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Südsudan: Wo die Zukunft nur bis morgen reicht

Aufwachsen im Südsudan  

Wo die Zukunft nur bis morgen reicht

10.12.2019, 11:24 Uhr | Sandra Bulling, Unicef

Südsudan: Wo die Zukunft nur bis morgen reicht. Die vier Tage alte Agwei schläft im Lehrkrankenhaus von Wau. Hier bekommt sie Spezialnahrung und Medikamente gegen Malaria und Blutvergiftung. (Quelle: Unicef/Estey)

Die vier Tage alte Agwei schläft im Lehrkrankenhaus von Wau. Hier bekommt sie Spezialnahrung und Medikamente gegen Malaria und Blutvergiftung. (Quelle: Unicef/Estey)

Auf meiner Reise in den Südsudan, eines der ärmsten Länder der Welt, treffe ich viele schwer mangelernährte Kinder. Und viele starke Mütter, die gefährliche Wege gehen, um Hilfe für ihre Kinder zu suchen | Eine Reportage von Sandra Bulling, Unicef. 

Agwei ist vier Tage alt. Eingewickelt in eine gelbbraune Decke schläft sie fiebrig auf dem Krankenhausbett, atmet leise und flach. Ihre Mutter sitzt daneben und legt beschützend die Hand auf den Rücken des kleinen Mädchens. "Agwei ist mit Malaria und Blutvergiftung geboren", erzählt mir die Ärztin Mawada Mahmoud Joseph.

Die vier Tage alte Agwei schläft im Lehrkrankenhaus von Wau. Hier bekommt sie Spezialnahrung und Medikamente gegen Malaria und Blutvergiftung. (Quelle: Unicef/Estey)Die vier Tage alte Agwei schläft im Lehrkrankenhaus von Wau. Hier bekommt sie Spezialnahrung und Medikamente gegen Malaria und Blutvergiftung. (Quelle: Unicef/Estey)

Mawada arbeitet im Lehrkrankenhaus von Wau, der Hauptstadt der südsudanesischen Provinz Western Bahr el Ghazal. Zu ihr kommen die besonders schwer mangelernährten Kinder und Babys, die oft schon zu schwach sind, um Nahrung aufzunehmen. Viele von ihnen haben Malaria, fast alle leiden unter schwerem Durchfall. Denn Unterernährung ist nicht allein auf einen Mangel an Essen zurückzuführen. Krankheiten, schmutziges Trinkwasser, schlechte Hygiene, kaum medizinische Versorgung – dies alles führt dazu, dass Mawada tagtäglich Kindern wie Agwei das Leben retten muss.

Stundenlanger Fußmarsch – zwei Tage nach der Entbindung

Es ist meine dritte Reise in den Südsudan. Doch Schicksale wie das von Agwei berühren mich jedes Mal. "Zwei Tage nach der Geburt war Agwei sehr schwach, sie hat nicht an der Brust getrunken. Da ist die Mutter mit ihr fünf Stunden lang zu uns hier ins Krankenhaus gelaufen", sagt Mawada und schaut auf einen zerknitterten gelblichen Zettel – Agweis Krankenhausakte.

Mawada Mahmoud Joseph ist die einzige Ärztin auf der Kinderstation des Lehrkrankenhauses in Wau. Zu ihr kommen Kinder die so stark mangelernährt sind, dass sie nicht mehr alleine essen können. (Quelle: Unicef/Estey)Mawada Mahmoud Joseph ist die einzige Ärztin auf der Kinderstation des Lehrkrankenhauses in Wau. Zu ihr kommen Kinder die so stark mangelernährt sind, dass sie nicht mehr alleine essen können. (Quelle: Unicef/Estey)

Es fällt mir schwer, mich in diese Situation hineinzuversetzen. Zwei Tage nach der Geburt meiner Tochter konnte ich kaum die 20 Meter vom Krankenhausbett zur Hebammenstation am Ende des Gangs unseres Hospitals in Köln zurücklegen. Mit einem Neugeborenen aufzubrechen, in sengender Hitze, über rote staubige Pisten durch umkämpfte Gebiete, ohne Wasser und Essen den Weg ins Krankenhaus zu suchen, dazu gehören viel Kraft und Mut – und viel Verzweiflung.

Nach rund sechs Jahren Bürgerkrieg im Südsudan, und davor etwa fünf Jahrzehnten Unabhängigkeitskampf vom Nachbarland Sudan, hat heute jeder zweite Einwohner des jüngsten Staates der Welt nicht genug zu essen. Für das Jahr 2020 rechnen Unicef-Kollegen mit rund 1,3 Millionen Kindern, die jeden Abend hungrig ins Bett gehen werden. Etwa 292.000 von ihnen werden ohne Hilfe nicht überleben – so wie Agwei.

Im Zimmer nebenan sitzt Alfred Bol mit seiner Tochter Rose Alla. Rose liegt apathisch auf dem Bett; als Alfred sie hochnehmen will, fängt sie an zu weinen. Schnell umarmt er sie sanft und schaukelt sie auf seinen Knien, bis sie sich beruhigt. Rose kam mit hohem Fieber und Durchfall ins Krankenhaus. Diagnose: Malaria. Die Krankheit hatte sie so geschwächt, dass sie nichts mehr essen konnte.

Jetzt bekommt sie alle zwei Stunden die Spezialmilch F-75, um wieder zu Kräften zu kommen. "Sie hat noch immer Durchfall, aber heute nur einmal am Tag", sagt Mawada. Ein Lichtblick, wenn auch nur ein schwacher. "Ich bin zuversichtlich, dass es ihr bald besser gehen wird. Dann überweisen wir Rose an ein Unicef-Ernährungszentrum. Dort wird sie nahrhafte Erdnusspaste bekommen, bis sie wieder ein normales Gewicht erreicht hat."

Verbrannte Erde, verlorene Ernte

Die kleine Rose hat fünf Geschwister. Die Familie musste aus dem Heimatdorf Kwanja fliehen, weil Kämpfe zwischen zwei Stammesgruppen ausbrachen. Ihre Hütte wurde niedergebrannt. Alfred ist Bauer, doch sein Land hat er verloren. Er steht jeden Morgen auf, ohne zu wissen, ob seine Kinder heute eine Mahlzeit bekommen werden.

So wie Alfred geht es fast anderthalb Millionen Südsudanesen. Der brutale Konflikt hat sie vertrieben aus ihren Dörfern, ihr Land liegt brach, die Ernte verbrannt. Viele Menschen haben Schutz in den Vertriebenenlagern der UN gesucht, oder sind bei Freunden und Verwandten untergekommen. 

Dabei ist der Südsudan ein enorm fruchtbares Land. Die Hälfte des Jahres regnet es. Vom Flugzeug aus sehe ich endlose grüne Flächen, durchzogen von Seen und Flüssen. Der Staat könnte seine Bevölkerung selbst ernähren. Alfred wünscht sich nichts sehnlicher als Frieden. "Dann könnte ich mein Feld wieder bebauen und meine Kinder ernähren", hofft er.

Ernährungsexpertin Jane Gune Rombe bespricht mit den Müttern in Tharkueng, wie sie ihre Kinder abwechslungsreich und gesund ernähren können. (Quelle: Unicef/Estey)Ernährungsexpertin Jane Gune Rombe bespricht mit den Müttern in Tharkueng, wie sie ihre Kinder abwechslungsreich und gesund ernähren können. (Quelle: Unicef/Estey)

Mit Jane Gune Rombe fahre ich in das Dorf Tharkueng. Jane ist Ernährungsexpertin bei Unicef, sie besucht regelmäßig alle 65 Ernährungszentren rund um die Provinzhauptstadt Wau. In Tharkueng ist viel los, auf mehreren Bänken sitzen Mütter mit mangelernährten Kleinkindern auf dem Schoss und grünen Karten in der Hand – ihre Rationskarten für Erdnusspaste. Auch hier hat fast jedes Kind Durchfall, manche hatten zudem Masern oder Malaria.

Jane begrüßt das Mädchen Ahok Deng, die mit ihrer Mutter Nyamou seit zwei Monaten jede Woche hierher kommt. Schüchtern sitzt Ahok auf dem Schoss ihrer Mutter. Mit 20 Monaten wiegt sie gerade mal 5,6 Kilogramm. An einem Plastiktisch sitzen zwei Mitarbeiter der Unicef-Partnerorganisation Johanniter. Sie wiegen und messen Ahok, prüfen ihren Appetit mit einem Päckchen Erdnusspaste. Ahok ist etwas abgelenkt von unserem Besuch, doch als ich mich abwende, beißt sie schnell einen großen Bissen ab. 

Die Helfer tragen Ahoks Werte auf die grüne Karte ein und bewerten ihre Gewichtsentwicklung. Als ich auf ihre Karte schaue, sehe ich, wie ihr Gewicht auf und ab pendelte in den letzten acht Wochen. Ahok war an Masern erkrankt und konnte kaum Nahrung zu sich nehmen. Doch seit ein paar Tagen geht es ihr besser. Dann bekommt Ahoks Mutter die Wochenration Erdnusspaste und eine Mitarbeiterin zeigt ihr, wie man die silbrig-roten Päckchen kneten muss, damit die Paste weich wird.

Im offenen Hof des Ernährungszentrums sitzen rund zwanzig Mütter auf einer Bastmatte auf dem staubigen Boden. Jane setzt sich in die Mitte, holt ein paar laminierte Bilder heraus, die verschiedene Obst- und Gemüsesorten zeigen. Sie spricht mit den Müttern, hört ihnen zu, scherzt mit ihren Kindern. "Es ist überlebenswichtig, schwer mangelernährte Kinder mit Spezialnahrung zu versorgen, damit sie wieder zu Kräften kommen. Aber genauso wichtig ist es, den Müttern zu zeigen, wie sie ihre Kinder gesund und abwechslungsreich ernähren, auch mit wenigen Mitteln." 

Leben für den morgigen Tag

Als ich Jane frage, welche ihrer Meinung nach die größte Herausforderung für Mütter und Kinder im Südsudan sei, sagt sie schnell und ohne nachzudenken: "Der Konflikt und die Vertreibung. Wenn in deinem Dorf geschossen wird, dann lässt du alles liegen und rennst. Rennst nur noch weit weg."

Neben ihrem Besitz lassen die flüchtenden Familien auch die Zukunft zurück. Denn wenn Eltern jeden Tag um das Überleben ihrer Kinder kämpfen müssen, dann haben sie keine Kraft und keine Mittel, für die Zukunft zu planen. Dann leben sie nur für den morgigen Tag. Wenn sie morgens nicht wissen, ob sie abends etwas zu essen haben, dann ist der Gedanke an eine bessere Zukunft reinster Luxus – und gleichzeitig oft der einzige Antrieb, der sie zum Weiterleben motiviert.
 

 
"Ich bin nicht glücklich", sagt Ahoks Mutter. "Das einzig Gute in meinem Leben sind meine Kinder. Ich hoffe, dass es ihnen eines Tages besser gehen wird."

Dieser Beitrag entstand im Rahmen eines Kooperationsprojekts mit Unicef. Text- und Fotomaterial wurden von Unicef bereitgestellt.

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