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Blackout: Das geschah, als mir K.o.-Tropfen verabreicht wurden


Das ist die unterste Schublade

  • Jennifer Buchholz
Eine Kolumne von Jennifer Buchholz

Aktualisiert am 27.07.2022Lesedauer: 4 Min.
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Mutige Frau: Jeder sollte selbst bestimmen, wie weit er oder sie gehen möchte. Und zwar ganz freiwillig. (Symbolbild)
Mutige Frau: Jeder sollte selbst bestimmen, wie weit er oder sie gehen möchte. Und zwar ganz freiwillig. (Symbolbild) (Quelle: fizkes/getty-images-bilder)
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Wer mit einem Filmriss aufwacht, ist meist selbst schuld. Meistens … Denn es gibt da einen Auslöser für einen Blackout, für den man nichts kann.

Vor einigen Wochen wurden mehreren Frauen auf dem SPD-Sommerfest K.o.-Tropfen verabreicht. Gleich zwei Punkte machen mich sprachlos: Erstens: Es geschah auf dem Sommerfest eines Arbeitgebers! An diesem Ort sollte man sich als Frau doch sicher fühlen. Zumindest sicherer als in einem dunklen Club, in dem Anonymität und eine aufgeheizte Stimmung die Atmosphäre beherrschen.

Der zweite Punkt: Der oder die Täter. Noch ist alles Spekulation. Wäre ich jedoch bei dem Sommerfest gewesen – oder sogar zum Opfer geworden –, würde ich nach diesem Abend nicht mal mehr meinen Kollegen oder Kolleginnen beziehungsweise Parteigenossen oder -genossinen trauen. Selbst dann, wenn nichts Schlimmeres passiert ist, bleibt ganz klar ein düsteres Gefühl zurück.

Vor allem bei den Betroffenen. Sie leben mit dem Gefühl, dass es einen oder gar mehrere unter den Anwesenden gegeben haben muss, die ihnen etwas Böses wollten. In den folgenden Tagen und Wochen könnten dann kleine, im Grunde harmlose Gesten – etwa eine aufgehaltene Tür, besonders interessiertes Zuhören beim Smalltalk in der Küche oder das Mitbringen eines "nur mal so"-Cupcakes – sofort ein Alarmsignal auslösen: "Warum ist er/sie auf einmal so aufmerksam?" Dieses Misstrauen kann sich im schlimmsten Fall zu einer echten Negativspirale entwickeln. Ich spreche – leider – aus Erfahrung.

Aufpassen reicht nicht aus

Vor einigen Jahren war ich mit einem guten Freund in einem Club. Wir tranken beide keinen Alkohol und waren also nur von Musik, Tanzen und Stimmung "high". Ich behielt meine Getränke stets im Blick – schließlich sind K.o.-Tropfen kein neues Phänomen: Das hieß, die ganze Nacht über die Flasche mit dem Finger verschließen oder das Glas mit einem Bierdeckel abdecken. Wer sich das angewöhnt hat, dem erscheint es nicht mehr anstrengend oder ungewöhnlich.

Dann, gegen 2 Uhr, wurde mir plötzlich schummerig. Ich fühlte mich, als wäre ich stark alkoholisiert. Mein Blickfeld schränkte sich zunehmend ein. Ich konnte mich nur noch schwer artikulieren und auf den Beinen halten. Ich klammerte mich an meinen Freund, der mich direkt zur Garderobe brachte. Das war mein Glück. Denn der Mann an der Garderobe reagierte sofort und richtig – und zwar nicht mit "Du brauchst nur etwas frische Luft". Er fragte mich über meinen Alkohol- und Drogenkonsum aus. Meine Antworten waren jedoch so unverständlich, dass mein Freund für mich einsprang. Dann zückte der Garderobiere sein Handy, rief ein Taxi und instruierte meinen Kumpel, was nun zu tun sei: Mich nach Hause bringen, mich ausreichend mit Wasser versorgen und bloß nicht aus den Augen lassen. Er klang sehr ernst.

Im Taxi angekommen, ermahnte mich der Fahrer ständig, bloß nicht in sein Auto zu kotzen – warum sollte ich? Schließlich war mir gar nicht übel. Dennoch war er Mann heilfroh, als er meinen Kumpel und mich abladen konnte. Zu Hause ging dann alles ganz schnell: Mein Freund gab mir Wasser zu trinken, bugsierte mich mitsamt meinen Klamotten ins Bett, woraufhin ich nach kurzem Protest einschlief.

Ist doch alles halb so wild?!

Das klingt alles harmlos? Nicht wenn man bedenkt, dass ich mich an all das nicht erinnern kann. Mein Bericht beruht auf dem, was mir mein guter Freund im Nachhinein erzählt hat. Nur darum weiß ich, was nach dem Moment passierte, in dem ich beim Tanzen von zwei Typen angerempelt worden war. Und das ist sehr beängstigend.

Was, wenn mein Kumpel nicht dabei gewesen wäre und auf mich aufgepasst hätte? Was, wenn die Tropfen mich außer Gefecht gesetzt hätten, während ich in der Schlange vor dem Frauenklo wartete und niemand rechtzeitig bemerkt hätte, wie ich auf einmal mit Fremden verschwinde? Doch eine viel größere Frage, die ich seitdem habe: Was wäre gewesen, wenn der Garderobiere nicht den Ernst der Lage verstanden und ich nicht in guter Begleitung gewesen wäre?

Was von dem Abend zurückgeblieben ist – außer einer echten Blackout-Erfahrung und der großen Dankbarkeit meinem Kumpel und dem Garderobiere gegenüber? Misstrauen. Gegenüber unbekannten Personen, die mir ein Getränk ausgeben wollten. Gegenüber Menschen, die mich im Club anrempeln.

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Was bleibt

Sicher, diese Skepsis hat mit der Zeit nachgelassen – und sicherlich steht meine Erfahrung in gar keinem Vergleich zu den Erfahrungen von Frauen, denen unter Einfluss von K.o.-Tropfen oder Drogen wirklich etwas Schlimmes zugestoßen ist. Dennoch bleibt dieses ungute Gefühl zurück: Wer wollte mir etwas antun? Wieso? Und warum haben diese Personen nicht den Mut, Frauen anzusprechen, die sie attraktiv finden? Oder zumindest entsprechende Signale zu senden. Werden diese nicht erwidert, dann heißt das nicht, dass die Verschmähten andere Register ziehen dürfen, sondern dass vermutlich einfach kein Interesse besteht.

Wer anderen Menschen Drogen verabreicht, um hundertprozentige Macht über ihn zu erhalten, und das auch noch gegen seinen Willen – das ist einfach unterste Schublade für mich. Egal, ob etwas Schlimmeres passiert oder nicht. Denn bei dem Opfer bleibt dieses Scheiß Gefühl, die Angst vor dem Kontrollverlust oder die Skepsis vor allem und jedem – und das alles kann auf ewig anhalten.

Jennifer Buchholz, Redakteurin bei t-online, schreibt in ihrer Kolumne "Lust, Laster, Liebe" über Liebe, Partnerschaft und Sex.

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