt jedoch etwas ganz anderes dahinter.", berichtet der Berliner. Teilweise seien es durch die Medien geprägte Vorstellungen von Weihnachten, die nicht erfüllt wurden, oder die intensive Zeit, in der sich alle sehr nahe sind und sich mit sich selbst und ihren Beziehungen zueinander auseinandersetzen müssen.

Uwe Müller: Der Leiter der Dienststelle Berlin in der Kirchlichen TelefonSeelsorge in Berlin und Brandenburg berichtet über die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer.  (Quelle: Kirchliche TelefonSeelsorge in Berlin und Brandenburg)Uwe Müller: Der Leiter der Dienststelle Berlin in der Kirchlichen Telefonseelsorge in Berlin und Brandenburg berichtet über die Arbeit der ehrenamtlichen Helfer. (Quelle: Kirchliche TelefonSeelsorge in Berlin und Brandenburg)

Ein solides Fundament ist besonders wichtig

Und genau das herauszufinden, das richtige Gespür sowie eine gute Menschenkenntnis zu haben, sind wesentliche Eigenschaften von Telefonseelsorgern. Aus diesem Grund könne nicht jeder hier arbeiten, der lediglich gerne telefoniert, erklärt Müller. Bereits im Auswahlverfahren wird genau geprüft, ob jemand die geeigneten Voraussetzungen mitbringt. Anschließend erfolgt eine intensive Ausbildung, in der sich Bewerber vor allem mit sich selbst auseinandersetzen müssen. Müller ergänzt: "Nur wer ein starkes und solides Fundament hat und weiß, woran er glaubt, kann anderen helfen." Sonst könnten die Krisen anderer einen selbst schnell aus der Bahn werfen, da sie eigene, verdrängte Erfahrungen wieder in Erinnerung rufen.

Telefonseelsorger übernachten in der Dienststelle

Für dieses Ehrenamt müssen die Mitarbeiter mit Herz und Blut bei der Sache sein – und das sind sie auch. Teilweise übernachten sie sogar in der Dienststelle und fahren direkt nach ihrer Vier-Stunden-Schicht zur Arbeit. "Deswegen gibt es hier auch zwei Betten und eine Dusche", klärt der Geschäftsführer auf.

Dass die Frauen und Männer, die hier arbeiten, mit ihrem Leben zufrieden sind, ist ihnen anzusehen: Sie lächeln, wirken ausgeglichen, entspannt und fest im Leben stehend. "Anrufer spüren, ob ihr Gesprächspartner es ernst meint." Vor allem für Menschen, die schon sehr tief in einer Krise stecken oder kurz vor dem Tod stehen, sei das besonders wichtig. Denn nur, wenn der Telefonseelsorger Hoffnung für den Hilfesuchenden hat, wird mit dem Gespräch auch geholfen. Das sei der Unterschied zwischen Therapeuten und Telefonseelsorgern. Und: Telefonseelsorger dürfen gegenüber dem Anrufer klar ihre Meinung sagen. All diese Punkte machen es jedoch noch schwieriger, geeignete Mitarbeiter zu finden.

Familienkatastrophe an Weihnachten verhindern

Für die ehrenamtlichen Mitarbeiter ist Weihnachten also nicht nur trist. Damit es an den Feiertagen bei Ihnen nicht zur Familienkatastrophe kommt, hat Müller noch einen Tipp: "Sprechen Sie am besten rechtzeitig vor Weihnachten ab, was Ihre Wünsche und Erwartungen sind. Wie sieht Ihr ideales Weihnachtsfest aus? Müssen es immer die gleichen Traditionen sein oder kann es nicht auch mal anders sein?" Denn nur, weil es immer so gemacht wurde, müsse es nicht immer gut sein und von jedem gemocht werden.

Telefonseelsorge
Die Telefonseelsorge wurde 1956 gegründet. Auslöser war die hohe Suizidrate in Westberlin. Die Telefonseelsorge Berlin-Brandenburg ist kirchlich nicht gebunden und finanziert sich vor allem über private Spenden. Die Telefonseelsorge Deutschland wird unter anderem durch kirchliche Mittel finanziert. Wichtige Bestandteile der Telefonseelsorge sind: Die ehrenamtlichen Mitarbeiter am Telefon, die ständige Erreichbarkeit sowie die Anonymität sowohl der Anrufer als auch der Telefonseelsorger. Rund 139 Frauen und Männer sind für die Telefonseelsorge Berlin-Brandenburg ehrenamtlich tätig.

Vielen Dank, Uwe Müller, für das Gespräch. Und vielen Dank an die ehrenamtlichen Mitarbeiter, die 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr für Hilfesuchende da sind – auch zwischen den Jahren.

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