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Wie der IS Frauen aus Deutschland nach Syrien lockt

Popstar-Hype um Dschihadisten  

Wie der IS Frauen aus Deutschland nach Syrien lockt

29.03.2015, 10:23 Uhr | Von Christian Jacke, dpa

Wie der IS Frauen aus Deutschland nach Syrien lockt. Bewaffnete Frauen der Al-Chansaa-Brigaden - auch der IS kann nicht ohne Frauen auskommen und setzt sie offenbar auch im Kampf ein. (Quelle: dpa)

Bewaffnete Frauen der Al-Chansaa-Brigaden - auch der IS kann nicht ohne Frauen auskommen und setzt sie offenbar auch im Kampf ein. (Quelle: dpa)

Die Terrorgruppe IS wirbt um junge Frauen und Mädchen - auch in Deutschland. Mit Erfolg. Der Verfassungsschutz beobachtet, dass immer mehr junge Terroranhängerinnen ins Kampfgebiet verschwinden. Was zieht sie dorthin? Und was erwartet sie?

Die junge Frau veränderte sich schnell. Sie ging auf einmal oft in die Moschee, las Bücher über den Islam, fing an, sich zu verschleiern. Sie begann, die Eltern zu kritisieren für ihren liberalen Lebensstil, suchte im Internet nach neuen Vorbildern und tauchte tief in die salafistische Szene ein. In einer Facebook-Gruppe lernte die Muslimin zwei andere junge Frauen kennen, die ihr vom Leben im Islamischen Staat vorschwärmten und ihr einflüsterten, auch sie müsse diesen Weg gehen. Ein paar Wochen später verschwand sie aus ihrem Elternhaus in Deutschland - Richtung Syrien.

Mädchen passte ins Beuteschema

"Die junge Frau hat ins 'Beuteschema' gepasst. Die IS-Propaganda hat sie angesprochen", sagt Florian Endres von der Beratungsstelle Radikalisierung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Bei ihm und seinem Team landete ihr Fall. "Sie wollte mithelfen, den Islamischen Staat aufzubauen, und Teil der neuen Elite werden", erzählt er. "Und sie hatte die romantisierte Vorstellung, einen Mudschaheddin zu heiraten. Die Dschihadisten werden im Internet zum Teil wie Popstars gehypt und von einigen jungen Frauen regelrecht angehimmelt."

Bei Endres können sich besorgte Angehörige melden, wenn sie bei ihren Söhnen, Töchtern oder Enkeln Veränderungen feststellen und Angst haben, dass sie in die Islamisten-Szene abdriften. In 20 Prozent der Fälle geht es um Mädchen und Frauen.

Miniröcke gegen Burka

Auch die Eltern der verschwundenen jungen Muslimin suchten hier Rat. Sie hatten Glück. Ihre Tochter meldete sich knapp zwei Wochen nach der Ausreise. Sie wartete in einem Frauenhaus der Islamisten an der türkisch-syrischen Grenze darauf, weiterzureisen nach Syrien. Dort sollte sie die Drittfrau eines IS-Kämpfers werden. Doch beim Warten kamen ihr Zweifel. Sie fühlte sich unwohl in der neuen Umgebung, rief ihren Bruder an. Und der Familie gelang es, die junge Frau nach Deutschland zurückzuholen. Andere verschwinden für immer.

Kürzlich wurde der Fall einer 16-Jährigen aus München bekannt, die von Zuhause ausriss - wohl zur Terrortruppe IS. Auch eine 15-Jährige aus Sangerhausen in Sachsen-Anhalt soll sich dorthin auf den Weg gemacht haben. Teenager-Mädchen tauschen Miniröcke und Flirtereien gegen Burka und ein streng religiöses Leben im Kriegsgebiet. Warum?

"Oft sind das junge Frauen, die in unserer Gesellschaft überfordert sind und in einer persönlichen Schieflage stecken", sagt der Islamwissenschaftler Marwan Abou-Taam, der für das Landeskriminalamt Rheinland-Pfalz arbeitet. "Sie geraten dann in die Fänge von Menschen, die ihnen einfache Antworten liefern."

IS-Blogs gaukeln Mädchen eine Idealwelt im Kriegsgebiet vor

Unter den rund 650 Islamisten aus Deutschland, die bislang nach Syrien und in den Irak ausreisten, sind mehr als 70 Frauen. Fast 40 Prozent von ihnen seien jünger als 25 Jahre, darunter auch neun minderjährige Mädchen, sagt Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen. "Wir beobachten mit Sorge, dass sich die Propaganda der IS zunehmend an junge Frauen und Mädchen richtet."

Der IS-Propaganda-Apparat bietet im Internet spezielle Blogs und Foren für Frauen an - und eigene Reiseführer für ihren Weg ins Kalifat. "Junge Mädchen, die sich im Internet als IS-Sympathisantinnen zu erkennen geben, werden gezielt kontaktiert, um sie zu einer Ausreise und späteren Heirat mit einem Dschihadisten zu bewegen", sagt Maaßen. "Mittlerweile existieren sogar Tagebücher in sozialen Netzwerken mit romantischen Schilderungen von dem Leben dort. Es wird ihnen ein idyllisches Leben vorgegaukelt."

Hausarbeit und Kinder kriegen

Die Terrormiliz Islamischer Staat braucht Untertanen, sie braucht Nachwuchs und Ehefrauen für ihre Kämpfer. "Viele Frauen haben in Syrien und im Irak die Aufgabe, ihrem Mann den Rücken zu stärken, sich um die Hausarbeit zu kümmern und kleine Dschihadisten heranzuziehen", sagt Abou-Taam.

Viele Islamistinnen, die dort hingingen, kämen aus sozial schwachen, bildungsfernen Milieus. "Es gibt aber auch studierte Frauen, die in den Dschihad ziehen. Sie sind beim IS besonders gefragt und übernehmen Aufgaben in der Verwaltung des Kalifats." All diese Organisationen kämen ohne Frauen gar nicht mehr aus. "Wir haben uns bei dem Thema zu lange zu sehr auf die Männer fixiert", meint er.

Vorbild "Schwarze Witwen"

In der IS-Hochburg Al-Rakka in Syrien gibt es auch eine weibliche Kampfeinheit der Terrormiliz: die Al-Chansaa-Brigade, die "Gazellen". In Videos sind die verschleierten Frauen zu sehen, wie sie mit Kalaschnikows durch die Straßen der Stadt patrouillieren. Sie sollen die Einhaltung islamischen Rechts unter Frauen kontrollieren.

Und Selbstmordattentäterinnen? Einige Islamisten aus Deutschland und Europa haben sich bereits in Syrien und im Irak in die Luft gesprengt. Frauen aus dem Westen waren nach Erkenntnissen der Behörden bislang nicht darunter. Aber Fachleute halten für möglich, dass der IS Frauen in Zukunft gezielt für Selbstmordkommandos einsetzen könnte. "Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie die Frauen dafür entdecken", meint Abou-Taam. Anderswo gab es das schon in ausgeprägter Form - etwa in Tschetschenien. Die Attentäterinnen dort wurden "Schwarze Witwen" genannt.

Für viele Mädchen und Frauen, die nach Syrien und in den Irak ziehen, endet der Traum vom romantischen Dschihad-Leben oder von der Aufopferung für das Gute bitter. "Zum Teil werden sie dort als Sexsklavinnen gehalten und von einem Mann an den nächsten weitergereicht", sagt Abou-Taam. "Das ist Krieg, mit barbarischen Zuständen und einer enthemmten Terrororganisation. Wenn sie wüssten, was sie dort erwartet, würden viele Frauen sicher nicht dort hingehen."

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