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Amokfahrt in Berlin: Pfarrer der Gedächtniskirche im Interview


"Es war keine gute Idee, Poller aufzubauen"

Von Antje Hildebrandt

Aktualisiert am 11.06.2022Lesedauer: 4 Min.
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Nach der tödlichen Amokfahrt: Einsatzkräfte haben die Umgebung der Gedächtniskirche abgesperrt. (Quelle: Zeitz/imago images)
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Schon zum zweiten Mal wurde die Gegend um die Gedächtniskirche Schauplatz einer Katastrophe. Seit dem Terroranschlag von 2016 geht die Besucherzahl der Kirche zurück. Wie geht sie mit der "Amokfahrt" vom 8. Juni um?

Martin Germer ist seit 2005 Pfarrer an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Berlins berühmteste Kirche mit ihrer Turmruine gehört zu den Wahrzeichen der Stadt. Im Interview mit t-online spricht Germer über die Folgen der Tat und wie sich die Kirche gegen ähnliche Angriffe schützen will.

t-online: Herr Germer, wie haben Sie erfahren, dass Mittwoch ein Autofahrer vor der Gedächtniskirche über den Bürgersteig gerast ist und eine Lehrerin getötet und mehrere Menschen schwer verletzt hat?

Martin Germer: Ich bin gerade im Urlaub und war mit dem Fahrrad auf dem Elbdeich in Richtung Glückstadt unterwegs. Während einer Pause habe ich auf dem Handy gesehen, dass mir meine Kollegin eine Nachricht geschickt hatte.

Können Sie sich noch an den genauen Wortlaut erinnern?

In der SMS war von einem "Anschlag" und von zwei Toten und mehreren Verletzten die Rede – so hieß es ja auch in den ersten Meldungen. Es wurde rasch klar, dass diese erste Annahme wohl nicht zutraf.

Der Bundeskanzler spricht von einer "Amoktat". Zucken Sie innerlich zusammen, wenn dieses Wort im Zusammenhang mit "tödlicher Autofahrt" und "Gedächtniskirche" genannt wird?

Natürlich. Aber dazu muss man nicht Pfarrer in der Gedächtniskirche sein, um da einen Schreck zu kriegen. Der erste Gedanke ist ja: Wie schrecklich ist es für die Menschen, die es unmittelbar getroffen hat. Ich bin seit dem Terroranschlag 2016 immer wieder gefragt worden: Wie geht es Dir damit? Kannst Du überhaupt noch unbefangen auf den Breitscheidplatz gehen?

Und, können Sie?

Ja, klar. Statistisch ist das Risiko, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden, viel größer als das Risiko, Opfer eines Anschlags zu werden.

Aber so eine tödliche Amokfahrt kann Sie doch nicht kaltlassen.

Nein, und natürlich habe ich gedacht: "Das muss doch nicht schon wieder an der Gedächtniskirche sein." Aber ich denke, dass meine Kollegen und die Notfallseelsorger da wie immer gut reagiert und die Kirche geöffnet haben für Menschen, die Unterstützung benötigten. Dafür werden wir ja als Kirche gebraucht. Gut, dass die Gedächtniskirche gleich um die Ecke war. Mittwoch gab es abends gleich eine Gedenkveranstaltung.

Martin Germer
Pfarrer Martin Germer an der Gedächtniskirche in Berlin. (Quelle: Britta Pedersen/Archiv/dpa-bilder)

Eine Kirche sollte ja eigentlich ein Schutzraum sein. Die Gedächtniskirche wird jetzt aber von vielen immer mit dem Terroranschlag assoziiert. Beschädigt das nicht den Ruf der Kirche?

Es gibt tatsächlich Hinterbliebene der Opfer des Terroranschlags von 2016, die das Denkmal bis heute nicht besucht haben, weil die Kirche für sie ein Ort des Schreckens geworden ist. Was Mittwoch passiert ist, hatte aber mit der Kirche gar nichts zu tun.

Woher wollen Sie das wissen?

Der Täter kam zufällig vom Ku'damm in Richtung Tauentzien. Er hatte nicht die Kirche im Fokus. Auch dem Attentäter vor fünf Jahren ging es mutmaßlich nicht um die Kirche. Jedenfalls gibt es dafür keinerlei Indizien. Sein Ziel war der Weihnachtsmarkt. Das muss man unterscheiden.

Nach dem Terroranschlag hat die Stadt Poller um die Kirche herum errichtet. Hat das Ihr persönliches Sicherheitsgefühl verstärkt?

Also, eine ästhetisch angemessene Sicherung ist das nicht. Rings um den Platz sind sehr unschöne und übertriebene Barrieren aufgebaut worden – und zwar so, dass sie sich nicht dezent einfügen. Wir warten seit Jahren darauf, dass es eine Dauerlösung gibt, die ästhetisch passender ist. Es war keine gute Idee, die aufzubauen.

Warum nicht?

Die Sperren verhindern nur Anschläge mit Kraftfahrzeugen. Es gäbe ja andere Möglichkeiten für Kriminelle, die dadurch nicht verhindert werden. Die Poller schützen ja nur den inneren Bereich des Platzes um die Kirche herum. Aber auf der anderen Seite gibt es die nicht. Und genau da ist diese tödliche Tat geschehen.

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Sie wollen damit sagen, auch Poller vermitteln nur eine trügerische Sicherheit?

Manche Menschen werden dadurch unterschwellig sogar verunsichert. Die Zahl der Besucher ist seit dem Terroranschlag 2016 um circa 10 bis 15 Prozent zurückgegangen. Und zwar schon vor der Pandemie, das haben wir ermittelt. Wir führen das auch auf diese martialischen Sicherheitsbarrieren zurück. Sie veranlassen Menschen dazu, um diesen Platz einen Bogen zu machen.

Und was, wenn die Leute einfach deshalb wegbleiben, weil die Kirche zum Synonym für ein nationales Trauma geworden ist?

Ich habe noch niemanden sagen hören, dass er die Kirche selbst wegen der Erinnerung an den Anschlag meide. Und diese Kirche steht auch für ganz viele andere und wichtige und schöne Dinge. Ich weiß aber: Auch die Hotels ringsherum haben Stornierungen bekommen – mit der Begründung: Das muss da ja sehr gefährlich sein, wenn es da so besondere Sicherheitsbarrieren gibt.

Würde man das Problem lösen, wenn man die Gegend um die Gedächtniskirche zur autofreien Zone erklären würde?

Ich denke tatsächlich, dass eine deutliche Verkehrsberuhigung auf beiden Seiten der Kirche mit einer Streckenführung, die starkes Beschleunigen verhindert, die eleganteste Lösung wäre, um Passanten auf dem gesamten Platz zu schützen. Entsprechende Entwürfe sind seit einiger Zeit in der Diskussion. Ich halte sie auch unter Gesichtspunkten der innerstädtischen Mobilitätsentwicklung für sinnvoll. Aber das sollte nicht mit Bezug auf das diskutiert werden, was gestern geschehen ist.

Fürchten Sie jetzt, dass die Besucherzahlen wegen der tödlichen Amokfahrt noch weiter zurückgehen?

So weit habe ich noch gar nicht gedacht. Ich kann aber natürlich nicht ausschließen, dass manche Leute in der nächsten Zeit einen noch größeren Bogen um den Breitscheidplatz machen.

Wir bedanken uns für das Gespräch.

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Verwendete Quellen
  • Interview mit Martin Germer
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