Es drohen Vereinsamung und Verwahrlosung

Sexsucht: Das können Sie tun, wenn die Lust zur Krankheit wird

19.05.2019, 17:33 Uhr | jb, t-online.de, dpa-tmn, sah

Geschlechtsverkehr: Sexsüchtige suchen immer wieder den ganz besonderen Kick, fühlen sich dabei aber leer – mit Nähe, Liebe und Zweisamkeit hat das nicht mehr viel zu tun. (Quelle: zerocreatives/Westend61/dpa/tmn)

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Sexsucht ist kein harmloses Phänomen. Betroffene sollten sich Hilfe suchen – und die Ursache für ihr ausschweifendes Verhalten ergründen.

Wenn Sex nicht mehr zur schönsten Nebensache der Welt, sondern es zu einem krankhaften Verlangen wird, einen Orgasmus zu bekommen, kann es sich um eine Sexsucht handeln.

So erkennen Sie, ob Sie sexsüchtig sind

Alles dreht sich zunehmend nur um eins: Sex, Sex und noch mal Sex. Das Verlangen danach nimmt derart überhand, dass jede Gelegenheit genutzt wird: ausschweifende sexuelle Fantasien, die von der Arbeit abhalten, Telefonsex, der ins Geld geht oder ständig wechselnde Sexualpartner.

Zwölf Sex-Mythen

Mythos 1: Nur Frauen können einen Orgasmus vortäuschen. Das ist falsch. Mit etwas Geschick schafft das auch jeder Mann. Denn Sperma ist nur dann ein Zeichen für einen Orgasmus, wenn man es sieht. Das heißt: Wenn sein Penis in der Vagina ist, ist es für Frauen schwer zu sagen, ob er tatsächlich einen Samenerguss hatte. Selbst ein Kondom können Männer unauffällig verschwinden lassen, um einen fingierten Orgasmus zu vertuschen. (Quelle: L.Hagens: "Je kürzer, desto besser) (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mythos 2: Enthaltsamkeit steigert die Lust. Das klappt nicht. Enthaltsamkeit hat keine direkte Auswirkung auf die sexuelle Lust. Zwar ist es besonders in glücklichen Beziehungen möglich, dass eine erzwungene Sex-Abstinenz die Lust auf den anderen steigert. Sie kann aber auch dazu führen, dass die Libido ganz verschwindet, wenn man zu lange wartet. (Quelle: L.Hagens: "Je kürzer, desto besser") (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mythos 3: Männer wollen und können immer. Auch wenn wissenschaftliche Studien ergeben, dass viele Männer alle paar Minuten an Sex denken - nur die wenigsten wollen das gleich in die Tat umsetzen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mythos 4: Männer bekommen bei Sex-Entzug einen Samenstau. Das ist falsch. Zwar steigt die Spermienzahl in den ersten fünf Tagen nach einem Samenerguss an, bis sie wieder ihr Durchschnittsniveau erreicht hat. Das Reservoir, in dem die Spermien gespeichert werden, ist aber nicht wie ein Stausee ohne Abfluss. Vielmehr vernichtet der Körper unbrauchbare Spermien. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mythos 5: Alle Frauen haben einen G-Punkt. Das ist wahr und sogar wissenschaftlich erwiesen. Die sogenannte Gräfenberg-Zone liegt etwa drei bis fünf Zentimeter hinter dem Scheideneingang an der Vorderwand der Vagina und ist etwas rauer als das übrige Gewebe. Doch nicht jede Frau reagiert auf die Berührung des G-Punktes mit Erregung. Ihn zu finden, ist deshalb schwierig. (Quelle: L.Hagens: "Je kürzer, desto besser") (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mythos 6: Je länger der Penis, desto besser der Sex. Das stimmt nicht. Die Länge des Penis ist - solange er nicht extrem kurz ist - nicht für guten Sex verantwortlich. Das liegt unter anderem daran, dass die Scheide in ihrem vorderen Drittel am empfindsamsten ist, ein großer Penis steigert Erregbarkeit also nicht. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mythos 7: Wie die Nase eines Mannes ... Diese Volksweisheit die verspricht, dass sich die Penislänge an der Nase eines Mannes ablesen lässt, ist falsch. Das haben Wissenschaftler herausgefunden. Demnach gibt es keinen Zusammenhang zwischen der Größe, der Form und der Länge einer Nase und den Maßen des männlichen Glieds. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mythos 8: Sex wird mit dem Alter unwichtig. Diesem Irrtum erliegen vor allem junge Menschen. Tatsächlich sind viele Ältere sexuell noch aktiv. Was sich im Alter allerdings ändert, ist die die Sex-Häufigkeit und die Empfindungen beim Liebesspiel: Ältere haben zwar nicht mehr so oft Sex, dafür nehmen sie ihn als befriedigender wahr als früher. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mythos 9: Frauen wollen nur Kuschelsex. Falsch! Dieser Mythos basiert auf den unterschiedlichen Erregungskurven von Männern und Frauen: Männer können sehr schnell sehr erregt sein, bei Frauen steigt die Erregung langsamer. Das Vorspiel nimmt bei ihnen deshalb einen so hohen Stellenwert ein. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mythos 10: Exotische Stellungen sorgen für den ultimativen Kick. Jein. Viele Stellungen sehen in Büchern leichter aus, als sie es sind. In der Praxis führen sie allerdings oft zu verrenkten Armen und Beinen, Zerrungen oder Rückenproblemen. Das liegt zum Beispiel daran, das die Oberschenkel und der Rumpf bei Männern und Frauen nicht gleich lang sind. Hinzu kommt, dass viele nicht gelenkig genug sind, um in die gewünschte Position zu kommen. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mythos 11: Normal sind dreimal Sex pro Woche. Das stimmt nicht. Es gibt keine allgemeingültige Antwort darauf, wie viel Sex normal ist. Für manche sind dreimal Sex in der Woche zu viel, andere wünschen sich ein tägliches Liebesspiel. Hinzu kommt, dass das Bedürfnis nach Sex schwankt. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mythos 12: Mit dem richtigen Partner klappt es im Bett ganz automatisch. Dies ist einer der am weitesten verbreiteten Sex-Mythen. Dass mit der großen Liebe im Bett alles klappt, ist natürlich nicht ausgeschlossen. Doch oft stimmen die sexuellen Wünsche beider Partner nicht völlig überein. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Mythos 13: Männer trennen Sex und Liebe, Frauen nicht. Das ist ein Irrtum. Auch wenn für Frauen bei der Entscheidung, mit wem sie ins Bett gehen, Gefühle eine wichtige Rolle spielen: Sie sind genauso wie Männer dazu in der Lage, Sex und Liebe zu trennen. Dies zeigt zum Beispiel die Tatsache, dass Frauen fast genauso oft fremdgehen wie Männer und trotzdem bei ihrem Partner bleiben. (Quelle: Thinkstock by Getty-Images)

Aber trotz allem fühlt sich der Betroffene immer weniger befriedigt. Er fühlt sich schlecht, innerlich leer – und leidet. Ungeachtet dessen sucht er weiter den ganz besonderen Kick. Womöglich ist er sexsüchtig.

Häufige Symptome auf einen Blick
1. Gegen negative Stimmungen wird sexuelle Erregung als positives Gefühl gesetzt.
2. Kontrollverlust über das eigene, sexuelle Verhalten.
3. Dem Zwang nach zu geben beeinflusst sowohl das Familien- und Sozialleben als auch das Arbeitsleben.

Symptome der Sexsucht

Die Sucht äußert sich darin, dass jemand längerfristig die Kontrolle über sein sexuelles Verhalten verliert und trotz negativer Konsequenzen nicht von der Abhängigkeit loskommt. Der Betroffene vernachlässigt Beruf, Partnerschaft, Familie und Freunde. So kann eine bestehende Beziehung ins Wanken geraten. Teilweise riskiert der Betroffene sogar den Verlust seines Arbeitsplatzes, beispielsweise wenn er wegen seines exzessiven sexuellen Verhaltens seine Pflichten im Job vernachlässigt. Darüber hinaus drohen dem Betroffenen Vereinsamung und Verwahrlosung.

Innere Leere wird mit Sex ausgeglichen

Wie viele Menschen in Deutschland unter Sexsucht leiden, ist nicht bekannt. Schätzungen gehen von Hunderttausenden aus. Vermutet wird, dass es eher Männer als Frauen trifft. Für Betroffene hat sexuelle Betätigung die gleiche Funktion wie für Alkoholiker das Trinken von Alkohol.

Negativen Gefühlen wie etwa innere Leere, Halt- und Perspektivlosigkeit oder auch Langeweile wird sexuelle Erregung als positives Gefühl entgegengesetzt. Auf diese Weise würden im Körper Stoffwechselveränderungen ausgelöst, die kurzzeitig eine Stimmungsaufhellung bewirken und negative Gefühle überlagern.

Dosissteigerung keine Seltenheit

Von Dauer ist das indes nicht. Aber nicht nur das. Irgendwann wird das intensive Lustgefühl, das man anfangs beim "Problemlösen mit Sex" erlebt hat, nicht mehr erreicht. Daher werden die sexuellen Aktivitäten fortwährend wiederholt und teils auch gesteigert. Das intensive Lustgefühl bleibt indes aus. Das führt zu Frust und Dosissteigerung – und vor allem: Das zugrunde liegende Problem bleibt bestehen.

Offizielle Definition der WHO 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat in ihrer Klassifikation von Erkrankungen (ICD-11) zwanghafte sexuelle Störungen als Impulskontrollstörung aufgenommen. Die Aufnahme ist das offizielle Register macht es vor allem für Betroffene einfacher, sich Hilfe bei einem Therapeuten zu holen.

Das zwanghafte Sexualverhalten macht sich laut WHO beispielsweise durch übermäßigen Pornokonsum oder auch Telefonsex bemerkbar. Verspüren Betroffene nicht kontrollierbare, intensive Sexualimpulse, die regelmäßig auch in kurzen Abständen wiederkommen und beeinflusst dieser Zwang sowohl ihr Familien- als auch ihr Arbeits- und Sozialleben, kann es sich um Sexsucht handeln. Wichtig ist zudem, dass das Verlangen über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten anhält. Eine moralische Missbilligung des Verhaltens allein reiche für die Einstufung nicht aus, betont die WHO in ihrer Definition explizit.

Einige Fachleute fügen noch hinzu, dass das sexuelle Verlangen krankhaft zusätzlich einen Leidensdruck auslöst. Dieser kann sich neben innerer Leere auch in Scham und Selbstverachtung äußern.

Entzugserscheinungen bei Verzicht auf Sex

Wird auf Sex verzichtet, dann kommt es zu regelrechten Entzugserscheinungen mit Nervosität, Depressivität und Aggressivität. Durch Sex-Abstinenz wird das Problem nicht behoben. Stattdessen muss nach einer ursachenbezogenen Lösung gesucht werden. Andernfalls werde, laut Experten, die Sucht nur versteckt, aber nicht gemindert.

Professionelle Hilfe suchen sich Betroffene oft erst dann, wenn der Leidensdruck nicht mehr auszuhalten ist. Hinweise, wo es Unterstützung gibt, geben Experten in Beratungsstellen wie etwa Pro Familia. Eine einheitliche Therapie gibt es nicht.

Therapie bei Sexsucht

Die Behandlung eines Sexsüchtigen hängt dabei immer vom Einzelfall ab. Bei der Therapie wird untersucht, welche konkreten Probleme mit dem exzessiven Sexualverhalten verdeckt werden. Vielleicht fühlt sich der Betroffene benachteiligt oder nicht wertgeschätzt, vielleicht ist er arbeitslos und depressiv. Eine Psychotherapie kann dann helfen, dem Betroffenen eine neue Lebensperspektive aufzuzeigen.

Der Betroffene soll über die Therapie die Kontrolle über sein sexuelles Verhalten erlangen. Liegt die Ursache für die Sucht darin, dass der Betroffene nicht die Nähe eines festen Partners oder einer festen Partnerin zulassen kann, dann können mitunter sogenannte Intimitätstrainings helfen. Grundsätzlich gilt: Im Gegensatz zu einer Alkohol- oder Drogensucht geht es bei der Sexsucht jedoch nicht darum, dass der Betroffene abstinent wird.

Hypersexualität, Nymphomanie und Sexsucht

Das gesteigerte, sexuelle Verlangen wird in der Medizin auch als Hypersexualität bezeichnet – der Begriff wird synonym zu Sexsucht verwendet.



Nymphomanie beschreibt hingegen das stark gesteigerte sexuelle Verlangen von Frauen. Hier spielt zudem noch ein häufiger Partnerwechsel mit ein. Bei Männern wird diese Form des Verlangens eher als Satyriasis oder auch Donjuanismus bezeichnet. Die Begriffe Nymphomanie und Satyriasis werden nur im Volksmund gebraucht. Sie bezeichnen ein gesteigertes, sexuelles Verlangen, das offenkundig kommuniziert und ausgelebt wird. Es ist allerdings – im Gegensatz zur Sexsucht – kein zwanghaftes oder krankes Verhalten.

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur dpa-tmn
  • psychologietherapie.at
  • netdoktor.at
  • eigene Recherche


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