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Alkohol- und Drogenszene: Hauptbahnhof wird für Bremer zum Angst-Ort


Hauptbahnhof wird für Bremer zum Angst-Ort

Von Kristin Hermann

11.12.2021Lesedauer: 4 Min.
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Der Hauptbahnhof in Bremen (Archivbild): Hier wurde bereits eine Waffenverbotszone errichtet.
Der Hauptbahnhof in Bremen (Archivbild): Hier wurde bereits eine Waffenverbotszone errichtet. (Quelle: Aviation-Stock/imago-images-bilder)
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Seit Jahren kämpft Bremen gegen das schlechte Image seines Hauptbahnhofes. Doch trotz zahlreicher Maßnahmen verschärft sich die Situation dort weiter und führt dazu, dass immer mehr Menschen aus Angst den Ort umgehen.

Jeden Tag läuft Svenja Assmann am Bremer Hauptbahnhof entlang, wenn sie morgens zur Arbeit geht. Doch seit Monaten fühlt sie sich dabei nicht mehr sicher. Sobald sie den Bahnhofsvorplatz erreicht, klemmt sie ihre Handtasche fest unter den Arm, ihr Blick ist wachsam, das Handy bleibt vorsichtshalber in der Jackentasche, um niemandem einen offensichtlichen Anreiz zum Diebstahl zu bieten, sagt sie.

Die Alkohol- und Drogenszene, die werktags dort bereits am frühen Morgen in Erscheinung tritt, mache ihr zunehmend Angst. "Am Wochenende meide ich den Bereich gänzlich", erzählt die 31-Jährige.

So wie Svenja Assmann geht es vielen Bremern. Die Pandemie hat die Situation weiter verschärft. Verschiedene Hilfseinrichtungen haben ihren Dienst eingeschränkt oder geschlossen. Die Polizei ist an anderer Stelle in der Stadt mit der Durchsetzung der Corona-Verordnung beschäftigt. Vor allem neben dem Überseemuseum und im Haltestellenbereich führt lautstarkes und aggressives Verhalten unterschiedlicher Gruppierungen zu Verunsicherung.

Bremen: Rechtliche Handhabe schwer

Bremens Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) wollte das Ortsgesetz anpassen lassen, um Ordnungsdienst und Polizei eine bessere Handhabe gegen Trinkgelage an den Haltestellen von Bussen und Bahnen zu verschaffen. Das sei rechtlich jedoch schwer. Unterstützung gab es unter anderem aus der Opposition. Im Senat konnte bisher allerdings keine Einigung zu der Regelung gefunden werden.

Im Schnitt halten sich Angaben der Polizei zufolge etwa 50 Personen gleichzeitig rund um den Hauptbahnhof auf, die der Trinker-, Obdachlosen- oder Drogenszene zuzuordnen sind. An den Wochenenden versammeln sich auf dem Vorplatz, der an die Discomeile der Stadt grenzt, meist deutlich mehr Personen.

Aussagekräftige Zahlen über die Kriminalitätsentwicklung am Bahnhof in diesem Jahr gibt es nach Angaben der Bremer Polizei bisher nicht. "2020 registrierten wir viele Straftaten, davon eine Vielzahl an Diebstählen, rund um den Bahnhof – deutlich mehr Straftaten als 2019", sagt Polizeisprecher Niels Matthiesen. Immer wieder kommt es in dem Bereich zu Auseinandersetzungen, zum Teil mit Schwerverletzten.

Etliche Spritzen neben Kinderspielplatz

Laut Behördenangaben sorgt insbesondere die Crackszene für Unrat und Unruhe am Bahnhof. Was das bedeutet, wird etwa rund um den Gustav-Deetjen-Tunnel sichtbar, der direkt an den Hauptbahnhof grenzt. Unweit eines Kinderspielplatzes liegen gebrauchte Spritzen und andere unschöne Hinterlassenschaften auf dem Boden.

Hinterlassenschaften am Gustav-Deetjen-Tunnel: Auch benutzte Spritzen finden sich immer wieder auf dem Gelände.
Hinterlassenschaften am Gustav-Deetjen-Tunnel: Auch benutzte Spritzen finden sich immer wieder auf dem Gelände. (Quelle: Kristin Hermann/leer)

Neben den Anwohnern hat auch die angrenzende Kreuzgemeinde unter diesen Umständen zu leiden. Regelmäßig verirren sich Menschen auf ihr Grundstück, konsumieren dort Drogen oder haben öffentlich Sex, erklärt Steffen Kahl, Pastor der Gemeinde.

Kirchenmitglieder fordern Maßnahmen

Bei den Mitgliedern herrsche Unverständnis über die liberale Handhabe von Stadt und Polizei. "Wir verteilen regelmäßig rund um den Bahnhof warme Getränke und Essen und haben deshalb einen relativ guten Überblick", sagt Kahl. "Allein auf der kleinen Fußgängerbrücke am Tunnel sitzen am Wochenende ganze Gruppen und köcheln über einem kleinen Feuer ihre Drogen oder dealen. Das ist für jeden klar erkennbar. Da fragt man sich schon, warum nicht härter durchgegriffen wird."

Innensenator Ulrich Mäurer hat die Sicherheit am Bahnhof in der Vergangenheit immer wieder zur Chefsache erklärt. Seitdem wurden Notrufsäulen installiert, die Bürgern per Knopfdruck Kontakt zur Polizei herstellen. Zudem wurden 61 Kameras angebracht, die in der Videoleitstelle der Polizei auflaufen und ein schnelleres Eingreifen ermöglichen sollen. Gelöst ist die Problematik damit längst nicht, wie die Innenbehörde einräumt. "Die Lage am Hauptbahnhof ist trotz aller bisherigen Maßnahmen noch absolut nicht zufriedenstellend", sagt Sprecherin Karen Stroink.

Lösungsansätze sind vielschichtig

Die eine Lösung für die Problematik gibt es laut Innenbehörde jedoch nicht. So würden beispielsweise vermehrte Kontrollen und Repressionen in den meisten Fällen nur kurzfristig Abhilfe schaffen. Neben der polizeilichen Präsenz sei die Arbeit von Streetworkern und Hilfsangeboten ein wichtiger Baustein, die teilweise kranken Menschen wieder in das soziale Leben einzugliedern. Deshalb arbeiten weitere Ressorts wie die Sozial- und Gesundheitsbehörde daran, Lösungen zu entwickeln.

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Ein Bestandteil könnte der Ausbau eines von Sozialarbeitern begleiteten Szenetreffs sein, der aktuell vier Stunden werktäglich neben dem Intercity-Hotel und derzeit im Wechsel mit dem Wärmebus von der Inneren Mission betreut wird. 80 bis 100 Kontakte würde es in dieser Zeit geben, teilt Katharina Kähler mit, Bereichsleiterin der Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission.

Streetworker und Szenetreffs sollen Situation verbessern

Auch wenn sich über den Standort und die Anmutung des Treffs – er wurde nach der Eröffnung von Kritikern mit einem Käfig verglichen – streiten ließe, so bewerten die dort eingesetzten Streetworker den Anlaufpunkt positiv. "Klar ist aber, dass vier Stunden am Tag nicht reichen", sagt Kähler. Sie wünscht sich erweiterte Öffnungszeiten und weitere Treffs dieser Art, um die unterschiedlichen Szenen am Bahnhof besser entzerren und ansprechen zu können.

Im Oktober hat das Innenressort dem Senat einen Aktionsplan mit weiteren Maßnahmen vorgelegt, die für die Besuchenden und Anrainer sowie die Menschen in prekären Lebenslagen Verbesserungen bringen sollen.

Darin aufgeführt sind unter anderem die Bereitstellung kostenloser Toiletten, die Überprüfung der Reinigungsintervalle, der Ausbau des Szenetreffs, die Verlagerung der Drogenszene in Richtung eines Drogenkonsumraums und ein Alkohol- und Suchtmittelkonsumverbot am Hauptbahnhof. Über den Plan soll am Dienstag im Senat beraten werden.

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Verwendete Quellen
  • Gespräche mit Svenja Assmann
  • Ulrich Mäurer, Innensenator
  • Niels Matthiesen, Polizeisprecher
  • Steffen Kahl, Pastor der Kreuzgemeinde
  • Karen Stroink, Sprecherin der Innenbehörde
  • Katharina Kähler, Bereichsleiterin der Wohnungslosenhilfe der Inneren Mission
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