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Das Leid der Drogenkinder

dpa, Ruppert Mayr

Aktualisiert am 18.06.2017Lesedauer: 3 Min.
In Kinderschutzeinrichtungen finden Kinder Zuflucht, die zu Hause Gewalt, Verwahrlosung, Drogen, Alkoholismus oder sexuellem Missbrauch ausgesetzt sind.
In Kinderschutzeinrichtungen finden Kinder Zuflucht, die zu Hause Gewalt, Verwahrlosung, Drogen, Alkoholismus oder sexuellem Missbrauch ausgesetzt sind. (Quelle: Roland Holschneider)
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Die Rentenversicherung zahlt die Reha suchtkranker Menschen, die Krankenversicherung deren gesundheitliche Versorgung. Aber was, wenn diese Patienten Kinder haben?

Die Mutter trinkt. Sie sitzt apathisch auf dem Sofa. Die 15-j├Ąhrige Natalie k├╝mmert sich so gut es geht um die beiden kleineren Schwestern. Doch die Mutter gibt Natalie die Schuld an ihrer desolaten Lage. "Wegen euch Schei├č-G├Âren habe ich meinen Job verloren. ... Am besten h├Ątte ich Dich ├╝berhaupt nicht gekriegt. Dann w├Ąre Dein Schei├č-Vater auch nicht abgehauen." Die Mutter wird handgreiflich. Die Familie ist arm, sie lebt im Plattenbau. In der Schule wird Natalie gemobbt.


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Der Film "Gl├╝ck ist eine Illusion" schildert - anonymisiert - das Leben einer Jugendlichen in einer zerr├╝tteten Familie mit einer alkoholkranken Mutter. Das M├Ądchen hatte sich nach langem Zureden einer Lehrerin ge├Âffnet. Keine Frage, die suchtkranke Mutter braucht Hilfe. Und die Kinder? Sie sind nicht auf dem Radarschirm des Sozialsystems.

Medizinische Versorgung und Reha-Ma├čnahmen konzentrieren sich auf die Betroffenen, auf die Patienten. Woher auch sollen Kinder und Jugendliche wissen, wie sie mit der Sucht oder den Depressionen von Vater oder Mutter umgehen sollen? Wer sagt ihnen, dass sie nicht Schuld sind an dem Drama? Ohne Hilfe f├╝r beide Seiten kann der Teufelskreis kaum durchbrochen werden.

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Kinder von Drogenabh├Ąngigen werden oft selbst abh├Ąngig

Kinder s├╝chtiger Eltern gelten als gr├Â├čte Risikogruppe, im Laufe ihres Lebens selbst alkohol- oder drogenabh├Ąngig beziehungsweise spiels├╝chtig zu werden. Sie zeigen im Vergleich zu Gleichaltrigen deutlich h├Ąufiger Verhaltensauff├Ąlligkeiten wie Konzentrationsschw├Ąche und ├╝berm├Ą├čigen Bewegungsdrang (ADHS). Frauen aus Alkoholikerfamilien sind nach Angaben von Experten h├Ąufig selbst wieder mit Alkoholikern zusammen.

Mehr als drei Millionen Kinder und Jugendliche haben mindestens einen suchtkranken Elternteil, vor allem geht es um Alkohol (2,65 Millionen), aber auch Drogen und Spielsucht. Die Dunkelziffer ist hoch. Die Sucht der Eltern sei oft das "am besten geh├╝tete Familiengeheimnis ├╝berhaupt", bei dem auch die Kinder mitmachten, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), der dpa.

Um an betroffene Kinder ranzukommen, muss man ihre Sprache sprechen und ihre Kommunikationsmittel nutzen. "H├Ąufig ist es f├╝r einen 15-J├Ąhrigen leichter, den ersten Schritt zur Hilfe im Netz zu gehen, unter Umst├Ąnden sogar anonym", erl├Ąutert die Drogenbeauftragte. Deshalb geht gerade f├╝r Jugendliche mit suchtkranken Eltern - quasi als Soforthilfe - das bundesweite Onlineberatungsangebot "KidKit networks" an den Start.

Die Zusammenarbeit der Beh├Ârden sollte verbessert werden

Zudem sollte die Zusammenarbeit der zust├Ąndigen Beh├Ârden, insbesondere von Jugendhilfe und Suchthilfe, verbessert werden. Suchthilfe hat vor allem den Patienten selbst im Blick, nicht das (famili├Ąre) Umfeld. Und die Jugendhilfe merkt m├Âglicherweise, dass mit dem betroffenen Kind etwas nicht stimmt, erkennt aber oft die Ursachen nicht.

"Wenn ein Kind erkennbar Hilfe braucht, m├╝ssen alle an einem Strang ziehen" - Jugend├Ąmter, Suchthilfe, ├Âffentlicher Gesundheitsdienst vor Ort. In Dresden etwa "beginnt die Zusammenarbeit schon in der Geburtsklinik: Wenn auff├Ąllt, dass Eltern suchtkrank sind, dann informiert das Krankenhaus das Jugendamt und die Suchthilfe. Dann schauen alle gemeinsam, wie man der Familie von Beginn an zur Seite stehen kann", erz├Ąhlt Mortler und w├╝rde sich eine solche Kooperation ├╝berall w├╝nschen.

In Baden-W├╝rttemberg und Bayern gibt es eine Initiative Schulterschluss, die Beteiligte zusammenbringen und bei der Bildung tragf├Ąhiger Netzwerke f├╝r betroffene Familien unterst├╝tzen will. Zwischen 150 000 und 200 000 Euro liegen die Kosten f├╝r eine solche Initiative. Das kann sich eigentlich jedes Bundesland leisten.

Jedes Jahr werden 160 000 Kinder in suchtbelastete Familien hineingeboren

Aber auch der Bund ist gefordert: Zwischen den S├Ąulen des Sozialsystems m├╝ssen Br├╝cken gebaut werden, fordert Mortler. So finanziert die Rentenversicherung zwar die Reha der Eltern und die Krankenkassen Gesundheitsbehandlungen. F├╝r die Kosten der Hilfe f├╝r deren Kinder f├╝hlt sich aber keiner richtig zust├Ąndig.

Mortler hat in diesem Jahr Kinder aus suchtbelasteten Familien zu einem Schwerpunktthema ihres Drogen- und Suchtberichts gemacht. Am Montag spricht sie in Berlin auf einer Tagung mit Fachleuten und Betroffenen dar├╝ber. Noch im Juni soll es zu einer Entschlie├čung des Bundestages kommen, die die Bundesregierung zum raschen Handeln auffordert. "Wir k├Ânnen es uns als Gesellschaft nicht leisten, wenn jedes Jahr ├╝ber 160 000 Kinder in suchtbelastete Familien hineingeboren und ihrem Schicksal ├╝berlassen werden", mahnt Mortler.

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