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Raketenangriffe im Nahen Osten: Man kann Israel nur bedingungslos unterstützen

MEINUNGRaketenangriffe im Nahen Osten  

Man kann Israel nur bedingungslos unterstützen

Eine Kolumne von Lamya Kaddor

14.11.2019, 17:28 Uhr
Israel: Angespannte Waffenruhe im Gazastreifen – Israel droht mit Vergeltung

Im Gazastreifen ist es am Donnerstagmorgen nach einer von Ägypten vermittelten Waffenruhe weitgehend ruhig geblieben.

Neu entflammter Konflikt: Im Gazastreifen herrscht eine angespannte Waffenruhe, Israel droht bereits mit möglicher Vergeltung. (Quelle: Reuters)


Wieder ist der Nahostkonflikt aufgeflammt, wieder wird gestritten, wer die Schuld trägt. Dringend Zeit, aus dem Hamsterrad auzusteigen. Und zu akzeptieren, dass es keine Eindeutigkeiten gibt.

Wenn man so angefeindet wird, wie es Jüdinnen und Juden werden, dann ist es völlig klar, dass man einen Staat wie Israel bedingungslos unterstützt: Rechtsextremisten und Islamisten wollen Juden töten und deren Gemeinwesen auslöschen. Gewöhnliche Bürger hängen antisemitischen Klischees und Verschwörungslegenden an. Jüdische Kindergärten und Schulen, Synagogen stehen unter Polizeischutz, und wo das nicht der Fall ist, werden sie zum Ziel rechter Terroristen wie in Halle an der Saale.

Auf der Straße werden Juden zum Opfer von Gewalttätern, die aus Ländern stammen, in denen oft schon in der Grundschule gelehrt wird, dass sie und Israel der Große Satan seien. Jugendliche sagen "Du Jude" zueinander, wenn sie sich beleidigen wollen. All das geschieht, obwohl diese Gruppe von Menschen bereits eine Jahrhunderte lange Geschichte blutigster Pogrome erlebte, die bis zur industriellen Massenvernichtung von Millionen Kindern, Frauen, Männern, Alten und Kranken geführt hat.

Israel ist eine Lebensversicherung

Man kann sich selbst fragen, ob man unter diesen Umständen hier leben wollen würde? Wie groß die eigenen Sorgen wären, wenn Neuankömmlinge den Hass auf einen weiter anfachen und neue alte Parteien mit demselben Hass auf einen politische Erfolge feiern? Es ist höchst unwahrscheinlich, dass mit dem historischen Wissen über die Nazi-Herrschaft wieder eine extremistische Partei in Deutschland an die Macht kommen und eine für einzelne Gruppen existenzgefährdende Politik umsetzen kann. Doch wer will das dauerhaft garantieren?

Rauchspuren von Raketen, die aus Gaza Richtung Israel abgefeuert werden: Der Konflikt im Nahen Osten spitzt sich wieder zu. (Quelle: Reuters/Suhaib Salem)Rauchspuren von Raketen, die aus Gaza Richtung Israel abgefeuert werden: Der Konflikt im Nahen Osten spitzt sich wieder zu. (Quelle: Suhaib Salem/Reuters)

Angesichts der permanenten, latenten wie offenen, antisemitischen Bedrohungslage die Gewissheit zu haben, dass es da einen Ort gibt auf der Welt, zu dem man im Zweifelsfall fliehen könnte. Einen Ort, wie es ihn vor dem 14. Mai 1948 auf der ganzen Welt nicht gegeben hat, verschafft Jüdinnen und Juden ein notwendiges Gefühl von Sicherheit. Der Staat Israel ist ihre Lebensversicherung. Kein Wunder also, dass er von den meisten bedingungslos verteidigt wird und verteidigt werden muss – ganz egal, wer dort regiert.

Ganz egal, wer dort regiert, sollte es einem nur nicht sein, wenn einem die Prosperität Israels am Herzen liegt. Die jüngsten rechts-religiösen Regierungskoalitionen unter Benjamin Netanjahu, der selbst durch eine drohende Anklage wegen Korruption geschwächt ist, tut dem Land offensichtlich nicht gut. Eine weitere Zuspitzung anti-palästinensischer und anti-arabischer Ressentiments, erinnert sei etwa an den rechtspopuIistischen Ex-Außenminister Avigdor Lieberman, kann dem Gedeihen Israels kaum zuträglich sein. Das kann man kritisieren. Das wird kritisiert und niemand hält das für Antisemitismus oder für Verrat am Staat Israel.

Hamas und Konsorten sind gescheitert

Welche Regierung es in Israel gibt, hat allerdings nicht allein mit den Israelis zu tun. Die Entscheidung steht gleichsam im Zusammenhang mit der permanenten existenziellen Bedrohung durch Islamisten und arabische Nationalisten, die seit Jahren davon sprechen, die Juden ins Meer zu treiben und Israel von der Landkarte zu tilgen. Wer derart martialisch auftritt, um Politik zu machen oder die eigenen Reihen hinter sich zu schließen, muss sich nicht wundern, wenn der Gegner aufrüstet; erst recht nicht in der Region, wo einst die Wiege des Talionsprinzips stand (Auge und Auge, Zahn um Zahn).

Selbst die renitentesten Palästinenser, wenn sie sich denn frei äußern könnten, dürften inzwischen erkannt haben, dass Hamas und Konsorten auf ganzer Linie gescheitert sind. Weder konnten sie Gaza zu einem besseren Ort machen, noch irgendetwas Positives bezüglich des Nahostkonflikts erreichen. Im Gegenteil. Ihr Terror-Regime hat zu weiteren Todesopfern geführt und das Leben der Palästinenser noch mehr erschwert.

Palästinensische Demonstranten schützen sich mit Gasmasken gegen Tränengas. (Quelle: Reuters/Mussa Qawasma)Palästinensische Demonstranten schützen sich mit Gasmasken gegen Tränengas. (Quelle: Mussa Qawasma/Reuters)

Es geht nicht darum, aus dem sicheren Europa heraus den Konfliktparteien altklug politische Ratschläge zu erteilen. Die Situation an Ort und Stelle kann man an Ort und Stelle besser bewerten. Es geht darum, unsere eigenen Diskussionen über den Nahostkonflikt in vernünftige Bahn zu lenken, denn das wäre die Basis für sinnvolles Handeln. Dazu gehört es, beide Seiten zu verstehen und sich nicht strikt für eine Seite zu entscheiden. Sowohl Palästinenser als auch Israelis haben überzeugende Argumente in diesem Konflikt auf ihrer Seite. Es muss uns gelingen, diese Ambiguität zu tolerieren.

Der Konflikt ist alt und heftig 

Israel ist in einer außerordentlichen und singulären weltpolitischen Situation nach dem Holocaust entstanden. Die Staatsgründung hat jedoch dafür gesorgt, dass unbeteiligte palästinensische Familien getötet, vertrieben und bitterem Leid ausgesetzt wurden. Hier sind tiefe Wunden entstanden, die bis heute nicht geheilt sind. In diese Wunden darf man kein Salz streuen, das schürt den Konflikt – mit ungewissem Ausgang für alle Beteiligten.

Doch wir lassen das metaphorische Salz einfach weiter rieseln und rieseln und rieseln. Wie kaum eine andere wird die Nahost-Debatte emotional und unnachgiebig geführt. Stets suchen Diskutanten nach "den" Alleinschuldigen. Die einen zeigen bloß auf die Palästinenser mit ihrem Raketenbeschuss und ihren Terror- und Guerillataktiken, und die anderen bloß auf die Israelis mit ihrer Besatzung und dem Einsatz ihrer hochgerüsteten Armee.

Wissenschaftler, Journalisten und Politiker werden attackiert und beschimpft, weil sie angeblich auf der falschen Seite stehen, entweder Israelis oder Palästinenser unfair behandeln. Es werden Opferzahlen gegeneinander aufgerechnet, des einen Leid wird relativiert, um des anderen herauszustellen. Und so weiter. Immer mit dem Ziel der Eindeutigkeit. Eine Seite soll ganz eindeutig das Kainsmal tragen. Doch diese Eindeutigkeit gibt es nicht.

Es gibt keine absolute Wahrheit

Seit Jahrzehnten scheitert die Welt daran, Israelis und Arabern dabei zu helfen, ihre Feindschaft zu überwinden, und das liegt eben auch daran, dass wir es nicht einmal jenseits des Nahen Ostens schaffen, die eigene Polarisierung in diesem Konflikt aufzulösen. Vielleicht sollten wir daher zunächst an uns selbst arbeiten. Niemand ist im Besitz der absoluten Wahrheit.


Heilig sind weder Akteure auf israelischer noch auf palästinensischer Seite, heilig ist nur die Existenz des Staats Israel und das Recht der Palästinenser auf ein selbstbestimmtes Dasein. Diesen Konsens muss man nach 70 Jahren Konflikt offen und ehrlich hinbekommen. Dann kann man weitersehen.

Lamya Kaddor ist Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin, Publizistin und Gründerin des Liberal Islamischen Bunds e.V. (LIB). Derzeit leitet sie ein Forschungsprojekt an der Universität Duisburg-Essen. Ihr aktuelles Buch heißt "Die Sache mit der Bratwurst. Mein etwas anderes deutsches Leben" und ist bei Piper erschienen. Sie können unserer Kolumnistin auch auf Facebook oder Twitter folgen.

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