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Alltag von Senioren im Gefängnis: Haftplätze sind knapp

Alt werden im Knast  

Alltag von Senioren im Gefängnis: Haftplätze sind knapp

30.09.2018, 09:00 Uhr | dpa

Alltag von Senioren im Gefängnis: Haftplätze sind knapp. Senioren im Gefängnis (Quelle: dpa/Guido Kirchner)

Zeit in der Zelle: Der 64-jährige Häftling Siegfried L. liest gern in seiner Gefängniszelle der Abteilung für lebensältere Inhaftierte in der JVA Bielefeld-Senne. (Quelle: Guido Kirchner/dpa)

Hinter Gittern wächst die Zahl der Senioren. Die JVA Bielefeld-Senne ist europaweit die größte Anstalt im offenen Vollzug und hat sich mit speziellen Abteilungen auf die Gruppe 60plus eingestellt. Auch Ex-Topmanager Thomas Middelhoff war hier inhaftiert. So sieht der Alltag im Gefängnis aus.

Siegfried L. ist 64 Jahre alt und war schon so oft im Knast, dass er mit dem Zählen aufgehört hat. "Zusammengerechnet komme ich so etwa auf zwölf Jahre Haft." Immer wieder ging es um Drogen. Raus, wieder rein. Nun sitzt er – wegen Urkundenfälschung – in einer speziellen Seniorenabteilung im ostwestfälischen Bielefeld-Senne, in der größten JVA des offenen Vollzugs in Europa. Und nirgendwo in Deutschland hat ein Gefängnis mehr Plätze in Abteilungen eigens für Ältere eingerichtet. "Die Gefangenen sind hier ruhiger, viele auch kränker. Die medizinische Versorgung ist wichtig", erzählt der 64-Jährige, der schon drei Herzinfarkte hatte.

Senioren im Gefängnis (Quelle: dpa/Guido Kirchner)Ferne Freiheit: Der 64-jährige Häftling Siegfried L. musste immer wieder wegen Drogen in Haft. Raus, wieder rein. Nun sitzt er wegen Urkundenfälschung. (Quelle: Guido Kirchner/dpa)

"Bedarf an altengerechten Haftplätzen wird weiter steigen"

"Die Zahl der alten Menschen im Vollzug ist stetig gewachsen, und der Bedarf an altengerechten Haftplätzen wird weiter steigen", sagt die Leiterin der JVA Bielefeld-Senne, Kerstin Höltkemeyer-Schwick. Die Seniorenabteilung ist mit 87 Plätzen auf die spezielle Klientel ab 60 Jahre zugeschnitten.

Eine keinesfalls homogene Gruppe: "Unter den lebensälteren Häftlingen sind viele Betrugsdelikte vertreten. Zu uns wechseln aber auch schwere Straftäter, um im offenen Vollzug auf die Freiheit vorbereitet zu werden." Stellvertreter Rolf Bahle ergänzt: "Manche kommen auf 30, 40 Jahre Haft." Andere landeten dagegen erstmals im Rentneralter in der JVA Senne, zu der 16 Außenstellen und ein weiteres Hafthaus in Bielefeld gehören.

Senioren im Gefängnis (Quelle: dpa/Guido Kirchner)Ältere Insassen sind oft kränker als junge: Anstaltsarzt Dr. Uwe Tamm (r.) misst an dem 64-jährigen Häftling Siegfried L. den Blutdruck. (Quelle: Guido Kirchner/dpa)

Prominenter 60plus-Häftling: Topmanager Thomas Middelhoff

Der wohl prominenteste 60plus-Häftling dort war der frühere Topmanager Thomas Middelhoff. In der Seniorenabteilung verbüßte der Ex-Konzernlenker seine Strafe wegen Untreue, bis er als 64-Jähriger Ende 2017 wieder auf freien Fuß kam. Aktuell sind unter bundesweit 52.000 Strafgefangenen zwar nur vier Prozent über 60 Jahre alt. Aber laut Statistik waren es 2003 erst gut zwei Prozent. Der Bund der Strafvollzugsbediensteten sieht in einigen Bundesländern wachsenden Bedarf für Seniorenvollzug. BSBD-Chef René Müller betont: "In der Regel sind Gefangene im hohen Alter pflege- und betreuungsintensiver." Personal- und Kostenaufwand seien groß.

Senioren im Gefängnis (Quelle: dpa/Guido Kirchner)Der 59-jährige Häftling Karl-Heinz D. arbeitet in der Gärtnerei in der JVA Bielefeld-Senne. (Quelle: Guido Kirchner/dpa)

WC-Sitze und Betten sind erhöht, spezielle Haltegriffe

Wie sieht der JVA-Alltag der Betagten in Senne aus? Bei allen Besonderheiten und Lockerungen gilt: "Es bleiben Straftäter und natürlich sind sie ihrer Freiheit beraubt", wie Höltkemeier-Schwick klarstellt. In zwei Abteilungen sind nur Senioren untergebracht, in einem dritten Flur sind Alt und Jung gemischt. Die Duschen haben besondere Haltegriffe, WC-Sitze sind erhöht, die Betten ebenso.

Arbeit in Gärtnerei, Tischlerei oder Schlosserei ist Pflicht bis 65 Jahre. "Wer älter ist und noch kann und will, wird ebenfalls eingesetzt – was recht gefragt ist", schildert Detlev Schlingmann, Bereichsleiter der Seniorenabteilung. Um 6.00 Uhr werden die Hafträume aufgeschlossen, die Verurteilten können sich auf dem Gelände frei bewegen. Manche dürfen auf Antrag ein paar Stunden alleine raus. "Um 21.00 Uhr ist Nachzählkontrolle, dann Einschluss."

Senioren im Gefängnis (Quelle: dpa/Guido Kirchner)Arbeit hinter Gittern: Der 58-jährige Häftling Uwe repariert in der Werkstatt ein Fahrrad. (Quelle: Guido Kirchner/dpa)

"Nicht so viel Gebrüll wie bei den Jüngeren"

Siegfried L. sagt: "Die meisten Älteren ziehen sich abends früh zurück, die brauchen Ruhe." Er hatte mit gefälschten Diplomen in der Drogentherapie gearbeitet, wurde wegen Betrugs verurteilt. "Hier ist nicht so viel Gebrüll wie in den Abteilungen mit Jüngeren." Insasse Uwe – nach einem Steuerdelikt in Haft – ist ausnahmsweise wegen eines Bandscheibenvorfalls schon mit 58 Jahren bei den Senioren. Und froh darüber. Hier könne er aktiv in einer Fahrradwerkstatt sein und sei vor allem medizinisch gut versorgt.

Die Menschen altern in der Haft schneller, beobachtet JVA-Arzt Uwe Tamm. "Wir haben hier multimorbide, schwer kranke Patienten." Sie kommen mit Lungen-, Herz- oder Kreislauferkrankungen, Hepatitis C oder Diabetes. Die Betreuung bei altersbedingten Krankheiten werde in der Seniorenabteilung großgeschrieben. Bei Pflegebedarf oder Demenz müssen die Häftlinge aber in andere spezialisierte Häuser außerhalb der JVA Senne wechseln.

Senioren im Gefängnis (Quelle: dpa/Guido Kirchner)Vom Leben gezeichnet: Der 81-jährige Häftling Werner R. nutzt den Freiraum, um Bücher aus der JVA-Bibliothek zu lesen. (Quelle: Guido Kirchner/dpa)

Sozialdienst und Seelsorge haben viel zu tun

Werner R. (81) erzählt: "Ich kann jeden Tag Sport machen und mich so körperlich fit halten." Außerdem nutze er den Freiraum, um Bücher aus der JVA-Bibliothek zu lesen. Geistiges Training. Längst nicht allen geht es so, weiß Schlingmann: "Wir haben hier 60-Jährige, die sind total kaputt." Kollege Jörg Reinhold sagt: "Manche sind geprägt von langen Knastjahren, eine schwierige Klientel. Auch bei den Älteren gibt es körperliche Auseinandersetzungen."

Sozialdienst und Seelsorge haben viel zu tun: "Es gibt alle Extreme. Die sozialen Unterschiede sind riesig. Einige sitzen hier in Anstaltskleidung, andere im Designeranzug", schildert Seelsorgerin Daniela Bröckl. Vielen fehle jede Perspektive für die Zeit danach – ein Job komme altersmäßig nicht mehr in Frage, von der Familie sei womöglich keiner mehr übrig, ein Heimplatz nicht in Sicht. Die JVA-Leiterin sagt: "Einzelne wissen nicht, was sie im hohen Alter draußen noch anfangen sollen. Einer lässt sich nach jeder Entlassung wohl extra beim Diebstahl erwischen, um wieder hier zu landen."

Verwendete Quellen:
  • dpa

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