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"Helden des Monats": Genossenschaft belebt Erfurter Schauspielhaus wieder


Genossenschaft belebt Erfurter Schauspielhaus wieder


Aktualisiert am 01.05.2022Lesedauer: 5 Min.
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Cornelia Mai und Andreas Handschuh: Beide engagieren sich im Kulturquartier Schauspielhaus.Vergrößern des Bildes
Cornelia Mai und Andreas Handschuh: Beide engagieren sich im Kulturquartier Schauspielhaus. (Quelle: Landeshauptstadt Erfurt)

Das ehemalige Schauspielhaus in Erfurt war lange Zeit dem Verfall preisgegeben. Nun will eine Gruppe Freiwilliger dem Komplex wieder Leben einhauchen. Zwei von ihnen werden dafür nun als Erfurts "Helden des Monats" geehrt.

Mit der Aktion "Held des Monats" werden in Erfurt ehrenamtlich tätige Bürger für ihr Engagement geehrt. Sie ist ein gemeinsames Projekt der Stadt Erfurt und der Ströer Content Group*, die ehrenamtlichem Engagement ein Gesicht verleihen soll. Dieses Mal geehrt wurden: Cornelia Mai und Andreas Handschuh. Beide engagieren sich im Kulturquartier Schauspielhaus.

Auf dem denkmalgeschützten Gebäudekomplex wächst seit einigen Jahren ein Ort der Kultur und des Dialogs heran. Weltoffen, bunt und tolerant soll es hier zugehen. Aus dem ehemaligen Schauspielhaus soll wieder ein pulsierender Kulturort in der Mitte der Stadt werden. Konzerte, Schauspiel, Tanz, Lesungen, Kino und Ausstellungen erhalten Raum. Auch für Gespräche, Diskussionen und Visionen soll Platz sein.

Entstanden ist das Haus 1897, damals wurde es vom Geselligkeitsverein "Ressource" als Vereinshaus eröffnet. 1949 wurde es als städtisches Theater ein zweites Mal eröffnet. Doch dann kam 2003 das Aus: Mit dem Bau des neuen Theaters im Brühl wurde das Theater abgewickelt. Seitdem war es dem Verfall preisgegeben. Das wollen die Initiatoren der neu gegründeten Genossenschaft ändern.

Erfurter Ehrenamtler wollen Schauspielhaus mit Kultur füllen

Conny (Cornelia) Mai ist hauptberuflich Beamtin in der Thüringer Landesverwaltung. Auf das Haus wurde die 51-Jährige durch einen Werbeflyer des Kinoklubs aufmerksam. Eigentlich wollte sie sich nur finanziell engagieren, doch inzwischen sind fünf Jahre vergangen und sie hilft bei der Organisation und Durchführung von Veranstaltungen mit.

Damals sei sie einige Male vor Ort gewesen und habe schnell gesehen, dass jeder für dieses Projekt gebraucht wird. "Mir waren die Leute vor Ort einfach unheimlich sympathisch und ich war neugierig auf das Projekt an sich geworden. Es hat einfach gepasst, daher bin ich dabeigeblieben", sagt sie im Gespräch mit t-online.

Andreas Handschuh ist Projektmanager in einer Softwarefirma. Zum Kulturquartier Schauspielhaus ist der 43-Jährige im Jahr 2016 gestoßen. "Ich hatte in der Zeitung davon gelesen und fand das spannend", schildert er rückblickend. Schnell kam es zu einem Treffen. Kultur war ihm schon immer sehr wichtig, aber bis dato habe er Kultur nur als Konsument erlebt. Das sollte sich ändern: Inzwischen ist der ITler unter anderem ehrenamtlicher Schatzmeister des Vereins.

t-online: Wie sehen die Projekte aus, die Sie im Kulturquartier Schauspielhaus nach vorne treiben?

Conny Mai: Bei uns im Schauspielhaus ist ganz viel möglich, das Programm ist vielfältig. Neben bekannten Künstlern geben wir auch jungen oder auch unbekannten Künstlern eine Bühne. Oft entstehen coole Kooperationen, die für alle eine Bereicherung sind.

Andreas Handschuh: Ein sehr großes Projekt ist es, das Haus, welches seit 2003 leer stand, wiederzubeleben. Es ist auch ein sehr lohnenswertes Projekt, denn es ist ein wunderschönes Haus. Es wäre einfach schade, wenn es weiter zerfällt.

In der Zeit des Leerstands wurden im Keller Sprengübungen gemacht, auch wurde einiges geklaut – das Haus wäre irgendwann zusammen gefallen. Mir ist es wichtig, dass Kultur einen Raum erhält, in dem Menschen sich auch ausprobieren können.

Was ist das Besondere an diesem Projekt?

Andreas Handschuh: Die Idee, dass das ganze Projekt durch die in Gründung befindliche Genossenschaft getragen wird, begeistert mich. Das Haus wurde von der Genossenschaft gekauft: Nicht einige wenige Leute, sondern eine breite Gruppe trägt das Projekt. Vom Bürger, für den Bürger. Über 800 Genossenschaftsmitglieder zeigen Engagement. Das freut mich sehr.

Wir sind die erste Kulturgenossenschaft in Thüringen. Das war auch für die Finanzverwaltung ein Novum, so etwas gab es noch nicht. Das ist sehr spannend und gut. Auch für mich persönlich ist es eine Bereicherung zu sehen, wie sich diese neue Idee weiter entwickelt.

Ich konnte über meine Mitarbeit beim Kulturquartier viele Kontakte knüpfen. Bei diesem Projekt ist ein sehr breites Spektrum an aktiven Mitmachern vertreten: Architekten, Künstler, Bauarbeiter, Beamte – eben sehr viele verschiedene Menschen. Das empfinde ich als gute Abwechslung zur Arbeit, zum Alltag.

Was sollte man denn mitbringen, um sich in Ihrem Projekt zu engagieren?

Conny Mai: Hier findet jeder, ganz entsprechend seinen Möglichkeiten, seinen Platz. Man muss ein bisschen Zeit mitbringen, der Rest findet sich eigentlich ganz von alleine.

Andreas Handschuh: Ja, man muss nur sich selber mitbringen. Es gibt bei uns so viele und verschiedene Aufgaben, da findet jeder etwas. Man kann immer auch mit sehr kleinen Dingen helfen – das kann auch mal nur ein selbstgebackener Kuchen sein. Jeder kann hier jederzeit genauso, wie er eben kann, teilhaben.

Warum sollte die Politik ein solches ehrenamtliches Engagement unterstützten?

Conny Mai: Ohne die Unterstützung durch die Politik fehlen einfach die notwendigen finanziellen Mittel und manches gute Projekt würde gar nicht erst begonnen, da private Spenden nicht ausreichen. Es wäre auch schön, wenn die Politik durch weniger Regelungen und Gesetze mehr Freiräume ermöglicht und damit die ehrenamtliche Arbeit einfacher machen würde.

Andreas Handschuh: Der Erhalt des Hauses ist eine wichtige Aufgabe und ich finde es gut, dass sich so viele Menschen dafür engagieren. Das Projekt ist aus der Bevölkerung heraus entstanden, der Bedarf nach solchen Angeboten ist eben offensichtlich da. Die Politik sollte solchen Ideen keine Steine in den Weg legen. Denn so haben wir die Chance, Ideen zu realisieren.

Es gibt zum Glück viele Förderprogramme. So ist es möglich, dass wir Kultur gestalten können, ohne ausschließlich auf die Finanzen zu achten. Wir können Veranstaltungen anbieten, in denen man sich ausprobieren kann. Wir können einen geschützten Raum anbieten, um dort Kultur weiterzuentwickeln – das finde ich toll.

Was würden Sie sich für Ihr Vorhaben wünschen?

Conny Mai: Ich wünsche mir, dass man am Gelingen des Projektes "Kulturquartier Schauspielhaus Erfurt" weniger zweifelt, wir haben schon viel geschafft. Toll wäre auch, wenn sich mehr Leute finden, die uns aktiv unterstützen. Es braucht viele helfende Hände, damit unser Ehrenamt händelbar bleibt.

Andreas Handschuh: Ich wünsche mir, dass die Bauarbeiten in den zwei geplanten Jahren abgeschlossen werden. Dann kann aus dem provisorischen ein dauerhafter Nutzen werden. Und ich wünsche mir, dass wir Anfang 2024 das fertige Haus eröffnen können. Es sind ja drei Partner, die hier ein Zuhause finden können: Der Kinoklub, das Radio F.R.E.I. und das Tanztheater.

Das Haus soll, auch für die nächsten Generationen, ein Ort sein, wo man einfach gerne hingeht und von wo man schöne Eindrücke mit nach Hause nimmt. Interessanterweise wurde das Haus ja schon Ende des 19. Jahrhunderts als Vereinshaus gebaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde es dann direkt wieder zu einem Theater umgebaut. Kunst und Kultur haben damals schon als Gegenpol zur Realität der Nachkriegszeit gewirkt.

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Gerade jetzt, in Anbetracht der Situation in der Ukraine, ist es wichtig, die Idee von Kultur hochzuhalten – auch um zu appellieren, dass der Krieg schnell beendet werden muss.

Vielen Dank für das Gespräch!

*Disclaimer: Das Nachrichtenportal t-online ist ein Angebot der Ströer Content Group, in deren Zusammenarbeit die "Held des Monats"-Aktion entstanden ist.

Verwendete Quellen
  • Telefoninterviews mit Cornelia Mai und Andreas Handschuh
  • Eigene Recherche
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