Interview
Unsere Interview-Regel

Der GesprĂ€chspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

"Wir machen Deutschland kaputt"

  • Theresa Crysmann
Von Theresa Crysmann

Aktualisiert am 27.12.2021Lesedauer: 4 Min.
BaukrÀne auf einer Baustelle in Hamburg (Symbolbild): Wo Wohn- und GewerbegebÀude entstehen, muss die Natur oftmals weichen. HÀufig betrifft das auch gefÀhrdete Arten.
BaukrÀne auf einer Baustelle in Hamburg (Symbolbild): Wo Wohn- und GewerbegebÀude entstehen, muss die Natur oftmals weichen. HÀufig betrifft das auch gefÀhrdete Arten. (Quelle: imago-images-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Die Bevölkerung schrumpft, doch die BetonwĂŒste wuchert weiter: Aus Wiesen und WĂ€ldern werden Neubaugebiete und Logistikzentren. Jörg-Andreas KrĂŒger, PrĂ€sident des Nabu, warnt vor Problemen.

Wenn die Bagger anrollen, ist es lĂ€ngst zu spĂ€t. Noch immer werden riesige NaturflĂ€chen in Deutschland trockengelegt, zugeschĂŒttet und zu Bauland gemacht.

Tag fĂŒr Tag geht dadurch eine FlĂ€che verloren, die so groß ist, dass die Hektarzahl nicht ausreicht, um das Ausmaß des Schadens zu begreifen: 70 Fußballfelder werden tĂ€glich zur BetonwĂŒste. Das betrifft nicht nur Ackerland, sondern vielfach auch besonders schĂŒtzenswerte Gebiete, in denen gefĂ€hrdete Tier- und Pflanzenarten Zuflucht finden.

Noch knapp 30 Jahre lang soll Natur zu Beton werden

Schon im vergangenen Jahr wollte die Bundesregierung den "FlĂ€chenfraß" deshalb auf 30 Hektar pro Tag begrenzen. Das entsprĂ€che immerhin noch rund 40 Fußballfeldern.

EinfamilienhĂ€user in einem Neubaugebiet (Symbolbild): Das aktuelle Bevölkerungswachstum in Deutschland ist nur ein Zwischenhoch durch kurzfristig hohe Einwanderungs- und GeflĂŒchtetenzahlen. Schon ab 2031 soll die Bevölkerung wieder deutlich und dauerhaft schrumpfen, so die Prognose des Statistischen Bundesamtes.
EinfamilienhĂ€user in einem Neubaugebiet (Symbolbild): Das aktuelle Bevölkerungswachstum in Deutschland ist nur ein Zwischenhoch durch kurzfristig hohe Einwanderungs- und GeflĂŒchtetenzahlen. Schon ab 2031 soll die Bevölkerung wieder deutlich und dauerhaft schrumpfen, so die Prognose des Statistischen Bundesamtes. (Quelle: B. Leitner/imago-images-bilder)

Inzwischen wurde das Ziel verschoben; die Reduzierung ist nun fĂŒr 2030 angepeilt. Ganz will man den FlĂ€chenverbrauch in der Bundesrepublik aber weiterhin erst ab dem Jahr 2050 stoppen.

Als PrĂ€sident der grĂ¶ĂŸten deutschen Umweltschutzorganisation Nabu bereitet das Jörg-Andreas KrĂŒger große Sorge. Im Interview mit t-online erzĂ€hlt er, wieso der Negativpreis des Nabu dieses Jahr an ein Projekt in Norddeutschland geht und weshalb der Bauboom auch eine Gefahr fĂŒr den Menschen ist.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
Putin warnt Scholz in Telefonat vor Waffenlieferungen
Kremlchef Wladimir Putin: Bei Lockerungen der Sanktionen wolle er die Ausfuhr von Getreide aus der Ukraine zu ermöglichen.


t-online: Herr KrĂŒger, Sie sind kurz nach Weihnachten mit einem Dinosaurier im Koffer nach Emden gereist. Gehört das zur Stellenbeschreibung des Nabu-PrĂ€sidenten?

Jörg-Andreas KrĂŒger: Das war immerhin der Dino des Jahres! Wir verleihen diesen Negativpreis seit 1993 an Projekte, die schwere Folgen fĂŒr die Umwelt haben. FĂŒr 2021 hat Emden die fast drei Kilo schwere Auszeichnung besonders verdient: ein kleiner Umweltsaurier fĂŒr eine große Umweltsauerei.

So wirbt die Stadt Emden fĂŒr das Neubaugebiet Conrebbersweg: Diese FlĂ€che soll vor allem Ein- und ZweifamilienhĂ€usern weichen. Die ersten Bagger sollen im FrĂŒhling 2022 rollen.
So wirbt die Stadt Emden fĂŒr das Neubaugebiet Conrebbersweg: Diese FlĂ€che soll vor allem Ein- und ZweifamilienhĂ€usern weichen. Die ersten Bagger sollen im FrĂŒhling 2022 rollen. (Quelle: Screenshot der Informations- und Werbeplattform www.ankerplatz-emden.de)

Was ist denn in Ostfriesland los?

Die Stadt Emden hat ein großes Neubaugebiet ausgewiesen, obwohl die Einwohnerzahl sich seit Jahrzehnten kaum Ă€ndert. Sie geht sogar leicht zurĂŒck.

Der BĂŒrgermeister versucht also, mit Speck MĂ€use zu fangen: MĂŒhevoll will er so neue Familien anlocken, die sonst nicht kommen wĂŒrden. Und das alles zulasten von Natur und Landschaft.

Ohne in die Natur einzugreifen, lÀsst sich aber nichts bauen.

Sicher, allerdings ist das Baugebiet in Emden-Conrebbersweg dafĂŒr besonders schlecht geeignet. Einerseits liegt es einen Meter unter dem Meeresspiegel, was einen Riesenaufwand fĂŒr den Hochwasserschutz bedeutet. Andererseits sind dort viele stark gefĂ€hrdete Vogel- und Pflanzenarten zu Hause. Statt aus der FlĂ€che ein Naturschutzgebiet zu machen, werden jetzt auf zwei Dritteln des Bodens HĂ€user gestellt, die niemand wirklich braucht.

Feldschwirl, Kiebitz und Wiesenpieper sind nur drei der bedrohten Arten, die auf der FlĂ€che des geplanten Baugebiets leben: Im Feucht- und NassgrĂŒnland in Emden-Conrebbersweg sind viele stark gefĂ€hrdete Vogel- und Pflanzenarten zu Hause.
Feldschwirl, Kiebitz und Wiesenpieper sind nur drei der bedrohten Arten, die auf der FlĂ€che des geplanten Baugebiets leben: Im Feucht- und NassgrĂŒnland in Emden-Conrebbersweg sind viele stark gefĂ€hrdete Vogel- und Pflanzenarten zu Hause. (Quelle: Kollage cry/t-online/imago-images-bilder)

Wie viel schlauer geht es im Rest der Bundesrepublik zu?

Gerade das ist das Problem: Emden ist kein Einzelfall. Fast jede Kommune plant weitere FlĂ€chenversiegelung, ĂŒberall in Deutschland wuchern die Siedlungen. Dazu kommen die nötigen Verkehrswege und die Infrastruktur fĂŒr Energie, Wasser und Abwasser. TĂ€glich verschwinden in Deutschland 50 Hektar Natur, indem FlĂ€chen zubetoniert, asphaltiert oder gepflastert werden.

Wie lange kann das so weitergehen?

Eigentlich schon gestern nicht mehr. Wir mĂŒssen einfach anerkennen: Die FlĂ€che ist begrenzt. Deutschland bekommt Platzprobleme, irgendwann ist das Land dicht.

Das kann man sich kaum vorstellen – vor allem mit Blick auf dĂŒnn besiedelte Landstriche.

Sicher, in Mecklenburg-Vorpommern wird man wohl auch in drei Jahrzehnten noch freie FlĂ€che finden. Aber beispielsweise in Baden-WĂŒrttemberg, Rheinland-Pfalz und NRW wird es ganz schön eng. Wir mĂŒssen den FlĂ€chenfraß stoppen.

Loading...
Symbolbild fĂŒr eingebettete Inhalte

Embed

Was passiert, wenn das nicht gelingt, wenn es weiter neue Lagerhallen fĂŒr den Onlinehandel braucht und alle weiter vom Eigenheim im GrĂŒnen trĂ€umen?

Dann verlieren wir dadurch in den kommenden 30 Jahren eine FlĂ€che von der GrĂ¶ĂŸe des Saarlandes. Pflanzen und Tiere mĂŒssen fliehen oder werden vernichtet. Der Boden kann seine Aufgabe nicht mehr erfĂŒllen, weil das Wasser auf den versiegelten FlĂ€chen nicht richtig versickert. Der Grundwasserpegel sinkt, was DĂŒrreschĂ€den verstĂ€rkt und Trinkwassermangel verschĂ€rft. Bei Starkregen steigt die Überschwemmungsgefahr. In den StĂ€dten werden die Sommer heißer, weil Kaltluftschneisen zugebaut werden. Hier steht viel auf dem Spiel.

Ab 2050 will die Bundesregierung dafĂŒr sorgen, dass keine zusĂ€tzlichen FlĂ€chen mehr verbraucht werden. Wie viel Hoffnung macht Ihnen das?

Wir machen Deutschland dadurch kaputt, dass wir alles zubauen. Das ist nicht erst in 30 Jahren ein Problem. Mit jeder neuen BauflÀche frisst sich der Mensch in die Natur hinein, wÀhrend in vielen InnenstÀdten GebÀude leer stehen.

Jörg-Andreas KrĂŒger ist seit 2019 PrĂ€sident des Nabu. Der studierte Landschaftsarchitekt absolvierte bereits seinen Zivildienst bei einer Naturschutzorganisation und war lange beim Nabu sowie beim WWF tĂ€tig.
Jörg-Andreas KrĂŒger ist seit 2019 PrĂ€sident des Nabu. Der studierte Landschaftsarchitekt absolvierte bereits seinen Zivildienst bei einer Naturschutzorganisation und war lange beim Nabu sowie beim WWF tĂ€tig. (Quelle: NABU)

Jedes Jahr entstehen mehr als 100.000 neue Ein- und ZweifamilienhÀuser in Deutschland, wÀhrend die Bevölkerung mittelfristig schrumpft. Sind also die HÀuslebauer schuld?

Na ja, das ist eine Wohnform, die bei uns unglaublich tief verwurzelt ist. Vor allem in kleinen und mittleren StÀdten und in lÀndlichen Gebieten. Deswegen eskaliert die Debatte rund ums "HÀuslebauen" Àhnlich schnell wie der Streit um Tempolimit oder SUV-Verbot.

Wenn Neubaugebiete in die Vergangenheit gehören sollen, was ist die Alternative?

Wir mĂŒssen unsere InnenstĂ€dte nachverdichten. Und zwar auf eine attraktive Art, die den Leuten Lust macht, dort zu wohnen.

Das heißt?

DachstĂŒhle ausbauen, zusĂ€tzliche Geschosse in Leichtbauweise aufstocken, ungenutzte BaulĂŒcken fĂŒllen. Kurz: in die Höhe statt in die Breite gehen. Und dabei nicht nur in Wohneinheiten, sondern auch in LebensqualitĂ€t denken. Nachhaltige Quartiersentwicklung muss öffentliche PlĂ€tze wieder zu schönen Treffpunkten macht, grĂŒne Oasen in der Stadt erhalten, verschiedene Generationen zusammenbringen, gĂŒnstige und grĂŒne MobilitĂ€t fĂŒr alle ermöglichen. DafĂŒr brauchen die StĂ€dte aber auch UnterstĂŒtzung von Bund und LĂ€ndern.

Loading...
Loading...
Loading...
Der Dinosaurier des Jahres ist keine TrophÀe, die man gerne im Schrank hat: Die Negativauszeichnung des Nabu geht dieses Jahr an ein neues Mega-Baugebiet in Emden.
Der Dinosaurier des Jahres ist keine TrophÀe, die man gerne im Schrank hat: Die Negativauszeichnung des Nabu geht dieses Jahr an ein neues Mega-Baugebiet in Emden. (Quelle: NABU)

Das klingt vor allem nach einer Aufgabe fĂŒr BauĂ€mter und BĂŒrgermeister. Wie können einzelne Personen und Familien etwas gegen den FlĂ€chenfraß tun?

Wichtig ist vor allem die Entscheidung, wie man selbst wohnen möchte. Wie viele Quadratmeter brauche ich wirklich? Muss ich mir ein neues Haus auf die grĂŒne Wiese stellen oder saniere ich einen Altbau? Habe ich Lust auf Gartenarbeit rund ums klassische Einfamilienhaus oder reicht auch ein schöner Balkon? An diesen persönlichen Lebensentscheidungen hĂ€ngt viel dran.

Aber eben nicht alles.

Ja, da ist es so wie beim Klimaschutz. Nur die HĂ€lfte meines eigenen CO2-Fußabdrucks habe ich direkt darĂŒber in der Hand, wie ich wohne, heize, unterwegs bin und mich ernĂ€hre. Der Rest sind strukturelle Entscheidungen, die andere fĂŒr mich treffen. Ähnlich ist es beim FlĂ€chenverbrauch. Und darauf macht der Dino des Jahres aufmerksam. Ab jetzt auch im Emdener Rathaus.

Weitere Artikel

Überraschender Gewinner
Das große LebensqualitĂ€t-Ranking: Wie schneidet Ihre Stadt ab?
Ein Radfahrer blickt auf die Berliner Skyline (Symbolbild): Die Hauptstadt schafft es in keiner Nachhaltigkeitskategorie auf einen vorderen Platz. Die LuftqualitÀt ist hier bundesweit fast die schlechteste.

Hausbesitzer und Mieter
So will die EU die Heizkosten senken
Ein Straßenzug in Hamburg (Symbolbild): Die PlĂ€ne der EU-Kommission sollen den GebĂ€udesektor in allen 27 Mitgliedsstaaten umkrempeln.

Hochwasser und Klimakrise
Die Flutkatastrophe deckt die VersÀumnisse der Politik auf
Wassermassen tosen durch die Stauwehre des Baldeneysees (Symbolbild): In Essen erreichte die Ruhr am Mittwoch den höchsten Pegelstand, der je gemessen wurde.


Herr KrĂŒger, vielen Dank fĂŒr das GesprĂ€ch.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
BundesregierungDeutschlandEmdenWeihnachten

t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlÀngerung FestnetzVertragsverlÀngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website