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Kernkraft-Debatte: "Die Nutzung der Atomenergie ist absolut verbrecherisch"


"Ohne Atomenergie geht es noch nicht"

Von Mario Thieme

Aktualisiert am 18.10.2022Lesedauer: 3 Min.
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Das deutsche Kernkraftwerk Neckarwestheim: Atomenergie zu nutzen, ist umstritten. (Quelle: IMAGO/Arnulf Hettrich)
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Die drei letzten Atommeiler bleiben vorerst am Netz. Unter t-online-Lesern ist die konventionelle Energieform umstritten.

Bundeskanzler Olaf Scholz stellte am Montag klar: Die Kernkraftwerke Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland bleiben bis Mitte April 2023 in Betrieb. t-online-Leser sind sich uneins, ob Atomenergie weiterhin genutzt werden sollte oder nicht.

"Die Stromkosten werden bald unerschwinglich sein"

Anja Urbinger ist gegen die Nutzung von Atomenergie, "solange die Brennstäbe nicht umweltfreundlich zu entsorgen sind. Aber wir sollten auch nicht aus den meisten Kraftwerkstypen aussteigen, da bei uns der Strom immer teurer wird und so die Stromkosten gerade für Rentner wie mich, die mit einer kleinen Rente zurechtkommen müssen, bald unerschwinglich werden.

Außerdem ist Deutschland bei Weitem nicht in der Lage, den heute benötigten Strom selbst zu produzieren, was sich in der Zukunft nur noch verschlechtern wird, da man ja immer mehr auf Elektro setzt, zum Beispiel bei Fahrzeugen."

"Leider spielen wir uns immer als Vorreiter auf"

Karsten Gräning findet, "dass unser Land schon richtig mit seinen Zielen für die Zukunft liegt. Nur hätten wir es etwas besonnener angehen sollen: erst raus aus der Kohle und danach erst aus der Atomenergie. Bürger und Wirtschaft wären dadurch nicht so stark belastet."

Karsten Gräning bemängelt: "Leider spielen wir uns immer als Vorreiter auf. Wir sind schon lange nicht mehr so übermächtig, als dass wir uns solche Handlungsweisen noch leisten können."

Kaum noch deutsche AKW am Netz: Eine Karte gibt einen Überblick über die Standorte, Praktiker diskutieren über die Folgen des Atomausstiegs. (Quelle: t-online)

"Die Nutzung von Atomenergie ist absolut verbrecherisch"

Werner Könker hat in den 1980er-Jahren als Maschinenbauingenieur in einer Zulieferfirma für die Atomindustrie gearbeitet. Er schreibt: "Spätestens 1986, nach der Tschernobyl-Katastrophe, wurde klar: Atomenergie war und ist nicht beherrschbar."

Er informiert: "Abgesehen von den großen, spektakulären Katastrophen werden von den Atomkraftwerken permanent radioaktive Stoffe freigesetzt. Für den Normalbetrieb der Kraftwerke existieren dafür zulässige Grenzwerte. Bei Wartungsarbeiten und in sonstigen Ausnahmefällen gelten diese Grenzwerte jedoch nicht."

Weiterhin schreibt Werner Könker: "In der Umgebung von Atomkraftwerken sind Kinder an Leukämie erkrankt. Nach Ansicht der Kraftwerksbetreiber ist ein Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und den Emissionen der Kraftwerke nicht nachweisbar, weil die Zahl der Erkrankungen für eine statistische Auswertung zu gering ist.

Es gibt kein Endlager für hoch radioaktiven Müll und es wird hoffentlich auch nie eins geben. Niemand weiß, wie sich die Verhältnisse in einem unterirdischen Endlager (tektonische Verschiebungen, Druck, Temperatur, Wassereinbruch etc.) über einen Zeitraum von Millionen von Jahren verändern werden. Kurz gesagt: Die Nutzung von Atomenergie – egal ob in Atombomben oder Kraftwerken – ist absolut verbrecherisch."

"Ich frage mich, woher der ganze Strom kommen soll"

Andrea Mader, deren Mann seit sieben Jahren im Kernkraftwerk Neckarwestheim arbeitet, findet es "unmöglich, dass Politiker immer vorpreschen, ohne Vor- und Nachteile abzuwägen. Ja, es wäre schön, ohne Atomenergie auszukommen, aber es geht noch nicht."

Sie fährt fort: "Ich frage mich, woher der ganze Strom kommen soll, wenn wir wirklich Millionen von Elektroautos auf deutschen Straßen haben. Wir machen uns abhängig von allen Ländern um uns herum, dabei haben wir die sichersten Kernkraftwerke überhaupt. Bei uns wird zum Beispiel jedes Jahr über Wochen eine Revision durchgeführt. Dabei wird jede Schraube auf links gedreht. In Frankreich ist diese Sicherheitsüberprüfung nur alle zehn Jahre vorgeschrieben."

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"Ein Rückfall der Intelligenz in die Steinzeit"

Johann Wempen "fehlen die Worte". Er hielt schon die Anfang des Jahres von der EU-Kommission erfolgte Einstufung von Nuklearkraft als klimafreundlich für "einen Rückfall der Intelligenz in die Steinzeit" und ein Zeichen dafür, dass Klimaschutz einfach nicht ernst genommen werde. "Insofern ist es positiv zu bewerten, dass die Selbstausrottung der Menschheit nicht unnötig verzögert wird", spottet er.

"Die Energiewende ist derzeit eine ideologische Fantasie"

"Die Kernenergie und vor allem Erdgas sind derzeitig als Brückentechnologie unverzichtbar für den Industriestandort Deutschland", da ist Rudi Teller sicher. "Es ist uns nicht gelungen, Windenergie in Deutschland von Nord nach Süd zu transportieren, von Speichermöglichkeiten ganz zu schweigen."

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Er findet das Ziel der Energiewende zwar "ehrbar", es sei "aber leider in der derzeitigen Ausprägung eine ideologische Fantasie".

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"Ausstieg hat Potenzial, gesellschaftliche Spaltung weiter zu befeuern"

Udo Alt glaubt: "Für die Akzeptanz des Atomausstiegs in Deutschland wird entscheidend sein, ob wir unseren Energiebedarf auch bei Windflauten und Dunkelheit decken können, und ob unsere Strompreise im Vergleich zu unseren Nachbarn weiter davonlaufen und Energie de facto zu einem Luxusgut wird."

Er behauptet außerdem: "Sollten wir Strom in größeren Mengen importieren müssen, werden wir für die Ertüchtigung der französischen Kernkraftwerke kräftig mit bezahlen; alles andere ist eine Illusion. Bei einem Verhältnis von 50:50 Befürwortern/Gegnern von Kernkraft in Deutschland hat der Ausstieg aus dieser Energieform bei Netzausfällen und stark steigenden Strompreisen das Potenzial, die gesellschaftliche Spaltung in Deutschland weiter zu befeuern."

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Verwendete Quellen
  • Zuschriften von t-online-Lesern
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  • Arno Wölk
Von Michaela Koschak, Arno Wölk
AtomausstiegEmslandEnergiekriseOlaf Scholz

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