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Corona-Pandemie: Die unsichtbare Welle hinter den RKI-Zahlen

Corona-Pandemie  

Die unsichtbare Welle hinter den RKI-Zahlen

05.12.2021, 02:00 Uhr | rtr, pdi

Corona-Pandemie: Die unsichtbare Welle hinter den RKI-Zahlen . Impfzentrum in Stücken: Bis zum Jahresende soll die Impfkampagne in Deutschland deutlich an Tempo gewinnen.  (Quelle: dpa)

Impfzentrum in Stücken: Bis zum Jahresende soll die Impfkampagne in Deutschland deutlich an Tempo gewinnen. (Quelle: dpa)

Die Corona-Lage in Deutschland ist ernst, aber das ist offenbar nur die Spitze des Eisbergs. Durch die Überlastung der Gesundheitsämter ist die Dunkelziffer bei den Infektionen so hoch wie nie. 

Als die Sieben-Tage-Inzidenz für die Corona-Neuinfektionen zuletzt drei Tage in Folge sank, hofften viele auf eine Trendwende. Selbst Experten verwiesen Anfang der Woche auf den sogenannten R-Wert, mit dem das Robert-Koch-Institut (RKI) berechnet, wie viele Menschen ein Infizierter durchschnittlich ansteckt. Er war unter die magische Grenze von eins gesunken.

Doch RKI-Präsident Lothar Wieler zerstörte am Freitag diese Illusion. Die Zahlen seien derzeit nicht so verlässlich wie sonst. Er rechne in einigen Regionen mit einer "Untererfassung" der Fälle mit dem Faktor zwei oder drei. Im Klartext: Die Zahl der am Freitag gemeldeten 74.352 Neuinfektionen könnte tatsächlich viel höher liegen. Das RKI korrigierte nach Nachmeldungen den Anfang der Woche gemeldeten R-Wert später nach oben – über den Wert von eins.

Noch nie war die Dunkelziffer so hoch

Seit Beginn der Pandemie hat das RKI darauf verwiesen, dass man nur die von den Gesundheitsämtern registrierten Positiv-Tests erfassen könne. Es habe also schon immer eine gewisse Dunkelziffer gegeben, betonte auch der geschäftsführende Gesundheitsminister Jens Spahn am Freitag. Aber die Lage hat sich im Dezember 2021 dramatisch geändert – paradoxerweise im Positiven wie im Negativen.

Zum einen gibt es viel mehr Geimpfte: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Infektion zu Symptomen oder einem schweren Krankheitsverlauf führt, ist deutlich gesunken. Die Crux dabei: Meist lassen sich Menschen nur testen, wenn sie sich krank fühlen. Die Dunkelziffer steigt also in dem Maße, in dem Menschen halbwegs geschützt sind. Nur können auch Personen mit sogenannten Impfdurchbrüchen andere anstecken.

Schlange vor einem Impfzentrum in Laatzen: Experten befürchten ein hohe Dunkelziffer bei den Corona-Infektionen in Deutschland.  (Quelle: dpa)Schlange vor einem Impfzentrum in Laatzen: Experten befürchten ein hohe Dunkelziffer bei den Corona-Infektionen in Deutschland. (Quelle: dpa)

Dazu kommt, dass anders als in früheren Pandemiewellen diesmal Kindertagesstätten und Schulen offen bleiben – mit Kindern, die teilweise nicht geimpft werden können. Deshalb finden sich derzeit die höchsten Inzidenzwerte bei den Altersgruppen bis 18 Jahren. Bei diesen sind die Krankheitsverläufe ebenfalls nicht so gravierend wie bei älteren Ungeimpften. Aber auch Kinder können Erzieher, Lehrerinnen und Eltern anstecken und damit den Virus verbreiten. Der vom Labor-Verband ALM mitgeteilte Wert von mehr als 21,1 Prozent positiver Testergebnisse deutet darauf hin, dass die Pandemie sich sehr umfassend ausbreitet. Zum Vergleich: Der bisherige Höchstwert lag auf dem Höhepunkt der zweiten Welle Ende vergangenen Jahres bei 16,45.

Überforderte Gesundheitsämter

Dazu kommt die aktuelle Überforderung vieler Gesundheitsämter. In etlichen Bundesländern hätten Ämter nicht nur die Kontaktnachverfolgung von Infizierten eingestellt, sondern kämen mit der tagesaktuellen Erfassung der Fallzahlen nicht hinterher, warnte die Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes, Ute Teichert, am Mittwoch. Auf diese Zahlen ist das Robert Koch-Institut für seine täglich veröffentlichten Zahlen angewiesen.

Intensivstation in Wittenberg: Die Krankenhäuser ringen im Kampf gegen die vierte Corona-Welle um Kapazitäten.  (Quelle: dpa)Intensivstation in Wittenberg: Die Krankenhäuser ringen im Kampf gegen die vierte Corona-Welle um Kapazitäten. (Quelle: dpa)

Das Problem betrifft vorrangig die am stärksten von Corona betroffenen Gebiete, die wie in Sachsen teilweise Sieben-Tage-Inzidenzen von 2.000 aufweisen. Etliche Gesundheitsämter hätten die Bundeswehr um personelle Hilfe gebeten, bestätigte eine Sprecherin des sächsischen Sozialministeriums. Mit dieser Unterstützung sei "der überwiegende Anteil der sächsischen Gesundheitsämter" mittlerweile in der Lage, die aktuelle Dateneingabe der neu hinzugekommenen Fälle zu bewältigen. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber: Etliche Ämter schaffen dies immer noch nicht.

Nadelöhr: Labore

"Es gibt noch einen weiteren Faktor – die Testlabore", sagte die Sprecherin des sächsischen Sozialministeriums. "Es kommt zu Zeitverzögerungen bei der Bearbeitung der PCR-Tests. Speziell der ostsächsische Bereich ist maximal belastet." Auch dies liegt eigentlich auf der Hand. In Landkreisen, in denen es sehr viele Fälle gibt, wie in Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt oder Bayern, landen immer mehr PCR-Tests zur Auswertung in den Laboren. Das Vorstandsmitglied des bundesweiten Labor-Verbands ALM, Jan Kramer, spricht von einer Auslastung von 85 Prozent. "Das ist nicht über längere Zeit so machbar", sagt er zu Reuters. In einigen Bundesländern seien die Labore "schon wesentlich höher als 100 Prozent ausgelastet".

"Das begrenzende Momentum ist die Personalverfügbarkeit", sagt Gesundheitsminister Spahn. Denn die Flut der Tests etwa in einem stark von Corona betroffenen bayerischen Grenzlandkreis wird nicht in die weniger ausgelasteten Labore in Schleswig-Holstein geschickt. Also blieben viele Tests erst einmal liegen. Ohne Testergebnis tauchen Infizierte aber gar nicht in den Statistiken der Gesundheitsämter und damit des RKI auf. Es könne sein, dass nicht alle Testergebnisse in allen Regionen innerhalb von 24 Stunden vorlägen, räumt ALM-Vorstand Kramer ein. "Diese werden aber in der Regel innerhalb von 48 Stunden abgearbeitet", betont er und bestreitet zumindest einen signifikanten Rückstau. 

Verwendete Quellen:
  • Nachrichtenagentur Reuters

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