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"Schreib Freispruch"

Von Antje Hildebrandt

Aktualisiert am 24.06.2022Lesedauer: 5 Min.
Der Angeklagte vor Gericht: Der Mann aus dem Clan-Milieu benutzte den Prozess als Bühne.
Der Angeklagte vor Gericht: Der Mann aus dem Clan-Milieu benutzte den Prozess als Bühne. (Quelle: Olaf Wagner)
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Das Landgericht Berlin hat einen Intensivstraftäter, der dem Clan-Milieu zugerechnet wird, freigesprochen. Das Protokoll eines Prozesses, der zur Farce geriet.

Die Anklage ist kaum verlesen, da bricht sie wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Richterin liest vor, was die Zeugin am 18. Februar mit der Hand aufgeschrieben hat – zwei Monate nach ihrer ersten Aussage bei der Polizei. Die Vorwürfe, Abdallah A.-C. habe sie vergewaltigt und zur Prostitution gezwungen, stimmten nicht. "Ich habe alles freiwillig gemacht."

Die Zeugin, das ist Victoria S. aus Hagen, 22 Jahre alt. Eine hochgewachsene Frau, schulterlanges Haar. Vor Gericht erscheint sie im schwarzen Anzug, ihre Geschichte klingt so schräg, dass man sich zwischendurch fragt, ob das wirklich wahr sein kann oder ob es sich dabei um ein Drehbuch für einen schlechten Film handelt.

Escort-Girl für "Sugar-Daddys"

Eine 20-Jährige, die als Escort-Girl "für Sugar Daddys arbeitet", kriegt irgendwann eine Einladung von einem Mann aus Berlin, der dem Clan-Milieu zugerechnet wird. Er ist nicht verwandt mit einem gleichnamigen Clan-Chef, aber auch sein Vorstrafenregister ist lang. Er würde sie gerne kennenlernen, schreibt er und schickt ihr ein Zugticket nach Berlin.

Schon am ersten Tag haben sie Sex zu dritt in seinem Luxus-Appartement, mit einem Freund von A.-C.. Ein zweiter Freund filmt den Dreier. A.-C. schenkt ihr eine Rolex im Wert von 40.000 Euro und umgarnt sie. In einer Vernehmung mit der Polizei sagt sie später: "Ich fühlte mich wie auf Händen getragen. Ich dachte, ich hätte endlich die Liebe meines Lebens gefunden."

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"Doch, du gehst jetzt arbeiten"

Doch es dauerte nur ein paar Wochen, da ist die Rolex verschwunden und auch das Geld in ihrem Portemonnaie, das sie jetzt mit den Freiern verdient, die sie über "BerlinIntim" findet, einem Internetportal für "Escort, Huren, Bordelle, Swingerclubs und Sexkontakte in Berlin".

Abdallah A-C. hat sie dort angemeldet. Er hat ihr eine Ein-Zimmer-Wohnung gemietet, in der sie ihre Freier empfing. Zwischen 600 und 2.000 Euro will sie dort nach eigenen Angaben an einem 12-Stunden-Tag verdient haben. Angeblich nicht immer freiwillig. Der Polizei hat sie gesagt, sie habe Schmerzen seit einer Operation gehabt. Aber A.-C. habe sie gedrängt, weiterzumachen. "Doch, du gehst jetzt arbeiten."

Es mache ihn geil, wenn sie weine

Und als sie nach einigen Wochen an ihre Grenze gekommen sei, habe er ihr befohlen, sich mit Alkohol zu betäuben. "Trink, dann geht’s Dir wieder besser." Ende Dezember 2021, so hat sie es der Polizei gesagt, habe er sie vergewaltigt. Es hatte Streit gegeben. Immer häufiger seien die Tageseinnahmen aus ihrem Portemonnaie verschwunden.

Wieviel es insgesamt gewesen seien? "15.000 Euro", schätzt sie. Sie habe geweint. Doch er habe ihr die Tränen aus dem Gesicht geleckt. Er sei gegen ihren Willen in sie eingedrungen. Sie zitiert ihn mit den Worten: Es mache ihn geil, wenn sie weine und nein sage.

Reingefallen auf die "Loverboy-Masche"

Die Protokolle der Polizei werfen Fragen auf. A.-C. ist ein Intensivtäter. Ein charismatischer Glatzkopf, der keinen Beruf gelernt hat, der aber auf Instagram gerne in Designer-Klamotten vor PS-starken Autos posiert. Bis Juli 2021 hatte "Berlins bekannteste Glatze", wie die "Bild" ihn nennt, 21 Einträge im Strafregister, unter anderem wegen Zuhälterei.

Victoria S. soll nicht die einzige Frau sein, die für ihn angeschafft hat. Sie sagt, auf Instagram habe es bis vor kurzem eine Seite gegeben, auf der andere Frauen schrieben, wie er sie mit der "Loverboy-Masche" rumgekriegt haben soll. Wie kann eine Frau auf so jemanden hereinfallen?

Der Prozess gerät zur Farce

Aber Fragen kann die Richterin an diesem Tag nicht stellen. Sowohl Abdallah A.-C. als auch Victoria S. verweigern die Aussage. Und nachdem die Richterin den Widerruf der 22- jährigen vorgelesen hat, gerät das ganze Verfahren zur Farce.

Sechs Prozesstage waren anberaumt, doch schon zum Auftakt resümiert die Staatsanwältin resigniert, dass es schwierig, wenn nicht gar unmöglich sei, den "Tatnachweis" zu erbringen. Es ist wie so häufig in Prozessen gegen Angeklagte aus der Clan-Szene: Zeugen rudern zurück, sie knicken ein oder kippen um. Zu groß ist die Angst vor Rache-Akten.

Dabei hatte die Richterin noch versucht, Victoria S. eine Brücke zu bauen. Sie hatte angedeutet, dass es Hinweise gegeben habe, "dass Druck auf Sie ausgeübt“ worden sei.

"Immer freundlich, trotz Untreue"

Es ist eine Anspielung auf den Widerruf. Er markiert den Showdown in diesem Prozess. Aus dem angeblichen Vergewaltiger wird plötzlich ein einfühlsamer Lover. A.-C. habe nicht wissen können, dass sie nach dem Streit über das verschwundene Geld keinen Sex mit ihm haben wollte, steht in dem Schreiben. Sie hätte es ihm ja nicht gesagt. Es liest sich, als hätte ihr jemand einen Stift in die Hand gedrückt und die Hand beim Schreiben geführt.

Sie sei enttäuscht von ihm gewesen, weil er sie mit anderen Frauen betrogen habe. Deshalb habe sie übertrieben. "Abgesehen von seiner Untreue war er immer sehr freundlich zu mir", heißt es in dem Schreiben weiter. Klar, habe er das Geld hinter ihrem Rücken aus dem Portemonnaie genommen. Aber er habe ihr immer hübsche Sachen zum Anziehen gekauft und ihr sogar das Nagelstudio bezahlt.

Der Gerichtssaal als Bühne

Abdallah A.-C. hört nicht zu, während die Richterin spricht. Die Richterin muss ihn wiederholt daran erinnern, seine OP-Maske aufzusetzen. "Sie müssen die auch über die Nase ziehen." Es ist sein großer Auftritt, das Gericht ist seine Bühne. Er trägt teure Sneaker und etwas, was aussieht wie ein stylisher Schlafanzug. Vor dem Gerichtstermin ist er offenbar extra noch zum Barbier gegangen. Ein Film auf seiner Instagram-Seite zeigt, wie er rasiert wird. Er hat ihn wenige Stunden vor dem Prozess hochgeladen.

A.-C. erscheint nicht allein vor Gericht. Ein untersetzter Mann in Jogginghose und Badelatschen begleitet ihn. "Das ist mein Bruder", sagt er. Der Mann ist auf Krawall gebürstet. Er bedroht einen Journalisten, der ihn daran erinnert, die OP-Maske aufzusetzen. Sicherheitshalber wird ein zweiter Wachtmeister in den Gerichtssaal bestellt – für den Fall, dass der Bruder im Zuschauerraum ausflippt.

"Schreib Freispruch!"

Die beiden Männer scheinen sich ihrer Sache sicher zu sein. Noch bevor die Staatsanwältin Abdallah A.-C. mangels Beweisen vom Vorwurf der Vergewaltigung, der Zuhälterei und der Zwangsprostitution freispricht, gebärden sie sich als Sieger.

"Warum kommen immer so viele Journalisten zu unseren Prozessen?", fragt der Bruder draußen auf dem Gerichtsflur – und beantwortet sich die Frage gleich selbst: "Weil die Leute die A.-C’s lieben." "Schreib Freispruch", herrscht er einen Journalisten an. Es ist ein guter Tag für die A-C’s – und ein rabenschwarzer für den deutschen Rechtsstaat.

Eine Zeugin, die im Prozess schweigt und sich auf wundersame Weise in eine Verteidigerin verwandelt hat: Etwas Besseres kann einem Angeklagten nicht passieren.

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