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Nachhaltiges Wirtschaften: Vom Insektizidproduzenten zum Insektenretter


MEINUNGUmdenken ist möglich  

Vom Insektizidproduzenten zum Insektenretter

Ein Gastbeitrag von Hans-Dietrich Reckhaus

26.10.2020, 12:10 Uhr
Nachhaltiges Wirtschaften: Vom Insektizidproduzenten zum Insektenretter. Hans-Dietrich Reckhaus: Der Unternehmer und Hersteller von Insektengift will seit einigen Jahren  auch Insekten schützen.  (Quelle: Stefan Finger/Murmann Verlag)

Hans-Dietrich Reckhaus: Der Unternehmer und Hersteller von Insektengift will seit einigen Jahren auch Insekten schützen. (Quelle: Stefan Finger/Murmann Verlag)

Eklig, nervig, gefährlich: So dachte auch Hans-Dietrich Reckhaus lange über Insekten und stellte sein Geschäft mit Insektentötungsprodukten nie in Frage. Doch dann kam das Umdenken.

Ob Mücken im Sommer, Kleidermotten am Lieblingspullover oder Fliegen im Wohnzimmer – Insekten können nervig sein. Doch gleichzeitig ist unser Leben ohne sie kaum vorstellbar, denn sie leisten Erstaunliches. Diese Erkenntnis hatte auch Hans-Dietrich Reckhaus – und wandelte sich vom Hersteller von Insektiziden zum Insektenretter. Wie, erklärt er im Gastbeitrag für t-online.

Insekten können echt lästig sein. Sie summen unwirsch herum, sie können stechen, ja sogar tödliche Krankheiten übertragen und einige haben es auf unsere Vorräte oder Kleider abgesehen. Kein Wunder, dass die meisten Menschen sie nicht für wichtig nehmen, mancher vielleicht auch mal mit dem Gedanken gespielt hat, wie es wäre, wenn man einfach die "blöden Mücken" endgültig loswerden könnte.

Als ich in den 1990er-Jahren das Familienunternehmen meiner Eltern übernahm, hatte niemand ein Problem damit, dass wir Insektenbekämpfungsprodukte herstellten. Auch ich nicht. Zwar schrieb ich meine BWL-Diplomarbeit an der Universität in St. Gallen über Umweltthemen im Betrieb und war einer der ersten, der so ein Werk auf Recyclingpapier abgab. Doch über die Sechsbeiner und ihre Rolle in der Umwelt machte ich mir wenig Gedanken.

Wirtschaft mit Haltung, aber gegen sich selbst?

Heute fordere ich meine Branche und den ganzen Markt auf, anders zu wirtschaften. Das heißt: Nachhaltigkeit verstehen lernen, Geschäftsmodelle hinterfragen, den Weg des Wandels beschreiten. Denn es ist völlig klar, dass wir so nicht weitermachen können. Damit appellieren nicht zuletzt Tausende demonstrierende Kinder an unseren gesunden Menschenverstand. Unsere Gesellschaft hat einen Ressourcenverbrauch von 2,5 Erden. Allerdings haben wir nur einen Planeten.

Wir müssen sinnlose Geschäftsmodelle abschaffen, übersättigte Märkte verkleinern, verführerische Werbung enttarnen. Es geht um ein anderes Wirtschaften nach dem Motto: Erst kommt die Haltung, dann die Ökonomie. Dafür braucht es Innovationen, die echte Mehrwerte schaffen.

Längst nicht jede Innovation verdient diesen Namen. Wenige bieten der Welt einen echten Mehrwert. Als ich 2011 eine neue Fliegenfalle auf den Markt bringen wollte, war ich erstmal total begeistert. "Flippi" war insektizidfrei und sollte dem Nutzer den Anblick sterbender Fliegen am Fenster durch eine lustige Abdeckscheibe ersparen. Super. Nur fehlte mir als Mittelständler das nötige Geld für eine große Werbekampagne. Also fragte ich die Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin vom Atelier für Sonderaufgaben um Rat. Könnten sie nicht eine aufmerksamkeitsstarke Aktion für mein "innovatives" Tötungsprodukt ersinnen?

Fliegenretten? Wie verrückt

Die Zwillinge konfrontierten mich stattdessen mit einer Realität, die ich so nie gesehen hatte: "Herr Reckhaus, es tut uns leid. Wir können keine Kunstaktion für Ihre Produkte machen. Die sind einfach schlecht, sie töten Insekten." Ich erstarrte. Aber sie fuhren fort: "Wie viel Wert hat eine Fliege für Sie als Insektizidhersteller?"

Der Wert von Insekten war mir fremd. Ihr Schaden, den kannte ich. Und für ihre Bekämpfung war ich Experte. Doch die Konzeptkünstler stellten mich vor eine Entscheidung: Wenn wir zusammenarbeiten wollten, müsse ich einmal Insekten retten statt töten.

Ihr radikales Hinterfragen des zwiespältigen Verhältnisses zwischen Mensch und Insekt brachte einen Stein ins Rollen. Gemeinsam führten wir die Kunstaktion Fliegen retten in Deppendorf (2012) durch – doch die Beschäftigung damit sollte keine Eintagsfliege bleiben. Die Künstler blieben dran und forderten mich aktiv auf, die Rettung in mein Geschäftsmodell zu integrieren. So forschte ich tiefer und fand Erstaunliches heraus.

Apfelbaumblüte mit einer Hummel: Insekten sind unerlässlich beispielsweise in der Landwirtschaft. (Quelle: imago images/Petra Schneider)Apfelbaumblüte mit einer Hummel: Insekten sind unerlässlich beispielsweise in der Landwirtschaft. (Quelle: Petra Schneider/imago images)

Kleine Riesen, großer Wert

Der Wert von Insekten für die Gesellschaft und Wirtschaft ist so groß, dass wir sie längst als kleine Riesen wahrnehmen sollten. Insekten sind die Schlüsselelemente der Biodiversität und damit unserer Lebensgrundlage, denn sie sind die artenreichste Tierklasse. Sie spielen eine wichtige Rolle im Nahrungskreislauf: Igel, viele Vögel, Reptilien und Amphibien fressen Insekten. Süßwasser-Speisefische ernähren sich zu 90 Prozent von Larven. Insekten bauen organisches Material wie Kot und Haare oder Fell ab, so dass es nicht überall herumliegt, und tragen zur Fruchtbarkeit der Böden bei.

Dass Insekten wichtige Bestäuber sind, weiß inzwischen jedes Kind. Etwa 265 Milliarden Euro jährlich beträgt der wirtschaftliche Nutzen dieser Leistung. Schokolade ohne die Hilfe von Insekten wäre undenkbar, denn nur wenige Mückenarten bestäuben den Kakaobaum. Etwa 9 von 10 Wildpflanzenarten und 3 von 4 Kulturpflanzenarten sind auf den Besuch der Sechsbeiner zur Vermehrung angewiesen. Textilien wie Baumwolle und Seide brauchen direkt die Mitwirkung von Insekten, Wolle und Leder indirekt.

Mit unserer Lebens- und Wirtschaftsweise riskieren wir den Verlust all dieser kostenfreien Leistungen: In Deutschland gelten schon etwa 40 Prozent der Insektenarten entweder als ausgestorben, in ihrem Bestand gefährdet oder extrem selten geworden. Seit der Krefelder Studie 2017 hat sich das Insektensterben in den Medien als Begriff festgebrannt, denn ihr zufolge ist die Biomasse der Fluginsekten in den letzten knapp 30 Jahren um über 75 Prozent gesunken.

Selbsterkenntnis in tödlichen Branchen

Die Anbieter von Insektentötungsprodukten stellen die Tiere als gefährlich oder nervig dar, während sie ihre Produkte als effizient und billig bewerben. Wenn man ein Insektenspray mit 400 ml Inhalt für 1,25 Euro inklusive Mehrwertsteuer regelrecht hinterhergeworfen bekommt, denkt kaum ein Konsument lange über den Kauf und seine Konsequenzen nach. So mancher greift sogar auf Vorrat zu, ohne wirklich ein Insektenproblem zu Hause zu haben.

Dabei gäbe es einfache und günstige oder sogar kostenfreie Lösungen, um sich vor krabbelnden oder fliegenden Tieren im Haus zu schützen – etwa mit Fenstergittern, mehr Hygiene oder man kann auch die Tiere einfangen und nach draußen bringen. Gerade weil es auch anders geht, ist die Mehrheit der Produkte am Markt überflüssig.

Hans-Dietrich Reckhaus leitet in zweiter Generation ein mittelständisches Familienunternehmen, das seit mehr als 60 Jahren Insektenbekämpfungsmittel herstellt. 

Erstmal klarmachen, was auf dem Spiel steht

Wer wirklich unbedingt Insekten im Haus bekämpfen muss, könnte den Verlust doch wenigstens ausgleichen. Diese Idee der Kompensation habe ich gemeinsam mit Wissenschaftlern näher beleuchtet und ein Modell entwickelt, das diesen Teil des ökologischen Schadens von Produkten berechnet. Sind die Insektenverluste erst beziffert, lässt sich auf der anderen Seite ein Ausgleich schaffen, indem man einen neuen artenreichen, insektenfreundlichen Lebensraum anlegt. Daraus entstand das Insect Respect Gütesiegel, das Produkte auszeichnet, für deren Insektenverlust auf der anderen Seite eine Insektenfläche geschaffen wurde. Dort finden die Tiere, was sie lieben: Futterpflanzen, Steinhaufen, Totholzhaufen und mehr.

Langfristig geht es aber um mehr als Ausgleich. Wer mit neuem nachhaltigen Gedankengut den Markt konfrontiert, muss zunächst in Bewusstseinsbildung investieren. Ein freiwilliger Warnhinweis "Produkt tötet wertvolle Insekten" prangt auf meinen Verpackungen, fast wie bei Zigaretten. Wer trotzdem zugreift, erhält Infos über den Wert der Tiere und Tipps zur Insektenabwehr ohne zu töten. Würden wir Werbung treiben, hieße sie: "Kaufe weniger und wenn überhaupt, dann insektizidfrei und mit Kompensation."

Geldverdienen im schrumpfenden Markt: Innovation ist gefragt

Wie lässt sich aber trotzdem in Zukunft Geld verdienen? Gestern stand der Verkauf von Insektiziden im Fokus, morgen dagegen die Vergabe des Gütesiegels an Dritte, der Verkauf von Lebendfangfallen und die Anlage von Insektenlebensräumen – am besten als Franchise.

Meine Durststrecke war ziemlich lang. Nach fünf Jahren haben Hersteller und Händler den neuen Gedanken akzeptiert: Insekten können schaden, sind aber auch extrem nützlich. Als Erstes führte der in vielen Nachhaltigkeitsaspekten engagierte Drogeriehändler dm das Gütezeichen auf seinen Eigenmarkenprodukten ein. Ein Betrag für die Kompensation und ein Lizenzentgelt fließen an Insect Respect.

Durch die Spezialisierung auf das Anlegen von insektenfreundlichen Lebensräumen kamen immer öfter branchenfremde Unternehmen auf uns zu: Sie wollten auch ein artenreiches Firmengelände begrünt haben. 

Dabei verfolgen wir ein ganzheitliches Ziel: den Markt für Insektenbekämpfungsmittel verkleinern, das Bewusstsein für den Wert der Tiere stärken und mehr Lebensräume für Insekten schaffen. 

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinung der Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

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