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"Gewalthaltige Songtexte können aggressive Gedanken fördern"

INTERVIEWWie Songtexte auf Jugendliche wirken  

"Gewalthaltige Songtexte können aggressive Gedanken fördern"

Ein Interview von Claudia Hamburger

19.04.2018, 11:57 Uhr
"Gewalthaltige Songtexte können aggressive Gedanken fördern". Junge Menschen feiern auf einem Konzert: Musik dient Jugendlichen unter anderem dazu, die eigene Identität zu finden und eine Gruppenzugehörigkeit zu stärken. (Quelle: Getty Images/dwphotos)

Junge Menschen feiern auf einem Konzert: Musik dient Jugendlichen unter anderem dazu, die eigene Identität zu finden und eine Gruppenzugehörigkeit zu stärken. (Quelle: dwphotos/Getty Images)

Die Diskussion um den Echo-Eklat um Farid Bang und Kollegah ist noch nicht vorbei. Da kommt auch die Frage ins Spiel, was für eine Wirkung solche Songtexte auf Jugendliche haben. Medien- und Musikwirkungsforscher Holger Schramm von der Universität Würzburg erzählt im Interview, was die Forschung dazu herausgefunden hat, welche Funktionen Musik haben kann und was er den Echo-Veranstaltern geraten hätte.

t-online.de: Wie sehr werden Jugendliche von Songtexten beeinflusst?

Holger Schramm: Das kann man natürlich nicht verallgemeinern, aber eine potenzielle Beeinflussung darf nicht unterschätzt werden. Einstellungen, Werte und Persönlichkeitsstrukturen sind bei Jugendlichen noch nicht gefestigt, können leichter beeinflusst werden als bei Erwachsenen. Dazu kommt: Jugendliche schreiben Musik in der Regel eine höhere Bedeutung für ihren Alltag, für ihr Leben und ihre Identität zu – ein fruchtbarer Nährboden also für potenziell starke Wirkungen der Songtexte, vorausgesetzt, sie werden verstanden (was bei englischen Texten oft nicht der Fall ist). Deutsche Songtexte sind also besonders wirkmächtig.

Können sich diese auch auf die Weltanschauung Jugendlicher auswirken?

Ja, insbesondere wenn Jugendliche immer wieder Texten mit gleichlautenden Aussagen ausgesetzt sind und wenn ihre persönlichen Lebenserfahrungen diese Aussagen nicht entkräften beziehungsweise ihnen entgegenwirken. Man spricht hier vom sogenannten Kultivierungseffekt.

Also können gewaltverherrlichende Songtexte auch aggressives Verhalten fördern?

Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass gewalthaltige Songtexte aggressive Gedanken und Assoziationen fördern können – und von einem aggressiven Gedanken bis zu einem aggressiven Verhalten ist es manchmal nur ein kleiner Schritt. Aber: Es handelt sich hier nicht um einen Automatismus!

Oder werden hier Ursache und Wirkung verwechselt: Fühlt sich ein Jugendlicher vielleicht zu einem aggressiven Lied hingezogen, weil ein Thema des Songtextes zu seiner Lebenswelt passt?

Auch diese Ursache-Wirkungs-Richtung ist plausibel und lässt sich auf Basis der soziologischen Forschung untermauern. Die Kernursache für aggressives Verhalten liegt dann nicht in gewaltverherrlichenden Songtexten, sondern primär im problematischen sozialen Umfeld der Jugendlichen.

Sie haben auch zur Wirkung von prosozialen Songtexten – also solchen, die ein hilfsbereites Verhalten thematisieren – geforscht. Können diese ein entsprechendes Verhalten fördern?

Ja, prosoziale Songtexte können – vor allem über das Appellieren an Schuldgefühle – produktive positive Gedanken, Mitgefühl und Hilfeverhalten hervorrufen. Aber auch hier gilt: Es ist kein Automatismus! Sowohl die negativen als auch positiven Wirkungen von Songtexten sind stets an zahlreiche Randbedingungen geknüpft. Eine reine Stimulus-Response-Logik würde der Problematik nicht gerecht werden.

Kann auch Musik an sich, unabhängig vom Text, gewaltfördernd sein?

Musik kann allein aufgrund ihrer musikalischen Merkmale – Instrumentierung und Klangfarben, Rhythmus, Tempo, Harmonik und Melodie – bei bestimmten Konstellationen körperlich stark aktivierend beziehungsweise erregungsfördernd wirken. Rammstein beispielsweise produzieren in dieser Hinsicht sehr wirkungsvolle Musik. Hieraus allerdings gleich ein erhöhtes Aggressions- oder gar Gewaltpotenzial abzuleiten, würde zu weit führen, denn wir wissen von solcher Musik, dass sie sogar stress- und aggressionsabbauend wirken kann.

Holger Schramm, Jahrgang 1973, ist Professor für Medien- und Wirtschaftskommuniktation am Institut Mensch-Computer-Medien der Universität Würzburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Rezeption und Wirkung von Musik und Medien.

Gewaltverherrlichend, antisemitisch, homophob, frauenverachtend – Sprechen solche Texte viele Jugendliche an?

Aus der Forschung wissen wir, dass die meisten Jugendlichen solche Texte ablehnen. Es gibt natürlich Jugendliche, bei denen solche Texte auf fruchtbaren Boden fallen. Die haben dann nicht selten ein Problem mit sich selbst oder ihren Mitmenschen oder ihrer Umwelt. Sie sind unzufrieden, leiden mitunter an niedrigem Selbstwertgefühl und versuchen über das Identifizieren mit Songtexten, in denen andere Menschen ausgegrenzt werden, sich selbst zu erhöhen und besser zu fühlen.

Machen sich alle Jugendliche einen Kopf um Songtexte oder konsumieren sie sie nicht auch oft unkritisch?

Auch das ist oft der Fall. Viele Jugendliche machen sich wenig bis keine Gedanken über die Bedeutung der Texte. Wichtiger ist für sie eher, ob die Texte ihrer Sprachwelt entstammen, ob sie ihren Jugend-Slang inspirieren können.

Welche Funktionen hat Musik im Alltag Jugendlicher?

Die zentralen Funktionen sind: die eigene Identität finden und stärken, Gruppenzugehörigkeit stärken, sich von anderen Jugendlichen und den Eltern abgrenzen, Selbstdarstellung, Stimmungszustände und -schwankungen regulieren, Entspannen und Abreagieren, träumen, sich emotional fallen lassen und – häufig als lästig empfundene oder monotone – Tätigkeiten begleiten.

Sie haben unter anderem das Abreagieren angesprochen. Können Rap und Hip Hop also anstatt Gewalt zu fördern eben auch ein Ventil darstellen, um Aggressionen zu verarbeiten?

Auch das ist möglich und durchaus plausibel – nicht nur bei Rap und Hip Hop. Allerdings stellt sich bei dieser Art von Katharsis-Effekt die Frage, wie konstruktiv und nachhaltig die Aggression verarbeitet und abgebaut wird. Wenn die Songtexte allerdings gewaltverherrlichend sind, kann es mit der konstruktiven Aggressionsverarbeitung eher schwierig werden.

Professor Holger Schramm von der Universität Würzburg forscht unter anderem zu Musik, Medien und Unterhaltungskommunikation. (Quelle: Universität Würzburg)Professor Holger Schramm von der Universität Würzburg forscht unter anderem zu Musik, Medien und Unterhaltungskommunikation. (Quelle: Universität Würzburg)

Was hätten Sie den Echo-Veranstaltern beziehungsweise dem Echo-Ethikrat in Bezug auf Farid Bangs und Kollegahs Song vorab geraten?

Die Verantwortlichen haben ihre Entscheidung vor allem damit legitimiert, dass beim Echo in den meisten Kategorien die wirtschaftlich erfolgreichste Musik auf Basis von Abverkaufszahlen ausgezeichnet wird – egal, wie man zu ihren Inhalten/Texten steht. Die Frage ist: Wozu braucht es dann aber einen Ethik-Beirat? Und: Wären damit nicht die Schranken für die sogenannte Kunstfreiheit komplett aufgehoben? Für mich ist der Fall hier ganz klar: Gepflogenheiten im Battle-Rap hin oder her – die Songtexte, um die es hier geht, sind in vielerlei Hinsicht über die Grenze des Zumutbaren und Tolerierbaren hinausgeschossen. Ich hätte den Verantwortlichen geraten, mutiger zu handeln. Mindestens das medial-öffentliche Abfeiern mit einem Preis und der Auftritt der beiden hätten verhindert werden müssen.

Sollten viel mehr Songs aufgrund ihrer Texte indiziert / zensiert werden?

Das würde ich pauschal nie so einfordern. Man muss genau hingucken und im Einzelfall entscheiden. Im Zweifel würde ich jedoch immer eher indizieren als nicht indizieren beziehungsweise den Schutz der Jugendlichen über die Kunstfreiheit stellen. Das sage ich aber als Medienwirkungsforscher, für Juristen ist es da sicher nicht ganz so einfach.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schramm.


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