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Coronavirus und Liebesleben: Beim Date sind Masken die neuen Kondome

MEINUNGKolumne "Lust, Laster und Liebe"  

Beim Date sind Masken die neuen Kondome

Coronavirus und Liebesleben: Beim Date sind Masken die neuen Kondome. Mund-Nasen-Schutz: Die Bedeckung verringert die Ansteckungsgefahr für andere, ist beim Flirten jedoch etwas hinderlich. (Quelle: Getty Images/Sisoje)

Mund-Nasen-Schutz: Die Bedeckung verringert die Ansteckungsgefahr für andere, ist beim Flirten jedoch etwas hinderlich. (Quelle: Sisoje/Getty Images)

Dating-Apps und -Plattformen verzeichnen seit der Kontaktsperre einen stärkeren Zulauf. Aber ist jetzt überhaupt die richtige Zeit für die Suche nach einem neuen (Sexual)-Partner? Schließlich sollte man, wenn möglich, zu Hause bleiben und bei Kontakt mit anderen einen Mindestabstand von 1,5 Metern einhalten.

Frei und abwechslungsreich – so ein Singleleben ist wunderbar. Nur nicht zu Zeiten von Corona und Kontaktsperren. Neue Leute kennenlernen? Etwas erleben? Momentan kaum möglich.

Diese ungewollte Einsamkeit kann Alleinlebende richtig runterziehen. Sie bereitet ihnen laut einer Parship-Umfrage sogar Angst. Kein Wunder also, dass Onlinedating seit Wochen so begehrt ist wie nie. Ist es trotz der Einschränkungen sinnvoll, sich anzumelden?

"Jetzt ist die Auswahl doch am größten, weil sich total viele anmelden", ist auch das Argument meines Kumpels Martin, während der Corona-Krise erst recht via App auf die Suche nach einem Partner zu gehen. "Viele Frauen, die sonst immer total beschäftigt sind, haben nun keine Ablenkung mehr und merken, dass ihnen etwas fehlt. Also melden sich nun auch diejenigen an, die Dating-Apps nie benutzen würden", versuchte er mich zu überzeugen.

Masken beim ersten Date?

Vielleicht hat Martin recht. Die Auswahl an Singles scheint größer und somit auch die Chance, jemanden kennenzulernen, der sich hier sonst nicht herumtreibt. Von meiner Neugier motiviert reaktiviere ich noch am selben Tag mein altes Profil und bin tatsächlich überrascht, wie groß anscheinend die "Auswahl" ist. Zu Matches und längeren Chats kommt es zurzeit wesentlich schneller als noch vor einigen Monaten. Dabei fällt mir auf, dass viele tatsächlich nur eine Ablenkung beziehungsweise einen Chatpartner suchen – anders als sonst, wo doch gefühlt schon in der zweiten Nachricht nach einem Date gefragt wird.

León – einer meiner Chatpartner – scheint etwas anders gestrickt zu sein. Zwar sei er sich der Umstände bei der Partnersuche aufgrund der aktuellen Situation bewusst. Wenn er chatten wolle, könne er dies aber auch mit seinen Freunden tun. Ehrlichkeit finde ich oft wesentlich sympathischer.

Nach mehreren Tagen mit langen Chats und Telefonaten beschließen wir, uns trotz der Kontaktsperre zu treffen. "Wir können Masken tragen und dabei nebeneinander mit Mindestabstand joggen", scherzt León.

Dates trotz Social Distancing kein Problem?

Anstatt zu joggen, entscheiden wir uns für einen Spaziergang durch den Tiergarten – hier gibt es schließlich ausreichend Platz. Doch schon die Begrüßung ist komisch: Das "Hi" von Weitem wirkt eher wie der Gruß für einen fernen Bekannten. Und das verunsichert uns beide. Schließlich hatten wir schon viele intensive Gespräche hinter uns. Gebrochen wird das Eis durch in Folie verpackte Mund-Nasen-Schutze aus Stoff, die León aus der Tasche holt: "Ich habe dir einen mitgebracht. Nur für den Fall, dass dir das lieber ist." Lachend zieh ich ebenfalls zwei Exemplare aus meiner Tasche. Die Situation erinnert mich an meine Jugend, als man noch Kondome zum Date mitgebracht hat, um zu zeigen, dass man sexuell aufgeklärt ist und entsprechende Vorkehrungsmaßnahmen getroffen hat. Wir versuchen aber erst einmal, unser Date ohne Masken zu verbringen. Sonst bleibt nicht nur die Chance, sich irgendwie körperlich anzunähern, sondern auch die Möglichkeit visueller Flirtversuche mittels Mimik auf der Strecke.

Nach kurzer Zeit weicht die anfängliche Schüchternheit der über die Tage aufgebauten Vertrautheit. Die Gespräche sind locker, lustig und intensiv. Sind Dates trotz Social Distancing also kein Problem? Doch!

Denn je länger wir durch den Park laufen, desto geringer wird der Mindestabstand zwischen uns. Und je mehr Zeit wir miteinander verbringen, desto stärker wächst sowohl bei ihm als auch bei mir das Bedürfnis, den anderen einfach mal zu berühren. Sei es das Anstubsen nach einem Scherz – oder um lediglich zu wissen, wie sich der andere anfühlt. Oder ihn einfach zu riechen.
Wie soll es erst nach ein paar Dates sein, wenn die körperliche Anziehung so stark und das Prickeln so heftig ist, dass man sich eigentlich nur noch quält, wenn man den anderen trifft?

Lieber abwarten und Tee trinken?

Auf das verquere erste Date mit León folgten noch zwei weitere: Begrüßung mit Abstand und stundenlanges Spazieren durch den Park – immerhin haben wir so locker die 10.000 Schritte am Tag geschafft. Doch so schön und lustig diese Treffen auch sind, wir beide merken, dass es eine immer größere Last wird, auf die körperliche Nähe zu verzichten.
Und so endete das letzte Date, wie das erste angefangen hatte: ein zurückhaltendes Heben der Hand, ein kurzes Lächeln und ein unsicherer, nun jedoch sehr intensiver Blick in die Augen.

Ich habe inzwischen mein Profil wieder deaktiviert. Dates in Zeiten von Corona sind mir einfach zu umständlich. Und León? Wir bleiben in Kontakt – allerdings nur noch sporadisch. Und wenn die Einschränkungen gelockert sind, wollen wir uns noch einmal auf ein Eis treffen und können dann vielleicht auch mehr darüber erfahren, wie der andere riecht oder sich beim Anstubsen nach einem Scherz anfühlt.


Jennifer Buchholz, Redakteurin bei t-online.de, schreibt in ihrer Kolumne "Lust, Laster, Liebe" über Liebe, Partnerschaft und Sex.

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